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Gewässerökologie

Wasserpilze: Mächtige Unbekannte im Visier

Auch im Wasser sind spezielle Pilze an der Zersetzung von Biomasse und damit am Nährstoffkreislauf erheblich beteiligt. © H. Masigol

Unscheinbar, kaum erforscht – aber ökologisch enorm wichtig: Forscher machen auf die Bedeutung von aquatisch lebenden Pilzarten aufmerksam und setzen sich für deren Untersuchung und Schutz ein. Diese Organismen bilden demnach einen wichtigen Teil des „Verdauungsapparats“ von Gewässern und damit für die Nahrungsnetze. Bedroht sind die aquatischen Pilze unter anderem durch in Gewässer eingetragene Fungizide aus der Landwirtschaft, berichten die Wissenschaftler.

Neben den Pflanzen und Tieren fristen sie ein Schattendasein: Viele Menschen verbinden mit dem Begriff Pilz auch oft nur Champignon und Co. Doch neben diesen sogenannten Ständerpilzen mit ihren auffälligen Fruchtkörpern hat das gigantische Reich dieser Organismen viele weitere Untergruppen mit verschiedenen Lebensweisen und Erscheinungsformen zu bieten. Als Ökosystem-Ingenieure, Symbiosepartner oder Krankheitserreger erfüllen sie in der Natur vielfältige Rollen. Auch für uns Menschen besitzen sie spezielle Bedeutung: Ohne Pilze gäbe es unter anderem kein Penicillin, kein Bier und keinen Hefezopf. Nun rückt ein internationales Forscherteam eine Gruppe von Pilzen in den Fokus, die bislang besonders unbekannt geblieben ist: Arten, die im Wasser leben.

Teil des aquatischen „Verdauungsapparats“

In ihrer Veröffentlichung verdeutlichen die Wissenschaftler zunächst die große ökologische Bedeutung dieser Organismen. Denn sie bilden Geflechte und Zellstrukturen in allen Gewässertypen – von kleinen Pfützen bis zu den Ozeanen und sogar in Eis und Schnee kommen sie vor. Es gibt den Forschern zufolge bisher zwar nur grobe Schätzungen über den Anteil der Pilze an den Mikroorganismen in unterschiedlichen Gewässern, doch der kann offenbar erheblich sein: In Süßgewässern könnten sie bis zu 50 Prozent der Kleinstlebewesen mit Zellkern ausmachen. Entsprechend groß ist ihre Bedeutung.

„Die aquatischen Pilze sind winzig klein, überall zu finden und bilden einen wichtigen Teil des ‚Verdauungsapparats‘ in Gewässern“, sagt Co-Autor Hans-Peter Grossart vom Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB). Denn wie er und seine Kollegen erklären, kauen diese Organismen gleichsam Nahrung vor: Sie schließen teils hartnäckige Substanzen aus totem Pflanzenmaterial auf und machen sie daher besser für andere Lebewesen im Gewässer verfügbar. Außerdem gibt es Arten, die bestimmte Lebewesen wie Wasserflöhe befallen und dadurch ihre Bestände beeinflussen. Letztlich bilden die aquatischen Pilzarten somit eine wichtige Größe im komplexen System des klimarelevanten Kohlenstoffkreislaufs. Außerdem gibt es wissenschaftliche Hinweise darauf, dass sie eine wichtige Rolle beim Abbau von Schadstoffen im Wasser spielen.

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„Mikrobielle schwarze Materie“

Trotz der vielschichtigen und großen Bedeutung ist allerdings kaum eine Organismengruppe auf unserem Planeten so unbekannt geblieben wie diese Gruppe der Pilze, zeigen die Forscher auf. In Fachkreisen werden die aquatischen Pilze daher auch als mikrobielle schwarze Materie bezeichnet. Dem Team zufolge geht damit auch einher, dass diese wichtigen Organismen nicht als potenzielle Schutzziele im Fokus stehen. „Bisher enthält die Rote Liste der bedrohten Arten der Weltnaturschutzunion (IUCN) nur Bewertungen für eine kleine Anzahl von Pilzen, und alle bewerteten Pilze umfassen auch nur terrestrische Makropilze“, sagt Co-Autorin Mariyana Vatova von der University of Algarve in Portugal.

Doch es zeichnet sich bereits ab, dass auch die aquatischen Pilze von den menschengemachten Bedrohungen der Wasserökosysteme stark betroffen sein könnten: Untersuchungen haben bereits Hinweise darauf geliefert, dass Bekämpfungsmittel, die gegen pilzliche Erreger in der Landwirtschaft eingesetzt werden, den aquatischen Pilzgemeinschaften schaden. Die in Gewässer eingetragenen Substanzen wirken sich demnach negativ auf die Pilzbiomasse und -vielfalt aus. „Über die anderen Gefahren, denen sie wahrscheinlich ebenfalls ausgesetzt sind, wissen wir hingegen noch so gut wie nichts. Viele andere Schadstoffe könnten sich auf Pilze und ihre empfindlichen Netzwerke auswirken, wie Arzneimittel, Metalle, Mikroplastik und Nährstoffe“, sagt Grossart.

Erforschung und Schutz

Wenn man allerdings grundsätzlich kaum etwas über diese Organismen weiß, kann man auch die Verluste und ihre Grundlagen nicht richtig erkennen, betont Co-Autor Ivan Jarić vom Biologiezentrum der Tschechischen Akademie der Wissenschaften in České Budějovice: „Leider bleiben viele Effekte aufgrund der Wissenslücken wohl unentdeckt. Solche verborgenen Verluste von Ökosystemfunktionen sind problematisch, da sie unsere Fähigkeit behindern, rechtzeitige und wirksame Erhaltungsmaßnahmen durchzuführen.“ Die Schadwirkungen könnten zum Rückgang von Pilzarten in aquatischen Gemeinschaften führen und damit auch zum Verlust ihrer Schlüsselfunktionen im Ökosystem, was letztlich Kaskadeneffekte in aquatischen Nahrungsnetzen verursachen kann.

„Der Schutz von Wasserpilzen muss deshalb dringend als Priorität für die Bewirtschaftung von Gewässern anerkannt werden“, sagt Grossart. Solche Maßnahmen müssen jedoch möglicherweise an die Besonderheiten von Pilzen angepasst werden. Deshalb besteht Forschungsbedarf, betont der Wissenschaftler: „Es wäre daher wichtig, nicht nur auf die Verabschiedung strenger Maßnahmen gegen Verschmutzungsquellen hinzuarbeiten, sondern auch neue, standardisierte Pilz-Bioassays zu entwickeln und anzuwenden“, so Grossart.

Quelle: Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei

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