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Erde|Umwelt Gesellschaft|Psychologie

Wölfe unter Wasser

Wer das Verhalten von Tieren untersuchen will, muss ihnen nahe kommen. Eine neuseeländische Forscherin hat Killerwale furchtlos begleitet – und dabei Erstaunliches herausgefunden.

Wenn Dr. Ingrid Visser von ihrem Boot ins Wasser gleitet, stockt so manchem Zuschauer der Atem. Denn die blonde Neuseeländerin taucht zusammen mit einer Gruppe tonnenschwerer Tiere mit schwarzem Rücken und einem Gebiss, das sie eindeutig als Raubtiere identifiziert: Es sind Orcas, auch Killer- oder Schwertwale genannt. Aber die schwarz-weißen Riesen inspizieren die Taucherin nur kurz und kümmern sich dann nicht weiter um sie, sondern gehen ihrer üblichen Tagesbeschäftigung nach: Jagen und Spielen.

Was die Biologin macht, ist einzigartig. Kein anderer Forscher betreibt Orca-Verhaltensforschung inmitten der Meeressäuger. Es gibt zwar Beobachtungen in Aquarien – aber in Gefangenschaft zeigen Tiere meist nicht ihr normales Verhalten. Ingrid Visser hat durch ihre mutigen Tauchgänge völlig neue Aspekte im Leben der Schwertwale entdeckt: „Ihr Jagdverhalten ähnelt verblüffend der Strategie eines Wolfsrudels.“

Die neuseeländischen Orcas haben ein riesiges Streifgebiet. 4000 Kilometer weit ziehen sie vor der Küste auf und ab. Im Durchschnitt schwimmen sie jeden Tag rund 150 Kilometer an den beiden Hauptinseln Neuseelands entlang. „Sie wechseln laufend ihr Jagdgebiet, um einen Überraschungseffekt zu nutzen“, vermutet die Forscherin. Jagen die Tiere längere Zeit in einer Region, lernen ihre Beutetiere bald die Gefahr kennen und werden entsprechend vorsichtig. Kommen die Orcas dagegen erst nach einem Jahr wieder in ein früheres Jagdgebiet zurück, sind die Beutetiere nicht mehr auf der Hut. Weil es kaum 200 Orcas rund um Neuseeland gibt, hat Ingrid Visser in solchen zwischenzeitlich verlassenen Gebieten noch nie andere Gruppen bei der Jagd beobachtet, die den „ Revierbesitzern“ ihre Strategie zerstört hätten.

Das Jagdverhalten der Orcas hat mit dem der anderen großen Raubtiere der Weltmeere, der Haie, wenig gemeinsam. Haie jagen fast nie in Gruppen, sondern fangen ihre Beute als Einzelkämpfer bei überfallartigen Attacken. Orcas dagegen kreisen ihre Beute oft ein und hetzen sie bis zur Erschöpfung. Und: „Ein Hai erwischt keinen gesunden Orca, die aber machen umgekehrt erfolgreich Jagd auf Haie“, erklärt Ingrid Visser die Rangordnung.

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Je nach Region der Weltmeere haben sich die Schwertwale auf unterschiedliche Beutetiere spezialisiert. Während sich die neuseeländischen Orcas vor allem von Haien und Rochen ernähren, wie Ingrid Visser herausgefunden hat, bevorzugen ihre Artgenossen anderswo anderes Futter:

• Vor der argentinischen Halbinsel Valdez und in antarktischen Gewässern jagen Orcas vor allem Seelöwen und junge See-Elefanten. Manchmal zerren sie ihre Beute sogar vom Strand herunter.

• Vor der kanadischen Westküste gibt es zwei Orca-Typen. Die „ Sesshaften“ gehen in Landnähe auf Fischfang, während die „Nomaden“ auf hoher See größere Tiere wie Wale oder Delphine jagen.

