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Erde|Umwelt

Stört die Windkraft lokale Nahrungsnetze?

Fledermaus
Fledermaus-Schlagopfer unter einer Windkraftanlage. © Christian Voigt/ Leibniz-IZW

Windkraft ist für die Energiewende wichtig, gleichzeitig tötet die Kollision mit den Rotoren jedes Jahr tausende Vögel und Fledermäuse. Welche Folgen letzteres für die lokalen Nahrungsketten hat, haben Forscher in Brandenburg untersucht. Der Mageninhalt von an Windanlagen getöteten Großen Abendseglern (Nyctalus noctula) legt nahe, dass diese Fledermäuse großen Einfluss auf die lokale Insektenwelt haben. Ihr Verlust könnte daher das Gleichgewicht der Nahrungsnetze stören.

Die Energieproduktion aus Windkraft ist ein wichtiger Baustein der Energiewende und des Klimaschutzes. Sie trägt zum Ausstieg aus fossilen Brennstoffen bei und ist daher für eine klimaverträgliche Stromversorgung in Deutschland nahezu unverzichtbar. Allerdings sind Windkraftanlagen auch stark umstritten, weil sie lokalen Naturschutzbemühungen entgegenlaufen können. Der Grund: Vögel und Fledermäuse kollidieren oft mit den Rotoren. Schätzungen zufolge sterben dadurch in Mitteleuropa bis zu 14 Fledermäuse pro Windturbine und Jahr, das summiert sich für die rund 30.000 Onshore-Windanlagen in Deutschland auf mehrere Millionen Tiere jährlich.

Welche Insekten stehen auf dem Fledermaus-Speiseplan?

Was aber bedeutet der Tod von Fledermäusen für de lokalen Nahrungsnetze? Bisher konnten darüber nur Vermutungen angestellt werden, weil es an Daten fehlte. Deshalb haben Carolin Scholz und Christian Voigt vom Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) in Berlin dies am Beispiel von Rotorschlagopfern in Brandenburg näher untersucht. Für ihre Studie analysierten sie den Mageninhalt von 17 Großen Abendseglern (Nyctalus noctula), die dort an Windkraftanlagen zu Tode kamen. Über DNA-Analysen bestimmten sie, welche Insekten diese Fledermäuse kurz vor ihrem Tod gefressen hatten.

Die Auswertung ergab: „Wir fanden DNA-Barcodes von 46 Insektenarten aus neun Ordnungen, die meisten davon Käfer und Nachtfalter“, sagt Scholz. „Die Insektenarten ließen sich einer Vielzahl unterschiedlicher Lebensräume, von Ackerflächen über Grünland bis zu Wäldern und Feuchtgebieten, zuordnen.“ Zwanzig Prozent der von den Fledermäusen vertilgten Insektenarten gelten in der Land- und Forstwirtschaft als Schädlinge oder Lästlinge, darunter der Waldbock (Spondylis buprestoides), der Esskastanienbohrer (Curculio elephas) oder der Eichenwickler (Cydia splendana). Eine ergänzende Literatur-Auswertung bestätigte, dass Fledermäuse eine wichtige Rolle in der Kontrolle von Schadinsekten spielen und sogar lokale Ausbrüche unterdrücken können.

Störung der lokalen Nahrungsnetze

Nach Ansicht der Wissenschaftler unterstreichen diese Ergebnisse, dass Fledermäuse eine wichtige Rolle bei der natürlichen Regulierung von Insektenbeständen haben können und dass sie damit wertvolle „Service-Leistungen“ für Land- und Forstwirtschaft bereitstellen. Wenn die lokalen Fledermaus-Populationen durch den Rotorschlag zurückgehen, könnte dies demnach auch Folgen für die Insektenpopulationen und damit das Gleichgewicht der lokalen Nahrungsnetze haben. „Es verschwinden nicht nur Individuen aus der Landschaft, sondern potenziell gehen auch ihre Interaktionen in komplexen Nahrungsnetzen verloren“, erklärt Scholz.

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Hinzu kommt: Weil viele Fledermausarten nur geringe Reproduktionsraten haben, können sie die Verluste durch die Schlagopfer nur schwer ausgleichen. Im Extremfall könnte das bedeuten, dass es in einer Region dadurch dauerhaft weniger Fledermäuse gibt. Der Verlust von Fledermäusen und ihres Einflusses auf Nahrungsketten würde dann die Ökosysteme auch anfälliger gegenüber Störungen machen, vermutet das Forschungsteam. „Auf welche Weise sich die Energiewende auf die biologische Vielfalt in den betroffenen Lebensräumen auswirkt, müssen wir noch erheblich genauer verstehen“, sagt Voigt. Er betont jedoch auch, dass Windkraftanlagen eindeutig zum Schutz des Klimas und darüber auch zum Erhalt der Biodiversität beitragen

Abschalten bei hoher Fledermaus-Aktivität

Die Lösung ist daher weniger ein Verzicht auf Windkraft, sondern vielmehr eine Anpassung der Windturbinen und ihres Betriebs. So werden neuere Anlagen mittlerweile in Zeiten hoher Fledermausaktivität zeitweise abgeschaltet, um die Fledermäuse davor zu bewahren, mit den Rotorblättern zu kollidieren. Dies kann die Zahl der getöteten Tiere auf ein bis zwei Individuen pro Jahr und Windturbine reduzieren. Drei Viertel aller Windanlagen in Deutschland sind jedoch noch älteren Baujahrs und werden ohne diese Abschalteinrichtungen betrieben – das müsse sich ändern, so Voigt und Scholz.

Ein erster wichtiger Schritt zum Erhalt der Fledermäuse und ihrer funktionellen Rolle in ihren Lebensräumen wäre daher eine verpflichtende Abschaltung der Windenergieanlagen in Zeiten hoher Fledermausaktivität. Hierfür müsse die Genehmigungspraxis alter Anlagen überdacht werden.

Quelle: Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) im Forschungsverbund Berlin e.V.; Dachartikel: Conservation Science and Practice, doi: 10.1111/csp2.12744

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