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Wie Aids nach Amerika kam

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Hi-Viren (gelb) an einer T-Zelle (Foto: NIH/NIAID)
Anfang der 1980er sorgte der Ausbruch einer mysteriösen Seuche unter schwulen Männern in Kalifornien und New York für weltweites Aufsehen. Es war der Beginn der HIV-Epidemie. Wie jedoch dieses Virus in die USA gelangte und wann, das haben Forscher erst jetzt herausgefunden. Ihre Analysen enthüllen: Schon 1971 wurde der Aids-Erreger aus der Karibik nach New York City eingeschleppt. 1976 gelangte er von dort aus nach Kalifornien. Der jahrzehntelang berüchtigte “Patient Null” jedoch hatte mit alldem nichts zu tun.

Seit Beginn der HIV-Epidemie in den USA gilt er als “Patient Null” – als der Mann, der den Aidserreger nach Nordamerika einschleppte und verbreitete. Kein Wunder, denn er passte genau ins Bild: Gaétan Dugas war ein französisch-Kanadier, der als Flugbegleiter häufig im Ausland unterwegs war und als schwuler Mann einen extrem promiskuitiven Lebensstil pflegte. “Gaétan Dugas ist einer der am stärksten dämonisierten Patienten in der Geschichte”, sagt Richard McKay von der University of Cambridge. “Und er steht in einer langen Reihe von Menschen und Gruppen, die verunglimpft werden, weil man sie beschuldigt, fast schon mit Absicht eine Epidemie ausgelöst zu haben.” Als die Centers of Disease Control (CDC) Anfang der 1980er Jahre erstmals auf die Häufung von rätselhaften Immunschwächefällen in Los Angeles aufmerksam wurden, war Dugas einer der Patienten, den sie intensiv befragten. Der Flugbegleiter lebte zwar in New York, war aber sehr häufig in Kalifornien und hatte daher entsprechend viele sexuelle Kontakte auch mit Angehörigen der dortigen Schwulenszene. In späteren Berichten über die Ausbreitung von Aids in den USA wurde er meist als der Ausgangpunkt der Epidemie dargestellt – als der Mann, der den HIV-Erreger in die USA einschleppte und dann von der Ost- an die Westküste trug.

Wie und wann HIV jedoch tatsächlich in die USA gelangte und wo die Aids-Epidemie ihren Ausgang nahm, war bisher unbekannt. McKay, Michael Worobey von der University of Arizona und ihren Kollegen ist es nun jedoch gelungen, den Weg des Erregers zu rekonstruieren. Für ihre Studie untersuchten sie mehr als 2000 Serumproben von Männern, denen zwischen 1978 und 1979 im Rahmen von Hepatitis-Studien in New York City und in San Francisco Blut abgenommen worden war. Dabei zeigte sich: HIV war schon zu dieser Zeit in den USA angekommen. Knapp sieben Prozent der Blutproben enthielt schon damals HIV-Antikörper, wie die Forscher berichten. Wegen des hohen Alters der Proben ließ sich bisher aber kein Erbgut des Aids-Virus aus ihnen isolieren. Doch die Forscher haben eine Methode entwickelt, die dieses Problem umgeht. Bei dieser kopieren spezielle Primermoleküle alle in den Proben vorhandenen Erbgutschnipsel. RNA-Abfolgen, die mit typischen Sequenzen des HI-Virus übereinstimmen, werden dann gezielt vermehrt und analysiert. Bei drei Serumproben aus San Francisco und fünf aus New York gelang dies: Die Wissenschaftler konnten genügend Viren-RNA isolieren, um das Erbgut der damals kursierenden Aids-Erreger zu rekonstruieren.

Erst New York, dann Kalifornien

Auf Basis dieser Analysen ist es den Wissenschaftlern nun erstmals gelungen, die Anfänge der Aids-Epidemie in den USA zu rekonstruieren. Demnach gelangte das HI-Virus im Jahr 1967 von Afrika aus in die Karibik. Von dort wurde es bereits 1971 in die USA eingeschleppt – höchstwahrscheinlich direkt nach New York. “Die genetischen Vergleiche deuten darauf hin, dass HIV dort Ende der 1970er bereits relativ etabliert und genetisch vielfältig war”, berichten Worobey und seine Kollegen. In der Metropole mit ihrer sexuell aktiven schwulen Subkultur breitete sich das HI-Virus dann rasend schnell weiter aus. Erst im Jahr 1976 schaffte Aids den Sprung von der Ostküste nach Kalifornien. “Unsere Daten zeigen, dass die Ausbrüche in Kalifornien, die als erstes die Alarmglocken schrillen ließen, eigentlich nur Ableger des älteren Ausbruchs in New York waren”, erklärt Worobey.

Diese Erkenntnisse werfen auch ein ganz neues Licht auf den vermeintlichen “Patient Null” – Gaétan Dugas. Denn als er 1982 seine Blutprobe zur Analyse abgab und die Forscher anhand seiner Angaben seine Sexualkontakte der letzten drei Jahre rekonstruierten, war HIV längst an beiden Küsten der USA verbreitet. Dugas war damals bereits einer von Tausenden, die ohne es zu wissen schon seit Jahren mit HIV infiziert waren. “Wir haben keinerlei Indizien dafür gefunden, dass Patient Null die erste infizierte Person in den USA war”, konstatieren die Forscher. “Sein Virentyp stand der Wurzel der US-Stämme nicht einmal besonders nahe.” Wie die Wissenschaftler enthüllen, beruht sogar die angebliche Kennzeichnung von Dugas als Patient Null auf einem Irrtum. In den Akten der CDC wurde Dugas als Fall Nummer O57 geführt – der 57. Fall, der von außerhalb Kaliforniens, “Outside of California” stammte. Im Laufe der Zeit wurde dies intern als “Fall O” abgekürzt – und aus dem “O” wurde dann irrtümlich eine “Null” gemacht, wie die Forscher berichten. Gaétan Dugas ging damit völlig zu Unrecht als “Patient Null” in die Aids-Geschichte Amerikas ein.

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Quelle:

© wissenschaft.de – Nadja Podbregar
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