Die Tricks einer erfolgreichen Jagd lernen die jungen von den älteren Tieren der meist sechs bis acht Orcas großen Gruppe. Wichtigster Lehrmeister ist die Mutter. Die neuseeländischen Mütter nehmen ihre Jungen in das seichte Wasser der meist flachen Küsten mit. In regelrechten Übungsstunden greifen die Mütter dort Stachelrochen an, verletzen sie, aber töten sie nicht. Dann überlassen sie die Beute ihrem Kalb, wie Ingrid Visser beobachtet hat. An diesem geschwächten Tier, das langsamer reagiert und seinen gefährlichen Stachel nicht mehr blitzschnell einsetzen kann, lernen die Jungtiere den Umgang mit der schwierigen Beute. Es dauert einige Jahre, bis ein junger Orca bei der Jagd auf Stachelrochen erfolgreich ist. Bisher hat Ingrid Visser nur ältere Tiere dabei beobachtet. „Genau wie Menschen lernen auch Orcas ein Leben lang. Je mehr Übung ein Tier hat, umso besser wird es bei der Jagd“, erklärt die Forscherin. Trotzdem bleibt die Rochenjagd in den flachen Gewässern Neuseelands gefährlich. Immer wieder stranden Schwertwale. Im flachen Wasser können sie sich kaum bewegen und sind oft nicht in der Lage, zurück ins tiefe Wasser zu rollen. Neuseeland hat weltweit die höchsten Strandungsraten von Orcas.

Bei der Jagd und anderen gemeinsamen Aktivitäten kommunizieren die Orcas durch eine Vielfalt von Tönen. Mit der Sprache des Menschen haben ihre Rufe allerdings nur die Vielfalt gemeinsam – eine abstrahierende Symbolsprache ist es nicht. Die Tiere halten mit ihren Rufen vor allem untereinander Kontakt. Bis zu 160 Dezibel laut ist ihr Kreischen und Quietschen. Aber auch mit leisen Pfeiftönen teilen die Orcas anderen Tieren ihre momentane Stimmung mit, beobachtete der Zoologe Dr. Frank Thomsen vom Biozentrum Grindel der Universität Hamburg bei den Orcas vor der kanadischen Insel Vancouver. Solche Mitteilungen über den jeweiligen Gemütszustand sind bei allen Tieren wichtig, die in Herden leben. Während Landtiere ihre Stimmung eindeutig ausdrücken, indem sie zum Beispiel wie Wölfe mit dem Schwanz wedeln oder die Ohren anlegen, haben Wassertiere andere Formen der Kommunikation entwickelt.

Überraschenderweise verstehen sich Orca-Gruppen nicht, die in verschiedenen Gegenden leben: Die Rufe der Meeressäuger aus dem kanadischen British Columbia unterscheiden sich von denen der neuseeländischen Tiere so stark wie das Deutsche vom Japanischen.

Als Frank Thomsen 16 Orca-Gruppen an der kanadischen Pazifikküste untersuchte, fand er auch 16 verschiedene Dialekte. Die Kommunikation zwischen den Gruppen klappt nicht immer. Nur die „Sesshaften“ verstehen sich problemlos. Diese Tiere kommen jeden Sommer in dieselbe Gegend vor Kanada, wenn dort die Lachse auftauchen. Die anderen Schwertwale Westkanadas – die „Nomaden“ – haben sich auf Meeressäugetiere spezialisiert und greifen selbst die größten Wale an. Sie streifen weit umher und kehren oft erst nach Jahren in früher bejagte Reviere zurück. Treffen die Nomaden auf Sesshafte, ignorieren sich beide Gruppen völlig. Sie versuchen nicht einmal zu kommunizieren. Dementsprechend haben Forscher auch nie Paarungen zwischen Angehörigen dieser beiden Orca-Gruppen beobachtet. Visser meint, dass die Tiere sich schon so weit auseinander entwickelt haben, dass sie auf dem Weg sind, sich in zwei unterschiedliche Arten zu spalten.

Diese strikte Trennung ist ungewöhnlich. Alle anderen beobachteten Orcas finden fremde Töne attraktiv. Sie locken sogar Paarungspartner in fremde Gruppen. Die Attraktivität der ungewohnten Sprache scheint Inzucht in den kleinen Orca-Gruppen zu verhindern.

