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Unerwarteter Luftangriff

BSE-Erreger können entgegen der bisherigen Annahme offenbar auch über die Luft übertragen werden. Daher sollten Labore, Schlachthöfe und Futtermittelhersteller entsprechende Vorsichtsmaßnahmen treffen, empfehlen Forscher aus Tübingen und Zürich. Das Team hatte in Laborexperimenten Mäuse eine Art Spray einatmen lassen, das mit den krankmachenden Eiweißen, sogenannten Prionen, versetzt war. Das Ergebnis war erschreckend: Nach kurzer Zeit waren alle Mäuse mit den Prionen infiziert und erkrankten anschließend auch an einer BSE-artigen Krankheit. Dass die Eiweiß-Erreger auf verschiedene Weise übertragen werden können, sei zwar bereits bekannt gewesen, von einer Übertragung durch die Luft sei man bisher jedoch nicht ausgegangen, schreiben die Forscher.

Prionen kommen in zwei verschiedenen Formen vor. In den Nerven und im Gehirn befindet sich normalerweise die körpereigene, gutartige Form. Kommen diese Eiweiße jedoch in Kontakt mit einem krankmachenden Prion, ändert sich ihre Form und sie werden selbst zu einem bösartigen Prion. Durch diesen Dominoeffekt breiten sich auch Prionenerkrankungen wie BSE oder die Creutzfeldt-Jakob-Krankheit aus: Einmal dort angekommen, verklumpen die unlöslichen, krankmachenden Prionen in den Hirnzellen. Mit der Zeit sterben dadurch immer mehr Hirnzellen ab, bis schließlich Löcher im Gehirn entstehen, die immer zum Tod führen. Nach dem Aussehen des Gehirns im Spätstadium heißen die Prionenerkrankungen auch schwammartige Gehirnerkrankungen (spongiforme Enzephalopathien).

Ursache für die BSE-Epidemie, der über 280.000 Rinder in den letzten Jahrzehnten zum Opfer fielen, war infiziertes Tiermehl, das an die Rinder verfüttert wurde. Auch Menschen können sich über die Nahrung anstecken, wenn sie zum Beispiel Rindfleisch von an BSE-erkrankten Kühen essen: Fast 300 Menschen sind auf diese Weise gestorben, in Deutschland glücklicherweise bislang keiner. Auch bei einer Operation kann es durch kontaminierte chirurgische Instrumente oder in seltenen Fällen bei einer Bluttransfusion zu einer Infektion kommen.

Um zu testen, ob auch eine Übertragung von Prionen über die Luft möglich ist, ließen die Forscher nun Mäuse ein einer Inhalationskammer Aerosole einatmen, die feinstzerkleinerte Partikel kranker Mäusegehirne enthielten. Überraschend waren zwei Dinge, so die Wissenschaftler: Die Kürze der Zeit – bereits nach einer Minute waren alle Tiere infiziert – und ein klarer Dosiseffekt. Je länger nämlich die Mäuse der krankmachenden Luft ausgesetzt waren, desto schneller entwickelten sie die Krankheitszeichen.

Bisher hatten Forscher angenommen, dass Abwehrzellen immer eine Rolle bei der Krankheitsentstehung spielen, egal auf welchem Weg die Ansteckung erfolgt: Die Immunzellen sind für die Vermehrung der Prionen und das nachfolgende Eindringen in Nervenendigungen und Gehirn notwendig. Daher untersuchten die Wissenschaftler jetzt, ob das Abwehrsystem auch bei der Übertragung der Krankheitserreger über den Luftweg eine Rolle spielt: Sie wiederholten ihre Experimente mit genetisch veränderten Mäusen, denen bestimmte Anteile des Immunsystems fehlen. Das unerwartete Ergebnis: Das Abwehrsystem spielte keine Rolle bei der Verbreitung der Krankheitserreger. Daraus folgern die Forscher, dass die Prionen direkt über die Atemwege ins Gehirn gelangen. Möglicherweise spielen die freiliegenden Nervenenden des Riechnervs in der Nase dabei eine Rolle.

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Das heiße aber noch nicht, dass man sich mit BSE und Co ähnlich wie mit einer Grippe anstecken kann – man wisse schließlich noch nicht, ob erkrankte Patienten Prionen mit der Atemluft ausscheiden, betont Lothar Stitz: „Das erscheint mir eher unwahrscheinlich, denn dazu müssten erhebliche Mengen von Prionen in Körperflüssigkeiten vorhanden sein und gleichzeitig Bedingungen für eine Aerosolbildung bestehen.“ Allerdings sollten etwa in Schlachtbetrieben, die mit Nervengewebe umgehen, keine Hochdruckreiniger ohne gleichzeitige Schutzmaßnahmen eingesetzt werden.

Lothar Stitz (Friedrich-Loeffler-Institut in Tübingen ): PLoS Pathogens, Bd. 7, Artikel e1001257 dapd/wissenschaft.de – Marianne Diehl
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