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Erde+Umwelt

Pestizidbelastung auch bei Insekten in Naturschutzgebieten

Insektenfalle
In solchen Netzfallen wurden die Insekten gefangen. (Bild: EVK/ CC-by-sa 4.0)

Selbst in Naturschutzgebieten sind Insekten nicht vor Pestiziden geschützt, wie eine Studie aus 21 deutschen Schutzgebieten enthüllt. Die Forscher fanden dabei in allen Insektenproben Pflanzenschutzmittel, im Schnitt trugen die Tiere 16 verschiedene Pestizide in sich. Aufgenommen hatten die Insekten diese Chemikalien von umliegenden Feldern. Um dies in Zukunft zu verhindern, sollten Naturschutzgebiete nach Ansicht der Wissenschaftler von Pufferzonen mit nur ökologischer Landwirtschaft umgeben werden.

In den letzten Jahrzehnten sind die Bestände der Insekten weltweit stark zurückgegangen. Allein in Deutschland hat sich die Biomasse fliegender Insekten in 27 Jahren um gut 75 Prozent reduziert und auch andere Arthropoden sind messbar weniger geworden, wie Langzeitstudien belegen. Als mögliche Ursachen stehen neben dem Verlust von Lebensräumen durch die intensive Landnutzung des Menschen auch Pestizide im Verdacht.

Inwieweit solche Spritzmittel selbst in Naturschutzgebiete eingetragen werden und dort Insekten belasten, hat nun ein Forschungsteam um Carsten Brühl von der Universität Koblenz-Landau untersucht. Dafür hatten sie über ein Jahr hinweg die Insektenproben ausgewertet, die in sogenannten Malaisefallen gefangen wurden. Dabei fliegen die Tiere in eine Art Netzkäfig und fallen dort in einen Behälter mit Alkohol. Dieser konserviert sie nicht nur, er wirkt auch als Lösungsmittel für die Pestizide. Das ermöglichte es den Wissenschaftlern, direkt die Belastung in und auf den Insekten zu analysieren. „Mit unserer Methode können 92 aktuell in Deutschland zugelassene Pestizide gleichzeitig in geringen Mengen analysiert werden“, erklärt Brühls Kollege Nikita Bakanov.

Keine Probe ohne Pestizide

Das Ergebnis: In keinem einzigen der 21 untersuchten Naturschutzgebiete waren die Insekten frei von Pestiziden. Stattdessen fanden die Forschenden im Schnitt 16,7 verschiedene Chemikalien in den Tieren – die Spanne reichte von sieben bis 27 gemeinsam nachgewiesenen Pestiziden. „Unsere Daten zeigen deutlich, dass Insekten in Naturschutzgebieten mit einem Cocktail aus Pestiziden belastet sind“, sagt Brühl. Durch Wechselwirkungen der Mittel untereinander und sich gegenseitig verstärkende biologische Effekte könnte dies die Schadwirkung erhöhen. Schon länger vermuten Wissenschaftler, dass dieser kumulative Effekt der Pestizide entscheidend für den Insektenrückgang sein könnte.

Unter den insgesamt 47 nachgewiesenen Spritzmitteln waren 13 Herbizide, 28 gegen Pilzbefall eingesetzte Fungizide und sechs Insektizide. Sogar das seit August 2020 im Freiland verbotene Neonicotinoid Thiacloprid wiesen die Wissenschaftler in Insekten aus 16 der 21 Naturschutzgebiete nach. „Das häufige Vorkommen von Thiacloprid in unseren Proben spiegelt wahrscheinlich wider, dass die Bauern die letzte Chance genutzt haben, ihre Vorräte dieses Mittels noch zu verspritzen“, erklären Brühl und seine Kollegen. Um Bauern genau dies zu ermöglichen, wurde ihnen noch bis Februar 2021 eine Übergangsperiode für das „Ausschleichen“ des Mittels eingeräumt. Doch genau dies hat dazu geführt, dass besonders viel des schädlichen Thiacloprids ausgebracht wurde. „Es erscheint daher ratsam, keine solchen Übergangsperioden mehr einzuräumen und die Vorräte lieber zu vernichten als sie trotz erwiesener Schadwirkung noch freizusetzen“, konstatieren die Forscher.

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Pufferzonen nötig

Doch woher kommen die Pestizide mitten in den Naturschutzgebieten? Innerhalb solcher Schutzgebiete ist ein Einsatz von Spritzmitteln in Deutschland verboten. Das Forschungsteam hat deshalb seine Daten mit einer ökologischen Raumanalyse kombiniert. „Wir wollten herausfinden, wo die Insekten die Pestizide aufnehmen“, erklärt Co-Autorin Lisa Eichler vom Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung in Dresden. Dies zeigte, dass die Quelle der Kontamination nicht die Schutzgebiete selbst sind, sondern die umliegenden Felder. „Die Flugstrecken von Insekten variieren von weniger als hundert Metern bis zu mehreren Kilometern“, erklären die Forschenden. Ihren Daten zufolge lag der Flugradius der untersuchten Insekten im Schnitt bei zwei Kilometern – und reichen damit weit in die konventionell bewirtschaftete Landschaft hinein.

Nach Ansicht von Brühl und seinen Kollegen demonstriert dies, dass beim Zuschnitt der Naturschutzgebiete dringend nachgebessert werden muss. Denn bisher sind die meisten Naturschutzgebiete in Deutschland eher klein und weisen keinerlei Pufferzone zu gespritzten Feldern auf – oft grenzen solche Felder direkt an die Schutzgebiete. Ausgehend von ihren Ergebnissen fordern die Wissenschaftler, zum besseren Schutz der Insekten künftig zwei Kilometer breite Pufferzonen um die Schutzgebiete auszuweisen. „Streng geschützte Lebensräume nach EU-Recht würden dann auch in der Realität vor Pestizideinflüssen geschützt“, sagt Brühl.

Quelle: Universität Koblenz-Landau; Fachartikel: Scientific Reports, doi: 10.1038/s41598-021-03366-w

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