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Reizvolle Regionen

Wald des Wachsens – Der Thüringer Wald

Der Blick vom Rennsteig auf den Thüringer Wald Foto: Andreas Vitting/imageBROKER/Shutterstock (9673796a)

Johann Wolfgang von Goethe fand unter diesen Bäumen Inspiration für seine Bücher. Buckelapotheker verbreiteten die hiesigen Heilkräuter in ganz Mitteleuropa. Und die Idee des Kindergartens nahm hier ihren Anfang. Eine Entdeckungsreise in den Thüringer Wald.

Dichter Nebel liegt über dem Wald. Er dringt überall ein, das Weiß wabert zwischen den dichten Fichtenstämmen und vor uns auf dem Schotterweg. Es nieselt leicht, die Jacken sind feucht und klamm. Der Wegesrand ist gesäumt von Heidelbeersträuchern und zwischen den Blättern sind feine Spinnennetze gespannt, sichtbar nur durch kleine Wassertröpfchen, die sie benetzen. Ein bisschen sauer sind die kleinen, runden Früchte; dunkelblaue Fingerkuppen verraten die Naschkatzen der Gruppe.
Mit Roland Holland-Letz sind wir unterwegs im Unesco-Biosphärenreservat Thüringer Wald. Der Naturführer trägt einen Lederhut, geschmückt mit Federn. 1979 wies die internationale Organisation das Vessertal als erstes Biosphärenreservat in Deutschland aus, 2016 wurde es zum Biosphärenreservat Thüringer Wald umbenannt und erweitert. Quer hindurch verläuft der Rennsteig. Der Kammweg von Hörschel an der Werra über Eisenach, durch das Mittelgebirge Thüringer Wald, das Thüringer Schiefergebirge und den Frankenwald bis nach Blankenstein an der Saale ist der älteste Fernwanderweg Deutschlands. Bewandert wird er schon seit vielen Jahrhunderten, damals noch als Grenzweg zwischen verschiedenen Fürstentümern. Noch immer lässt sich am Wegesrand ab und zu ein Grenzstein entdecken.

Wandern auf dem Rennsteig
Foto: Salome Berblinger

Wir wandern auf einer der 44 sogenannten Rennsteigleitern – das sind Wege in den Seitentälern, die an den eigentlichen Rennsteig angebundene sind. Unser Ziel: der Schneekopfturm auf dem 978 Meter hohen Gehlberger Hausberg, der höchst gelegene Turm Thüringens. Das klingt nach atemberaubenden Aussichten. Doch davon zeugen an diesem Tag leider nur die Grafiktafeln oben in der verglasten Spitze des Schneekopfturms. Sie verraten uns zum Beispiel, wo wir Oberhof sehen könnten, wo jedes Jahr der Biathlon-Weltcup stattfindet. Doch heute liegt die Stadt verborgen in undurchdringlichem Nebel.

Tod, Teufel und Poesie

Der Schneekopf ist seit dem 19. Jahrhundert ein beliebtes Reiseziel. Naturführer Holland-Letz sagt: „Fernreisen in die weite Welt gab es damals noch nicht. Wer es sich leisten konnte, nahm stattdessen eine Kutsche und fuhr hier hoch, um sich in der frischen Waldluft zu vergnügen.“ Seither gibt es eine kleine Hütte für die kurze Rast. Der Kulturwald hier oben besteht hauptsächlich aus schnell nachwachsenden Fichten und ist die Ressource schlechthin. „Die Thüringer wurden immer ‚Löffelschnitzer‘ genannt, weil sie aus dem Holz allerlei Waren herstellten“, erzählt Holland-Letz. Das Gewerbe der Köhler war es, große Mengen Material zu Holzkohle zu verarbeiten. Dazu schichteten sie auf einem runden Platz mit zehn bis 15 Metern Durchmesser Holz auf, deckten den Berg mit Stroh und Erde ab und zündeten ihn an. In der Hitze des Schwelbrands, der ohne Sauerstoffzufuhr im Inneren eines solchen Meilers entsteht, wird aus den Holzscheiten schließlich Kohle. Diese nutzten zum Beispiel Glasbläser aus der Region, um die für ihr Handwerk nötigen hohen Temperaturen zu erreichen.

