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Erde|Umwelt Geschichte|Archäologie Technik|Digitales

Wir müssen das Tier im Menschen zähmen

Der Philosoph Julian Savulescu von der Universität Oxford befürwortet, dass sich Menschen mit Medikamenten oder Neuroimplantaten optimieren.

„Nach diesem Interview werde ich in Deutschland noch unbeliebter sein“, vermutet Julian Savulescu von der Universität Oxford und lächelt – wohl wissend, dass seine steilen Thesen hierzulande nicht gut gelitten sind. Er ist überzeugt: Die rasanten Fortschritte in der Biomedizin und den Neurowissenschaften könnten helfen, gesunde Menschen von den Mechanismen der Evolution zu befreien, sie zu verbessern und zu optimieren. Beim „Bio-Enhancement“ geht es darum, das Leben zu verlängern, die Stimmung, die geistigen Fähigkeiten und die Moral zu verbessern. Schon heute schlucken dafür manche Menschen Medikamente, die eigentlich für Krankheiten wie ADHS oder Epilepsie gedacht sind.

Mittel- bis langfristig könnte Bio-Enhancement noch weitaus effektiver möglich sein. Zum Beispiel mit sogenannten Electroceuticals – Medikamenten oder technischen Verfahren, die das Gehirn sehr subtil und ganz gezielt elektrisch stimulieren können. Electroceuticals sollen Krankheiten wie Depressionen behandeln, aber auch Menschen leistungsfähiger machen, etwa indem sie das Lernen erleichtern. Andere Methoden sind die gentherapeutische Optimierung von Embryonen oder die Nutzung von Hirn-Computer-Schnittstellen, mit denen Gehirne an Computer angeschlossen werden könnten, um die Leistung des Denkorgans zu steigern. Mit der Ethik solcher Anwendungen beschäftigt sich Julian Savulescu.

bild der wissenschaft: Herr Professor Savulescu, öffentliche und industrielle Geldgeber investieren Milliarden von Euro, um sogenannte Neuroceuticals zu entwickeln. Macht Ihnen das Angst?

Julian Savulescu: Schon. Mithilfe von Electroceuticals könnte man eines Tages die strategische Kontrolle über das Gehirn übernehmen und die Entscheidungsfreiheit der Menschen untergraben. Die Identität einer Person würde nachhaltig verändert. Das liegt zwar alles noch in weiter Ferne, macht mich aber so besorgt, dass wir jetzt schon darüber diskutieren sollten.

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Derlei Sorgen entsprechen so gar nicht Ihrem Credo. Sie gelten als großer Befürworter des Bio-Enhancement.

Ich sage, dass Menschen, die Bio-Enhancement grundsätzlich ablehnen, die Verantwortung für die Folgen der biologischen Evolution tragen. Mutation und Selektion sind wie eine Lotterie, die zur Ungleichheit zwischen den Menschen führt und dazu, dass viele Menschen nicht so gut leben, wie es ihnen eigentlich möglich wäre. Die Evolution bringt unvollkommene Menschen hervor – mit all den gewaltreichen Konsequenzen, die wir kennen.

Sind Sie wütend auf die Verbrechen der Menschheit?

Wütend? Ich bin schockiert und tief traurig. Wir sind moralisch völlig unvollkommene Kreaturen. Um das zu sehen, muss ich nicht den Fernseher einschalten. Wir sind dazu verpflichtet, darüber nachzudenken, wie wir das Tier im Menschen zähmen können. Die biomedizinische Forschung wird uns in den kommenden Jahrzehnten immer mehr, immer bessere Möglichkeiten bieten, die wir nutzen sollten.

Aber stehen dem Bio-Enhancement nicht unkalkulierbare Risiken gegenüber?

Das ist richtig. Bio-Enhancement könnte eines der besten Projekte in der Geschichte der Menschheit werden – oder eines der schlimmsten. Die Risiken sind immens. In irgendeinem Winkel der Erde könnten Menschen versuchen, die Möglichkeiten des Bio-Enhancement zu ihrem Vorteil auszunutzen. Doch statt die neuen Techniken rigoros abzulehnen, sollten wir uns rechtzeitig mit einem verantwortungsvollen Umgang mit ihnen auseinandersetzen. Ich halte es für wichtig zu erforschen, wie moralisches Verhalten im Gehirn entsteht, welche neuronalen Netzwerke beteiligt sind und welche Gene zugrunde liegen. Wir sollten auch darüber diskutieren, welche moralischen Wesen wir sein wollen, denn wir haben die Verpflichtung, uns moralisch zu verbessern.

Sie propagieren ein moralisches Bio- Enhancement?

Ich propagiere zunächst einmal ein klassisches moralisches Enhancement, das heißt, Methoden wie Aufklärung, Gesetzgebung, Durchsetzung sozialer Normen und Bildung. Ohne moralisches Enhancement werden wir globale Probleme wie die Klimaerwärmung nicht bekämpfen können. Leider sind die Erfolgsaussichten der klassischen Methoden begrenzt. Deshalb können wir es uns nicht erlauben, die Chancen eines moralischen Bio-Enhancement außer Acht zu lassen. Im Prinzip nutzen wir die Methoden schon heute, nur sehr primitiv und limitiert.

