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Erde+Umwelt

Tausende noch unbekannte Insekten in Deutschland

Dipteren
Gallmücke und Buckelfliege. (Bild: C. Chimeno, SNSB-ZSM)

Selbst die vermeintlich so gut erforschte Insektenwelt Deutschlands hat noch viel Neues zu bieten. Das legt eine Studie nahe, bei der Biologen mittels Insektenfallen und DNA-Analysen gezielt nach Hinweisen auf sogenannte „Dunkle Taxa“ – noch unentdeckte Arten – gefahndet haben. Das Ergebnis: Allein bei vier exemplarisch betrachteten Familien von Fliegen und Mücken fanden sich Genspuren von tausenden zuvor unerkannten Arten.

Wir kennen bisher erst einen Bruchteil der weltweit auf unserem Planeten lebenden Tier- und Pflanzenarten – so viel ist klar. Vor allem in entlegenen Gebieten und in schwer zugänglichen Lebensräumen tummeln sich unzählige Spezies, die noch kein Mensch zu Gesicht bekommen hat. Im Gegensatz dazu könnte man annehmen, dass es in der dicht besiedelten und stark durch menschliche Eingriffe geprägten Kulturlandschaft Mitteleuropas kaum noch verborgene Arten gibt.

Fahndung nach den „Dark Taxa“ der Insektenwelt

Doch das täuscht: Selbst bei einer so gut untersuchten Tiergruppe wie den Insekten klaffen in der Taxonomie noch große Lücken – auch bei uns in Deutschland. „Rund 33.000 Insektenarten sind in Deutschland bekannt, davon gehören rund zwei Drittel zu den Zweiflüglern (Dipteren) oder den Hautflüglern“, erklären Caroline Chimeno von der Zoologischen Staatssammlung München (SNSB-ZSM) und ihre Kollegen. Gerade die Dipteren – Fliegen und Mücken – umfassen jedoch mehrere Familien, die enorm artenreich sind, aber deren volles Artenspektrum noch nicht vollständig bekannt ist. Vor allem sehr kleine Mücken- und Fliegenspezies von weniger als zwei Millimeter Körperlänge lassen sich zudem nur schwer anhand ihrer Äußerlichkeiten bestimmen.

Deshalb greifen Biologen immer häufiger auf genetische Methoden der Bestimmung zurück, darunter vor allem das DNA-Barcoding. Dabei werden bestimmte genetische Kennsequenzen von Proben ermittelt und mit den Einträgen in Datenbanken verglichen. Anhand der Übereinstimmungen lässt sich dann erkennen, ob man eine bekannte Art vor sich hat oder eine noch nicht zuvor dokumentierte. Tiere, die bei solchen DNA-Barcoding-Studien neue, noch unbekannte DNA-Sequenzen liefern, werden auch als „Dark Taxa“ – dunkle Arten – bezeichnet.

Tausende noch unerkannte Arten

Im Rahmen des Projekts „German Barcode of Life – GBOL III: Dark Taxa“, haben es sich deutsche Wissenschaftler zum Ziel gesetzt, solche unerkannten Arten in Deutschland aufzuspüren und zu kartieren. Ziel ist es, eine Datenbank zu schaffen, mit der jedes unbekannte Tier, das in Deutschland gefunden wird, anhand seiner DNA bestimmt werden kann. Chimeno und ihre Kollegen haben als Teil dieses Projekts ein DNA-Barcoding von Fliegen und Mücken in Bayern durchgeführt. Dafür fingen sie über einen Zeitraum von sechs Jahren an verschiedenen Standorten im Bayerischen Wald, den Allgäuer Alpen und in München Insekten mithilfe von Flugfallen und analysierten die rund 48.000 gefangenen Exemplare anschließend auf ihre DNA hin.

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Die Analysen enthüllten, dass rund die Hälfte der ermittelten DNA-Sequenzen zu zuvor unbekannten Dipteren-Arten gehören mussten. Dabei erwiesen sich vor allem vier schon vorher als potenziell unter-erforscht eingestufte Familien als besonders reich an Dark Taxa: Zuckmücken (Chironomiden), Gallmücken (Cecidomyiidae), Buckelfliegen (Phoridae) und Trauermücken (Sciaridae). Allein aus diesen vier Familien stammte gut die Hälfte aller unbekannten DNA-Barcodes. „Die Gallmücken waren ein besonders dramatischer Fall: Allein von ihnen entdeckten wir 1163 neue Barcode-Indexzahlen (BINs), das entspricht einem Viertel aller Dipteren-BINs“, berichten die Wissenschaftler.

„Der hohe Anteil unentdeckter Artenvielfalt in einem vermeintlich gut untersuchten Land hat uns überrascht. Unsere Untersuchungen deuten darauf hin, dass es viel mehr Insektenarten bei uns gibt, als wir kennen“, sagt Co-Autor Stefan Schmidt von der Zoologischen Staatssammlung München. Umso wichtiger ist es, diese unentdeckte Vielfalt genauer zu erforschen – gerade angesichts des alarmierenden Rückgangs der Insekten in Deutschland und weltweit. „Mit „GBOL III: Dark Taxa“ schaffen wir eine wichtige wissenschaftliche Grundlage, um den Rückgang der Insekten insgesamt in Deutschland besser zu verstehen.“

Quelle: Staatliche Naturwissenschaftliche Sammlungen Bayerns; Fachartikel: Insects, doi: 10.3390/insects13010082

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