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Tierische Kommunikation

Schimpansen rufen zur Rudel-Jagd auf

Appetit auf Fleisch macht Schimpansen zu Rudeljägern: In den Baumkronen erbeuten sie Stummelaffen. © Kibale Chimpanzee Project

Wenn das „Jagdbellen“ durch den Wald schallt, bekommen es Stummelaffen mit einer Horde blutrünstiger Schimpansen zu tun: Auch unsere nächsten Verwandten im Tierreich koordinieren gemeinschaftliche Aktionen durch Kommunikationslaute, zeigt eine Untersuchung. Durch einen spezifischen Ruf rekrutieren sie demnach Gruppenmitglieder für die Jagd und steigern dadurch die Erfolgschancen der Beutezüge. Die Studie wirft damit auch Licht auf die Wurzeln der kooperativen Kommunikation in der menschlichen Stammesgeschichte, sagen die Forscher.

Viel pflanzliche Kost steht auf ihrem Speiseplan – doch Schimpansen (Pan troglodytes) sind keineswegs reine Vegetarier. Ihr Appetit auf Fleisch macht sie sogar zu ausgesprochen rabiaten Raubtieren. Dabei haben sie es vor allem auf Stummelaffen (Procolobus tephrosceles) abgesehen. Um diese flinken Beutetiere in den Baumkronen zu fangen, ist eine Kooperation bei der Jagd vorteilhaft: Die Stummelaffen werden dabei von einigen Tieren in die Fänge anderer gehetzt. Anschließend wird die Beute gemeinschaftlich verspeist. Es war bereits bekannt, dass Schimpansen im Rahmen dieses Jagdverhaltens spezielle Laute von sich geben. Diesem sogenannten Jagdbellen haben die Wissenschaftler um Joseph Mine von der Universität Zürich nun eine genauere Untersuchung gewidmet.

Audio: So klingt der Jagd-Ruf der Schimpansen. © Claudia Wilke, PhD

Dem Effekt des Jagdbellens auf der Spur

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Für ihre Studie haben die Verhaltensforscher Untersuchungsdaten von rund 230 Jagdereignissen ausgewertet, die in den letzten 25 Jahren in einer freilebenden Schimpansengemeinschaft in Kanywara in Uganda erfasst wurden. Es handelte sich dabei vor allem um Aufzeichnungen des Rufverhaltens, über die Bildung und den Umfang der Jagdgruppen sowie zum späteren Erfolg der Gemeinschaftsaktionen. Durch spezielle Auswertungsverfahren konnten die Wissenschaftler diese Informationen miteinander in Verbindung setzten. Wie sie berichten, zeichnete sich dabei die erhebliche Bedeutung der speziellen Kommunikationslaute im Rahmen der Stummelaffen-Jagd ab. Das Jagdbellen katalysiert demnach das kooperative Verhalten in dem schwierigen Umfeld der dichten Vegetation geradezu: Gruppenmitglieder werden für die Jagd mobilisiert und die Erfolgschancen steigen bei viel Gebell.

„Schimpansen, die es von sich geben, teilen ihrer Umgebung mit, dass sie zur Jagd motiviert sind. Diese Information kann zögernde Individuen überzeugen, sich anzuschließen, was die Erfolgschance auf Beute für alle Beteiligten erhöht“, erklärt Mine. „Auffallend ist, dass sich nach dem Jagdbellen mehr Jäger anschließen, die Jagd schneller beginnt und der erste Fang weniger Zeit benötigt“, berichtet der Verhaltensforscher. Die Wissenschaftler berücksichtigten auch eine ganze Reihe anderer Faktoren, die den Ausgang einer Jagd beeinflussen können – unter anderem die Anwesenheit geschickter, erfahrener Jäger oder potenzielle Ablenkungen. Das Jagdbellen nahm jedoch stets die Schlüsselrolle in dem System ein, geht aus den Auswertungen hervor.

Tierverhalten mit anthropologischer Dimension

Die genaue Bedeutung des Jagdbellens bleibt allerdings noch geheimnisvoll. Durch weitere Untersuchungen wollen Mine und seine Kollegen nun die Wirkungen detaillierter aufdecken: „Derzeit ist noch unklar, ob die Rufe nur die Entscheidung einzelner Tiere zur Jagd ankündigen, um weitere zu rekrutieren, oder ob sie gezielt abgegeben werden, um die genauen Handlungen in der Gruppe zu koordinieren“, sagt Seniorautor Simon Townsend von der Universität Zürich.

Neben den Einblicken in die Kommunikationsfähigkeiten der Schimpansen haben die Forschungsergebnisse auch eine wichtige Bedeutung für die Anthropologie, sagen die Wissenschaftler. Denn man geht davon aus, dass sich die speziellen Begabungen zur Kommunikation und Kooperation des Menschen in Abhängigkeit voneinander entwickelt haben: Wurde das eine im Laufe der Zeit komplexer, entwickelte sich auch das andere weiter, sodass ein Rückkopplungskreislauf entstand, der die Entwicklung der Sprache und der Zusammenarbeit vorantrieb. Unklar ist jedoch, wann dieser Prozess in der Entwicklungsgeschichte einsetzte. „Unsere Erkenntnisse sind nun der erste Hinweis darauf, dass vokale Kommunikation auch die Gruppenkooperation bei unseren nächsten lebenden Verwandten erleichtert“, sagt Townsend. Mine ergänzt dazu: „Dies deutet somit darauf hin, dass diese Beziehung sehr alt ist. Die Verbindung scheint seit mindestens sieben Millionen Jahren zu bestehen, also seit unserem letzten gemeinsamen Vorfahren mit den Schimpansen“.

Quelle: Universität Zürich, Fachartikel: Science Advances, doi: 10.1126/sciadv.abo5553

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