Inwiefern?

Manche antidepressiv wirkenden Medikamente machen die Menschen kooperativer. Und in einem Forschungsprojekt in Oxford haben wir nachgewiesen, dass Betablocker – millionenfach eingesetzte Herz-Medikamente – Menschen tatsächlich weniger rassistisch machen. Diese Substanzen wirken rein biologisch. Das ist den meisten aber nicht bewusst. Aus komplett irrationalen Gründen lehnen viele Menschen Substanzen ab, die den Gehirnstoffwechsel beeinflussen. Ich halte es für völlig legitim, meine Entscheidungen durch Substanzen zu verbessern, die mich einen Sachverhalt besser durchdenken lassen. Ich wünschte, ich hätte das manches Mal in meinem Leben tun können.

Wie ist Ihre Meinung zu genetisch verbesserten „ Designerbabys“?

Hier weht mir noch mehr Wind entgegen als im Bereich des moralischen Bio-Enhancement. Die meisten Merkmale des Menschen sind etwa zur Hälfte erblich, auch unsere Talente, unsere Intelligenz, unser Charakter und unsere Selbstkontrolle. Diese Merkmale tragen wesentlich dazu bei, ob wir ein zufriedenes und erfolgreiches Leben führen. Wären diese Merkmale durch Umwelt- faktoren bedroht, würden wir sie sofort schützen wollen. Wir würden das sogar moralisch verlangen. Die logische Schlussfolgerung für mich ist: Eltern sollten dafür sorgen, dass ihr Kind das bestmögliche Leben führen kann – auch durch Optimierung der Gene in der frühen Embryonalentwicklung.

Birgt das genetische Enhancement im Embryo nicht auch Probleme?

Ja, ein Beispiel: Wenn einer von fünf Embryonen bei einer künstlichen Befruchtung eine genetisch erkennbare Tendenz zur Psychopathie hätte und die anderen vier nicht, wäre es moralisch geboten, nur zwischen den vieren auszuwählen. Schließlich könnte sich der eine Embryo später zu einem schwerkriminellen Psychopathen entwickeln. Wenn wir nach einer künstlichen Befruchtung den besten Embryo aussuchen, müssen die anderen getötet werden. Das ist eine moralische Diskussion, der wir uns stellen müssen.

Noch sind Keimbahneingriffe wie dieser nicht erlaubt …

… was meiner Meinung nach nicht so bleiben wird.

Aber öffnen Sie damit nicht der Eugenik die Türen?

Das hat mit der Eugenik der Nazis nichts zu tun. Erstens dürfen die Menschen selbst ihre Auswahl und Entscheidung treffen. Und das geschieht – zweitens – nicht auf der Basis rassistischer Überlegungen.

Was zu beweisen wäre! Bliebe immer noch das Problem, dass wir niemals sicher sein können, was das Leben eines Menschen besser macht.

Das mag für manche Merkmale stimmen, die sich zwischen den Kulturen unterscheiden. Anders ist es meiner Meinung nach mit Werten, die in der Deklaration der Menschenrechte verankert sind, etwa Grundwerte wie Gerechtigkeit. Das beste Mittel, um einen Missbrauch dieser machtvollen Technologie zu verhindern, ist eine intensive ethische Diskussion.

Gibt es für Sie eine ethische Grenze der biomedizinischen Verbesserung des Menschen?

Wir sollten keine Verfahren und Medikamente anwenden, die die Freiheit der Menschen untergraben würden. Doch das Leben ist kompliziert und unberechenbar. Man sollte immer von Fall zu Fall abwägen. Und man sollte keine zukünftige Technologie ausschließen.

Also doch die mögliche Gefährdung der Freiheit durch Electroceuticals in Kauf nehmen?

Wenn, um beim Beispiel Psychopathie zu bleiben, Electroceuticals die einzige Technologie wären, um einen psychopathischen Menschen moralisch zu verbessern, dann sollte man das Risiko der Fremdsteuerung des Gehirns unter Umständen in Kauf nehmen.

Sollte Bio-Enhancement auch dabei helfen, dass Menschen lästige Gefühle wie Neid, Schuld oder Trauer loswerden?

Jeder Mensch sollte selbst entscheiden, wann und wie er seine Gefühlswelt optimieren will. Wenn Sie finden, dass Sie zu ängstlich sind oder dass Sie nach einem Jahr Trauer über einen Verlust genug davon haben, dann sehe ich keinen ethischen Einwand, sich dieser negativen Gefühle mithilfe moderner Technik zu entledigen. Ich bin da klar gegen jegliche Vorschriften – weder von Ärzten noch von der EU oder jemand anderem. •

Das Gespräch führte Klaus Wilhelm

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