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Weiter geht die Fahrt zum Schneekopfmoor im Kerngebiet des Biosphärenreservats. Es wächst etwa einen Millimeter pro Jahr und ist mehrere Meter dick; deshalb muss es rund 4000 Jahre alt sein. Das Moor speichert Wasser für den Wald und dient als wichtiger CO2-Speicher. Das ist auch einer der Gründe, warum es Schutzstatus genießt und von Besuchern nicht direkt betreten werden darf. Glaubt man den Mythen, ist das auch besser so.

So soll einst das Pferd eines Bauern in der Nähe des Moores geweidet und sich verirrt haben. Das Tier geriet in ein Moorloch und sank immer weiter ein. Kurz bevor es vollständig verschwand, entdeckte es der Bauer auf seiner Suche und schnitt ihm gerade noch den Schweif ab. Er dachte: „Verfluchter Teufel, den sollst du nicht auch noch haben. Der Jäger kauft mir den Schweif bestimmt ab, um damit Wacholderdrosseln zu fangen.“ Als er nach Hause zurückkehrte, stürmte ihm die Magd aufgeregt entgegen. Das Pferd war wieder da – doch es fehlte ihm der Schwanz. „Die Moral von der Geschichte: Sei nicht so hartherzig und habgierig“, sagt Holland-Letz. „Vor dem Teufel haben die Menschen Angst, er ist immer der Inbegriff des Bösen. In den Geschichten, die hier spielen, bewirkt er etwas Positives. Er belehrt die Menschen eines Besseren.“
Wer die Geschichten hört, könnte auf die Idee kommen, Johann Wolfgang von Goethe habe sich im Thüringer Wald zu seinem Mephisto inspirieren lassen. Der Dichter war jedenfalls oft und gerne zu Besuch. Auf die Bretterwand einer Jagdhütte auf dem Berg Kickelhahn schrieb er 1780 sein Gedicht „Wanderers Nachtlied“: „Ueber allen Gipfeln// Ist Ruh,// In allen Wipfeln// Spürest Du// Kaum einen Hauch;// Die Vögelein schweigen im Walde.// Warte nur – balde// Ruhest Du auch.“

Schneekopfkugel vukanischen Ursprungs
Foto: Shutterstock / Jan Leichsenring

Wir geben Goethe recht, zur Ruhe kommen können Wanderer hier tatsächlich. Fast schon meditativ ist der Besuch für diejenigen, die auf die Suche nach den sogenannten Schneekopfkugeln gehen. Die Kugeln haben einen Durchmesser von mehreren Zentimetern und sind grau wie Beton. Das Magmagestein, aus dem sie bestehen, heißt Rhyolith und gibt einen Hinweis darauf, wie die Schneekopfkugeln entstanden sind. „Wir befinden uns in einem Gebiet vulkanischen Ursprungs“, erklärt Holland-Letz. „Als vor rund 250 Millionen Jahren Lava an die Oberfläche drang, haben sich Gasblasen gebildet. Das Gestein erkaltete und in den Blasen formten sich Kristalle.“ So unscheinbar wie die Schneekopfkugeln von außen, so wunderschön sind die Farben und Strukturen innendrin. Als der Naturführer eine Halbkugel aus der Jackentasche zieht, staunen wir über die weißen und blauen Kristalle und den rostroten Achat im Inneren. „Rauchquarz, Amethyst, das kann man alles in den Kugeln finden. Direkte Grabungen sind natürlich nicht erlaubt. Aber ab und zu spült Regenwasser kleine Schneekopfkugeln oder Bruchstücke frei.“

