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Erde|Umwelt Gesundheit|Medizin

Zu wenig Abwehr, nicht zu viel

Die chronisch-entzündliche Darmerkrankung Morbus Crohn entsteht entgegen bisheriger Annahmen wohl nicht durch eine zu starke, sondern durch eine zu schwache Immunantwort: Britische Wissenschaftler haben mit verschiedenen Methoden nachgewiesen, dass die Reaktionen des Immunsystems bei Crohn-Patienten um bis zu 80 Prozent geringer sind als bei gesunden Kontrollpersonen. Betroffen ist dabei nicht nur der Darm, sondern der gesamte Körper. Sollten sich diese Ergebnisse auch in größeren Studien bestätigen, müsste die Therapie der Darmerkrankung völlig neu überdacht werden ? schließlich wird sie als mutmaßliche Autoimmunerkrankung bislang mit Medikamenten behandelt, die das Immunsystem unterdrücken.

Bei Morbus Crohn entzündet sich immer wieder die Schleimhaut an unterschiedlichen Stellen des Darms. Wodurch diese Entzündungen ausgelöst werden, ist nach wie vor unbekannt. Am stärksten favorisiert wird momentan die These einer Autoimmunerkrankung , bei der das Immunsystem überreagiert und das eigene Körpergewebe angreift. Als Daniel Marks vom University College in London und seine Kollegen nun jedoch das Immunsystem von Crohn-Patienten untersuchten, beobachteten sie genau das Gegenteil: Die Körperabwehr reagierte deutlich schwächer als bei Gesunden.

So fanden sich beispielsweise nach einer kleinen Verletzung der Darmschleimhaut bei den Patienten fast achtzig Prozent weniger weiße Blutkörperchen an der betroffenen Stelle als bei der Vergleichsgruppe. Das gleiche galt auch für Abschürfungen an der Haut: Hier war die Immunreaktion um etwa fünfzig Prozent reduziert. Auch eindringende Bakterien riefen bei den Crohn-Patienten nur eine halb so starke Immunantwort hervor wie bei Gesunden. Lediglich die später folgende chronische Entzündungsreaktion war bei den Erkrankten stärker als bei den Kontrollpersonen.

Der Darmkrankheit liegt demnach ein allgemeiner Defekt des Immunsystems zugrunde, schließen die Forscher. Er manifestiert sich wahrscheinlich deswegen im Darm, weil es dort extrem häufig zu Kontakten mit Bakterien kommt. Ursache scheint dabei die fehlende Alarmierung einer Gruppe weißer Blutkörperchen zu sein, die normalerweise eindringende Mikroben töten und die Bruchstücke beseitigen. Fehlen sie, springen andere Immunzellen ein, die die Erreger jedoch lediglich aufnehmen und nicht beseitigen. Diese bakterienbeladenen Zellen bilden anschließend knötchenartige Veränderungen an der Darmschleimhaut, die ständig entzündungsfördernde Substanzen produzieren und damit die chronische Entzündung auslösen.

Sollte sich das bestätigen, wäre die heute verwendete Therapie mit immunsuppressiven Medikamenten genau der falsche Ansatz, so die Forscher. Sie lindere zwar die Symptome, weil sie die chronische Entzündung unterdrückt, mache die Gesamtsituation aber wahrscheinlich eher schlimmer als besser. Die Wissenschaftler hoffen nun, auf der Basis dieser Ergebnisse gezieltere und damit effektivere Behandlungsstrategien entwickeln zu können.

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Daniel Marks (University College, London) et al.: The Lancet, Bd. 367, S. 668 ddp/wissenschaft.de ? Ilka Lehnen-Beyel
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