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Kognitionsforschung

Ortskundige Fasane werden seltener Opfer

Die Bedrohung durch Räuber hat bei Fasanen offenbar zur Entwicklung von räumlichem Erinnerungsvermögen beigetragen. © Slowmotiongli/iStock

Ein „kluges Köpfchen“ zahlt sich für Fasane deutlich aus, geht aus einer experimentellen Studie hervor: Individuen, die in räumlichen Gedächtnistests besonders gut abschneiden, durchstreifen größere Heimatbereiche und werden seltener von Füchsen erbeutet. Möglicherweise wissen die Vögel besonders gut, an welchen Stellen die Räuber bevorzugt lauern, oder sie kennen dort günstige Fluchtmöglichkeiten. An den Ergebnissen wird deutlich, wie kognitive Fähigkeiten und die Lebensraumnutzung bei Tieren zusammenhängen können, sagen die Wissenschaftler.

Sich in seinem Umfeld gut auszukennen, bietet viele Vorteile: Dieses Prinzip ist auch uns Menschen bekannt und im Tierreich spielt es offensichtlich ebenfalls eine wichtige Rolle. Denn viele Arten bewegen sich nicht einfach zufällig durch die Landschaft – sie haben angestammte Heimatbereiche. Sie besitzen demnach das entsprechende räumliche Erinnerungsvermögen sowie die kognitiven Fähigkeiten, dieses zu nutzen. Es liegt nahe, dass ihnen in den angestammten Revieren dabei spezielle Ortskenntnisse zugutekommen: Sie kennen Verbindungswege, Wasser- und Nahrungsquellen oder wissen, wo Artgenossen häufig anzutreffen sind. Zudem ist anzunehmen, dass sie in ihrem Heimatbereich Gefahrenquellen kennen und meiden.

Getesteten Fasanen auf der Spur

Doch all dies beruht größtenteils auf Annahmen – experimentelle Hinweise auf den Zusammenhang zwischen kognitiven Fähigkeiten und Aspekten der Lebensraumnutzung gibt es bisher kaum. Diesem Forschungsthema hat sich nun ein internationales Team aus Wissenschaftlern gewidmet – und zwar am Beispiel des Fasans (Phasianus colchicus). Es ist bekannt, dass sich diese hauptsächlich am Boden lebenden Vögel innerhalb von recht klar definierten Heimatbereichen bewegen, die eine Kernzone und eine etwas weniger besuchte Peripherie aufweisen.

Für ihre Studie zogen die Forscher 126 junge Fasane auf und unterzogen sie dann im jugendlichen Alter „Intelligenztests“ mit Bezug zum räumlichen Erinnerungsvermögen und der Orientierungsfähigkeit. Unter anderem wurde dabei erfasst, wie gut sich die Tiere den Weg durch ein Labyrinth zu einer Futterquelle einprägen konnten. Es zeigte sich, dass einige Fasane dabei deutlich „cleverer“ den Weg zum Ziel wiederfanden als andere. Anschließend wurden alle Versuchstiere in einer naturnahen Umgebung mit Mischwäldern, Grasland und Ackerland freigelassen. Sie trugen dabei kleine Sender, die genau dokumentierten, welche Heimatbereiche die Fasane dort etablierten. Zudem konnten die Forscher durch das Ortungssystem erfassen, wann und wo ein Tier zu Tode kam. Anschließende Untersuchungen klärten dabei auch die jeweilige Ursache.

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Wie das Team berichtet, zeichnete sich in den Datenauswertungen zunächst ein grundlegender Zusammenhang ab: Diejenigen Vögel, die bei den kognitiven Tests besser abgeschnitten hatten, etablierten vergleichsweise große Heimatbereiche – sie entwickelten einen weiteren Aktivitätsradius als Individuen mit bescheideneren Leistungen. Was die Todesfälle betrifft, zeigte sich: Etwa 40 Prozent der Fasane waren während des sechsmonatigen Untersuchungszeitraums durch Füchse erbeutet worden. Statistisch waren die bei den Tests erfolgreichen Exemplare davon etwas weniger betroffen, ergaben die Auswertungen.

Mit „Wissen“ gegen Räuber

Ein weiterer Befund legte dabei nahe, dass dies mit den vergleichsweise guten Ortskenntnissen der Fasane verbunden sein könnte. Denn grundsätzlich zeigte sich, dass diese Vögel häufiger in den Randbereichen ihres jeweiligen Heimatgebiets erbeutet werden, wo sie sich wohl weniger gut auskennen als in den Kernbereichen. Aus den Ergebnissen ging hervor, dass dabei mangelnde Kenntnis ausschlaggebend ist und nicht das Gefahrenpotenzial an bestimmten Stellen. Denn andere Versuchstiere, die dieselben Stellen gut kannten, starben dort nicht mit erhöhter Wahrscheinlichkeit. “Bei Fasanen ist die Erfahrung in einem Gebiet offenbar viel wichtiger für die Vorhersage, ob sie von Raubtieren getötet werden, als die Gefährlichkeit des Gebiets selbst”, sagt Erst-Autor Robert Heathcote.

Ihm zufolge könnten den Fasanen zwei Erfahrungswerte zugutekommen: “Raubtiere wie Füchse sind in ihrem Jagdverhalten oft von Gewohnheiten geprägt, sodass Fasane in der Umgebung möglicherweise bestimmte Orte kennen, an denen sich die Räuber bevorzugt an sie heranpirschen. Eine andere Erklärung ist, dass Fasane mit der Zeit mehr Wissen über die schnellsten und sichersten Fluchtmöglichkeiten vor Ort erlangen, wenn sie angegriffen werden“, sagt Heathcote.

Abschließend fasst Co-Autor Joah Madden von der University of Exeter die Bedeutung der Ergebnisse zusammen: “Sie legen nahe, dass grundlegende räumliche Fähigkeiten mit der realen Raumnutzung in der freien Natur in Zusammenhang stehen und sich entscheidend auf das Überleben von Individuen bei Bedrohungen durch Räuber auswirken. Wir konnten zeigen, dass das Wissen über ein Gebiet Fasanen hilft, am Leben zu bleiben, und dies bedeutet, dass diese kognitiven Fähigkeiten durch natürliche Selektion geformt werden können. Wir verstehen jetzt ein bisschen mehr darüber, wie sich kognitive Fähigkeiten bei Tieren entwickeln können“, so der Wissenschaftler.

Quelle: University of Exeter, Fachartikel: Nature Ecology and Evolution, doi: 10.1038/s41559-022-01950-5
https://www.nature.com/articles/s41559-022-01950-5

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