Im Ort Großbreitenbach mit seinen typisch schiefergedeckten Häusern besuchen wir das „Thüringer Wald-Kreativ-Museum“, das in einem Wohnhaus aus dem Jahr 1730 beherbergt ist. Die Türbemalungen und Stuckdecken sind teilweise noch erhalten, ausgestellt ist traditionelles Handwerk aus dem Thüringer Wald: handbemaltes Porzellan, Holz- und Metallkloßpressen und historische Gerätschaften aus der Forstwirtschaft. Für Naturliebhaber noch interessanter ist der große Kräutergarten hinter dem Gebäude mit mehr als 150 Thüringer Heilpflanzen. Ihrer medizinischen Wirkung ist es zu verdanken, dass sich Kräuter schon seit dem Mittelalter großer Beliebtheit erfreuen. Aufgrund der verschiedenen Höhenlagen und Bodenarten gibt es sie im Thüringer Wald seit eh und je in großer Vielfalt. Deshalb gelten er und das angrenzende Schwarzatal als Olitätenregion. Olitäten sind Naturheilmittel wie Öle, Tinkturen und Salben auf Heilkräuterbasis, deren Handel hier auf dem Rücken der sogenanten Buckelapotheker ihren Anfang nahm.

Geburtsort des Kindergartens

Neben den vielen Kräutern gibt es einen weiteren Exportschlager aus dem Thüringer Wald, den jeder kennt, dessen Ursprung aber kaum einer hier verorten würde: den Kindergarten. Um seinen Geburtsort zu finden, müssen wir tief hinein ins Schwarzatal, immer entlang an seinem namensgebenden Fluss, der Schwarza. An der Station Obstfelderschmiede steigen wir mit zahlreichen Tagesausflüglern aus dem Zug in die Oberweißbacher Bergbahn um. Die Sonne scheint und wir fahren „oben ohne mit dem Cabriowagen“. So nennt der Bahnführer den Aufsatz auf der Güterbühne, die uns in einer guten Viertelstunde von der Talstation bis nach Lichtenhain fährt. Auf der Hälfte der waldigen Strecke kommt uns das Gegenstück entgegen: ein stufenförmiger Wagen mit weiteren Fahrgästen an Bord. Wie zwei Gewichte hängen die Wagen der Bergbahn am Seil.

Gemeinsames Lernen im Fröbelwald Foto: Oberweißbacher Berg- und Schwarzatalbahn

Oben toben Kinder auf einem großen Klettergerüst aus Holz. Hier beginnt der Fröbelwald – ein Spielplatz und Walderlebnispfad, aufgebaut nach den Vorstellungen des hiesigen Pädagogen Friedrich Fröbel. „Er war ein großer Naturfreund, was sich in seinem Erziehungsmodell zeigt. Alles ist mit der Natur verbunden und geht auf sie zurück“, sagt Gerd Eberhardt, einer der langjährigen Mitarbeiter des „Memorialmuseum Friedrich Fröbel“ in dessen Geburtshaus in Oberweißbach. „Zersägt man einen Baum, entsteht zum Beispiel die Form einer Walze.“ Sie ist einer der geometrischen Körper, aus denen das Klettergerüst im Fröbelwald aufgebaut ist: ganz unten der Würfel, darauf die Walze und oben drauf die Kugel. Mit diesen drei Grundformen bauen Kinder auf der ganzen Welt ihre ersten Häuser, Mauern und Türme. Die vor 200 Jahren von Fröbel entwickelten Baukästen sind heute wie damals in Kinderzimmern beliebt und regen zum Konstruieren und Experimentieren an.
Fröbel hat einst gesagt: „Erziehung nimmt und beachtet jedes Wesen. Als eine Knospe an dem großen Lebensbaume.“ Ein Ort, an dem Kinder wachsen und gedeihen, ist der vom Thüringer Pädagogen im Jahr 1840 benannte „Kindergarten“. Im selben Wortlaut ohne Übersetzung gibt es die Einrichtung mittlerweile in 47 Sprachen. Damals war die Idee revolutionär und eröffnete neue Möglichkeiten: Bildung für die Kinder, die Möglichkeit zu arbeiten für die Frauen.
„Wir sind schon stolz auf unseren Vorfahren“, sagt Eberhardt. So gehen etwa viele typische Basteleien, wie das Prickeln oder Papier flechten und falten auf Fröbel zurück. Auf dem ihm gewidmeten Waldpfad lernen Kinder und Erwachsene spielerisch die Namen der Bäume und anderer Waldpflanzen und mehr über die Tiere, die hier leben. Und auch Schattenspiele, bei denen Kinder mit Hilfe ihrer Hände Tierfiguren formen, waren Fröbels Idee.
Als wir mit der Bergbahn zurück ins Tal fahren, liegt der Fichtenwald neben den Gleisen ruhig da. Nur das leise Rattern der Räder auf den Schienen ist zu hören. Für alle, denen es wie Goethe geht, wird das nicht die letzte Fahrt durch den Thüringer Wald sein. 1795 schrieb der Dichter an seinen Freund Friedrich Schiller: „Ich war immer gerne hier und bin es noch; ich glaube, es kommt von der Harmonie, in der hier alles steht …“