Ihre Kommunikationslaute scheinen Jung-Schwertwale – ähnlich wie Menschenkinder – zu lernen und nicht zu erben, wie Grasmücken und andere Vögel ihren Gesang. Da die Jungen immer den Dialekt der Mutter haben, verglich Lance Barrett-Lennard von der University of British Columbia in Kanada das Erbgut von 270 männlichen, jungen Walen miteinander. Es gab keinen Zusammenhang zwischen Genen und Dialekten. Und da die Biologen bislang kein Tier gefunden haben, bei dem die Sprache nur von einem Elternteil vererbt wird, ist es wahrscheinlich, dass es bei den Orcas genauso ist.

Auch was essbar ist und was nicht, lernen die Jungtiere von ihren Artgenossen. Das belegt die eindrucksvolle Geschichte zweier Schwertwale, die sich schon vor rund 35 Jahren ereignet hat. Die beiden Tiere, die zu einer Gruppe der auf Robben und Wale spezialisierten Nomaden vor British Columbia gehörten, wurden für eine Orca-Show gefangen. Um sie an die Gefangenschaft zu gewöhnen, hielt man sie zunächst einige Zeit in großen Netzen an der Küste und fütterte sie mit Fischen. Aber noch nach zwei Monaten ignorierten sie die Fische und hungerten. Dann kam ein Orca dazu, der aus einer „sesshaften“ Gruppe stammte und gewohnt war, Fische zu jagen. Natürlich fraß er die angebotenen Fische problemlos, was die beiden Nomaden beobachteten – und nun ebenfalls gierig die Fischhappen verschlangen.

Menschen gehören nicht ins Beutespektrum der Orcas. Dabei können die Wale einen Menschen sehr genau erkennen – und das sogar außerhalb ihres Lebensraums unter Wasser, wie Visser herausfand. Die Orcas, deren Gruppe die Forscherin regelmäßig besucht, erkannten sie, wenn sie in ihrem Boot stand, und schwammen direkt auf sie zu – selbst wenn in einem Nachbarboot eine andere schlanke Frau mit langen blonden Haaren stand.

Angegriffen wurde die Neuseeländerin in ihren zwölf Jahren Forschungszeit noch nie. Trotzdem warnt sie Touristen davor, den Schwertwalen zu nahe zu kommen, oder gar zu versuchen, mit ihnen zu schwimmen oder zu tauchen. Denn Orcas können einen Menschen im Prinzip ohne weiteres umbringen. Insbesondere wenn ein weiblicher Orca sein Kalb verteidigt, weil ein Taucher ihm zu nahe kommt, könnte das tödlich enden. Dabei könnte das Tier „auf den Geschmack kommen“ und Menschen in Zukunft als leichte Beute einschätzen, befürchtet Visser.

In den Weltmeeren ist bisher zwar noch nie ein Fall bekannt geworden, in dem ein Orca einen Menschen angegriffen hat. In Show-Becken aber haben die schwarz-weißen Riesen mindestens schon zweimal Menschen getötet – beunruhigend, wenn man die blonde Neuseeländerin zwischen den schwarz-weißen Riesen schwimmen sieht. ■

roland Knauer ist freier Wissenschaftsjournalist in Berlin.

Roland Knauer

Ohne Titel

Orcinus orca ist das größte Raubtier, das andere Säugetiere jagt. Mit 9,80 Metern erreicht das längste bislang gemessene Männchen die Breite eines Einfamilienhauses, und mit bis zu fünf Tonnen bringt ein typisches sechs Meter langes Männchen das Gewicht eines Kleinlastwagens auf die Waage. Orcas jagen – anders als die größeren Wale – große Beute, meist an der Oberfläche des Meeres. Da sie andere Wale angreifen, sogar den Blauwal – das größte Tier, das heute auf der Erde existiert –, haben Walfänger sie „Killer of Whales“ genannt. Der deutsche Begriff Killerwal ist eine falsche Übersetzung. Orcas jagen nicht aus Mordlust, sondern weil sie jeden Tag bis zu vier Prozent ihres Körpergewichts fressen müssen, um zu überleben. Treffender ist der Name „Schwertwal“, weil die schwarze Rückenflosse der Orcas an das Schwert von Segelbooten erinnert.

