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Erde|Umwelt

Traurige Bilanz einer tödlichen Seuche

Viele Frösche und andere Amphibien sind durch den Chytridpilz bedroht. (Bild: Tiffany Kosch)

Der sogenannte Chytridpilz gilt als Hauptverursacher des globalen Amphibiensterbens. Wie viele Arten der für Frösche und Co tödliche Erreger in den letzten Jahrzehnten in Bedrängnis gebracht hat, haben Forscher nun quantifiziert. Demnach ist der Pilz für einen Populationsrückgang bei mindestens 500 Spezies aus aller Welt verantwortlich – 90 davon gelten inzwischen als ausgestorben. Daraus ergibt sich ein trauriger Rekord: Keine andere Seuche hat je in einem solchen Ausmaß zum Verlust von Biodiversität beigetragen, wie das Team berichtet.

Amphibien sind die ältesten landlebenden Wirbeltiere unseres Planeten – doch inzwischen auch die am stärksten gefährdeten. Denn seit Jahrzehnten ist unter Fröschen, Kröten, Salamandern und Molchen ein weltweites Sterben im Gange. Laut der Roten Liste der Naturschutzunion (IUCN) gilt heute rund ein Drittel aller Amphibienarten als in ihrem Gesamtbestand bedroht. Erheblich zu dieser Entwicklung beigetragen hat ein global grassierender Krankheitserreger: Batrachochytrium dendrobatidis, auch Chytridpilz genannt. Dieser ursprünglich aus Asien stammende Erreger kann Amphibien aller Ordnungen über die Haut infizieren und führt bei der Mehrheit der befallenen Tiere zum Tod.

Über 500 betroffene Arten

Klar ist, dass Batrachochytrium dendrobatidis in vielen Teilen der Erde regelrechte Epidemien ausgelöst hat. Doch obwohl der Pilz inzwischen immer besser verstanden ist, konnten Wissenschaftler das wahre Ausmaß der durch ihn verursachten Schäden bisher höchstens schätzen. Es fehlte schlicht an einem entsprechenden Datensatz. Ben Scheele von der Australian National University in Canberra und seine Kollegen haben das nun geändert. Um das pilzbedingte Amphibiensterben zu quantifizieren, werteten sie die Rote Liste der gefährdeten Arten sowie eine Vielzahl von Fachveröffentlichungen zum Artenschwund unter Fröschen und Co aus und sprachen zudem mit Amphibienexperten aus aller Welt.

Die Analyse der gesammelten Informationen ergab ein erschreckendes Bild: Den Ergebnissen zufolge hat der Chytridpilz in den vergangenen 50 Jahren zu einem Bestandsrückgang bei mindestens 501 Amphibienspezies beigetragen – dies entspricht 6,5 Prozent der gesamten Amphibienvielfalt weltweit. 90 von diesen 501 Arten sind inzwischen nachweislich oder sehr wahrscheinlich in freier Wildbahn ausgestorben. Am stärksten von der Seuche in Mitleidenschaft gezogen wurden Populationen in Australien sowie in Zentral- und Südamerika, wie die Forscher herausfanden. Dies stütze die Hypothese, dass sich der Amphibienpilz von Asien aus zuerst in die Neue Welt ausgebreitet habe. Die beispiellose Zerstörungskraft des Pilzes macht ihn zu einer der schädlichsten invasiven Spezies überhaupt. Dem Team zufolge ist der durch die Amphibienseuche verursachte Artenschwund der bisher größte dokumentierte Verlust an Biodiversität, der auf das Konto einer einzigen Erkrankung geht.

Höhepunkt überwunden

Trotz dieser traurigen Bilanz gibt die Arbeit des Teams auch Grund zur Hoffnung. Denn die Daten belegen, dass der Höhepunkt der Seuche überwunden scheint. So war der mit dem Chytridpilz assoziierte Amphibienrückgang in den 1980er Jahren am größten. Seitdem geht die Zahl der neu betroffenen Populationen allmählich zurück und manche Spezies haben sogar schon Resistenzen gegen den tödlichen Erreger entwickelt. Völlige Entwarnung können die Wissenschaftler dennoch nicht geben. Wie sie berichten, zeigen bisher nur zwölf Prozent der vom Rückgang betroffenen Spezies deutliche Zeichen der Erholung. Bei 39 Prozent gehen die Populationszahlen dagegen nach wie vor zurück.

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„Außerdem besteht immer noch das Risiko, dass die Chytridiomykose in neuen Regionen ausbricht“, betonen Scheele und seine Kollegen. Ihre Analysen legen nahe, dass in Zukunft vor allem für größere und in besonderem Maße vom Wasser abhängige Arten mit geografisch eng begrenztem Verbreitungsgebiet das Risiko hoch sein könnte, durch den Chytridpilz in akute Bedrängnis zu geraten. „Zu wissen, welche Spezies zur Risikogruppe gehören, kann uns helfen, künftige Schutzprogramme zu entwickeln und dem Aussterben weiterer Arten besser entgegenzuwirken“, konstatiert Scheele.

Die Rolle des Handels

Dazu muss seiner Meinung nach auch eine strengere Regulierung des Amphibienhandels gehören. Tatsächlich deuten Untersuchungen darauf hin, dass der weltweite Handel mit Fröschen und Co erheblich zur Ausbreitung des Pilzes beigetragen und womöglich sogar erst seine besonders tödlichen Varianten erschaffen hat. Denn durch den Handel kommt es immer wieder zu Kreuzungen zuvor getrennter Erregerpopulationen. „Die vom Menschen vermittelte Ausbreitung von Wildtierpathogenen hat bereits begonnen, die Evolutionsgeschichte des Lebens auf der Erde zu formen“, beschreiben Dan Greenberg und Wendy Palen von der Simon Fraser University im kanadischen Burnaby den Einfluss des globalen Handels in einem Kommentar im Fachmagazin „Science“.

„Wir müssen nun alles in unser Macht stehende tun, um die Pandemie zu stoppen, indem wir den Handel mit Wildtieren auf der ganzen Welt besser kontrollieren“, schließt Scheele. „Hoch aggressive Erkrankungen wie die Chytridiomykose tragen zum sechsten Massenaussterben der Erde bei – und wir haben schon einige ganz wundervolle Arten verloren.“

Quelle: Ben Scheele (Australian National University, Canberra) et al., Science, doi: 10.1126/science.aav0379

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