Diese Reise nach Thüringen wurde unterstützt von „Fahrtziel Natur“, einer Kooperation der Umweltverbände BUND, Nabu und VCD und der Deutschen Bahn.

Der vollständige Text erschien in der Ausgabe natur 3/20, welche Sie hier bestellen können.

Tipps

Anreise:
Den Thüringer Wald als „Grünes Herz Deutschlands“ zu bezeichnen, ist durchaus berechtigt. Er liegt in der Mitte der Bundesrepublik und ist mit der Bahn über Erfurt gut zu erreichen. Als einer von 23 Fahrtziel-Natur-Gebieten kann der Thüringer Wald von Übernachtungsgästen mit dem Rennsteig-Ticket kostenlos bereist werden.

Bergbahn:
Eine Bahnfahrt der besonderen Art erleben Sie vor Ort mit der Oberweißbacher Bergbahn. Die Standseilbahn mit zwei Wagen überwindet rund 323 Höhenmeter bei einer Steigung von 25 Prozent.

Wanderwege: Der Thüringer Wald ist das größte zusammenhängende Waldgebiet Deutschlands. Quer hindurch verläuft der Rennsteig. Der bekannte Höhenwanderweg hat eine Länge von etwa 170 Kilometern.

Biosphärenreservat: Wanderungen mit Naturführern können Sie im Informationszentrum Unesco-Biosphärenreservat Thüringer Wald vereinbaren.

Kräuterland: In Thüringen wachsen noch heute zahlreiche verschiedene Heilkräuter. Wo Sie die Pflanzen finden und wie Sie sie richtig verarbeiten, lernen Sie in Ruth Bredenbecks „Kräuterschule Großbreitenbach“.

Kultur erwandern:
„Nur, wo du zu Fuß warst, bist du auch wirklich gewesen“ – ganz im Sinne von Johann Wolfgang von Goethe wandern Literaturinteressierte ausgehend von der Universitätsstadt Ilmenau auf dem rund 20 Kilometer langen Goethewanderweg. Er führt an den Wirkungsstätten des Dichters vorbei. Wer mag, macht einen Halt im Goethe-Stadt-Museum.

Die Wartburg:
Sie ist Unesco-Welterbe und Nationaldenkmal Deutschlands. Martin Luther versteckte sich in ihren Gemächern vor Kaiser und Kirche; hier erklangen die Lieder von Walther von der Vogelweide und Dichtungen von Wolfram von Eschenbach. Im Anschluss an eine Burgbesichtigung kann man im Wartburgmuseum Kunstwerke vorwiegend aus dem 19. Jahrhundert besichtigen.

Kulinarik:
Frische Forelle aus dem eigenen Teich, Thüringer Wild, Würste und Klöße serviert Familie Gastinger auf selbst hergestellter Keramik. Im Hotel in Schmiedefeld am Rennsteig gleicht kein Zimmer dem anderen.

Geburtsort des Kindergartens:
Mehr über den Schöpfer des Kindergartens erfahren Sie im Memorialmuseum Friedrich Fröbel in dessen Geburtshaus in Oberweißbach oder im Friedrich-Fröbel-Museum in seinem Wirkungsort Bad Blankenburg.

Handwerk:
Einblicke in das kunstvolle Handwerk der Glasbläser bekommen Sie im Thüringer Museumspark in Gehlberg. Dort sind auch zahlreiche Schneekopfkugeln ausgestellt.

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