Die nächsten Verwandten der Schwertwale sind die Delfine. Bereits vor fünf Millionen Jahren gab es in dieser Familie eine rund vier Meter lange Art, aus der die heutigen Orcas entstanden sind. Wie alle Wale stammen auch die Schwertwale von Huftieren ab, die vor einigen Dutzend Millionen Jahren vom Land ins Wasser wechselten. Schafe, Kühe und Pferde sind demnach die Verwandten der Orcas und aller anderen Wale. Zwar leben Schwertwale in allen Weltmeeren, sie bevorzugen aber die kühleren Gewässer der höheren Breiten. Nur unter dem Eis des Nordpols, im Schwarzen und Roten Meer sowie im Persischen Golf wurden die bis zwei Meter langen Rückenflossen – die Finnen – der schwarz-weißen Riesen bisher nicht gesichtet. Häufig beobachtet man Orcas entlang einiger Küsten: vor British Columbia, Norwegen, Großbritannien, Irland, Island, Grönland, der Halbinsel Valdez im argentinischen Patagonien, der Kamtschatka-Halbinsel sowie in der Beringsee. Auch im Mittelmeer gibt es sie – allerdings werden sie dort nur einmal im Jahr regelmäßig beobachtet. Im Juni und Juli geht ein kleiner Trupp in der Straße von Gibraltar auf Thunfischjagd: Die Orcas stehlen die Beute von den Leinen der Fischer. In der Nordsee tauchen Schwertwale nur sporadisch auf, in der Ostsee sehr selten. Zuletzt wurden dort 1994 etwa zehn Tiere gesichtet. Über die Zahl der Orcas in den Weltmeeren gibt es keine seriösen Schätzungen.

Orcas müssen nur ein anderes „Raubtier“ fürchten: den Menschen. Waljäger haben Orcas jahrzehntelang wegen ihres Fetts gejagt, das vor allem im 19. Jahrhundert ein wichtiger Grundstoff für die chemische Industrie war. Aus dem Tran wurde Lampen- und Schmieröle gewonnen, Seifen gekocht und Salbengrundlagen hergestellt. Heute sind Orcas, wie alle Wale, international geschützt.

COMMUNITY INTERNET

Ingrid Visser und ihre Forschungen:

www.orcaresearch.org

Wer Orcas einmal belauschen möchte, kann sich ihre typischen Laute anhören unter:

orca-page.bei.t-online.de

Die Whale and Dolphine Conservation

Society:

www.wdcs-de.org

Ohne Titel

• Orcas jagen andere große Wale und arbeiten dabei als Rudel zusammen.

• Die Killerwale besitzen eine Art Sprache – ein reiches Repertoire an Kommunikationslauten – mit zahlreichen Dialekten.

• Junge Orcas lernen sowohl „Sprache“ als auch Jagdverhalten von ihrer Mutter.

Ohne Titel

Der biologische Lebenslauf eines Orcas ähnelt dem eines Menschen. Mit etwa 15 werden die Tiere geschlechtsreif. Ein weiblicher Orca bringt ungefähr alle 5 Jahre ein Junges zur Welt, das etwa 15 Monate lang gesäugt wird. Mindestens 3 Jahre bleiben Mutter und Kind ständig beieinander, bevor das Junge selbstständiger wird. Orca-Weibchen leben noch rund 30 Jahre nach der Geburt ihres letzten Kalbes und werden 80 bis 90 Jahre alt. Der kanadische Walforscher Lance Barrett-Lennard vermutet, dass sich dieses Leben nach der Menopause evolutionär entwickelt hat, weil es dazu dient, das Überleben der Enkel zu sichern. Die Alten müssen sich in dieser Lebensphase nicht mehr um ihre eigenen Jungen kümmern, sondern können die zweite Generation beschützen und den Jungtieren ihr Wissen weitergeben – ähnlich wie bei Menschen oder Schimpansen. Männliche Orcas scheinen für ihre Enkel nichts tun zu können. Sie werden nur rund 50 Jahre alt.

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