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Faszinierende Figuren: Christine Wunnicke über Mary Wortley Montagu

„Die Dinge frei betrachten“

Persönlichkeiten aus Kultur, Politik und Wissenschaft sprechen über historische Gestalten, die sie beeindruckt haben. In dieser Ausgabe: die Schriftstellerin Christine Wunnicke über die Impfpionierin Mary Wortley Montagu.

Wie sind Sie auf Mary Wortley Montagu gekommen?

Christine Wunnicke: Ich habe vor etwa 15 Jahren mehrere größere Radiofeatures über englische Autorinnen des 17. und 18. Jahrhunderts geschrieben. Aus diesem Zusammenhang stammt meine große Sympathie für Lady Montagu.

Was ist das Besondere an ihr?

Wahrscheinlich ihr Desinteresse daran, was die Welt über sie denkt. Das führte zwar irgendwann zu ihrer kompletten gesellschaftlichen Ächtung, weshalb sie sogar auf immer das Land verlassen musste, aber es ermöglichte ihr auch, die verschiedensten Dinge erstaunlich frei zu betrachten.

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Literatin, Impfpionierin: In welcher Rolle finden Sie sie bedeutender?

Ich bewerte die historischen Personen, mit denen ich mich beschäftigte, grundsätzlich nicht danach, wie „bedeutend“ sie sind. Mary Montagu ist einzigartig, gerade in ihrem Facettenreichtum.

Als Erfinder der Pockenimpfung gilt bis heute Edward Jenner. In welcher Hinsicht unterschied sich seine Methode von der, die Mary Montagu 80 Jahre früher in der Türkei kennenlernte und in England propagierte?

Die türkische Inokulation war eine Lebendimpfung mit einer kleinen Menge von intakten Pockenviren; die Sterblichkeit liegt dabei bei rund zwei Prozent. Jenner machte dann die Entdeckung, dass man gegen die Pocken immunisieren kann, indem man mit Pustelflüssigkeit der ungefährlichen Kuhpocken impft. Jenner wurde übrigens als kleiner Junge selbst nach der Montagu-Methode geimpft, was er nur mit Müh und Not überlebte.

Jenner ist uns heute noch eher ein Begriff, Montagu eigentlich nicht – warum?

Jenner erfand eine medizinische Methode, Montagu propagierte „nur“ einen kulturellen Transfer. Der Ruhm gebührt hier wirklich Jenner. Allerdings sollte man sich an Mary Montagu trotzdem erinnern, weil sie sehr spannend ist.

Es gab Widerstände gegen ihre Innovation – wie ist es ihr gelungen, sie zu überwinden?

Durch Hartnäckigkeit, durch das erwähnte Desinteresse an ihrem guten Ruf und dadurch, dass sie die Prinzessin von Wales bequatschte, ihre Kinder inokulieren zu lassen. Damit hatte sie eine, wie man heute sagen würde, echte Influencerin an ihrer Seite. Es ist kein Zufall, dass das alles Frauen waren – auch die namenlosen Türkinnen, die diese Sache erfunden hatten. Für Mädchen sind die Pocken schlimmer als für Knaben; sie gefährden nicht nur ihr Leben, sondern ruinieren als entstellende Krankheit auch ihre Heiratschancen.

War sie mit ihrer Biographie so etwas wie eine Vorläuferin der Frauenbewegung?

Alle Frauen, die es in frauenfeindlichen Zeiten versucht oder geschafft haben, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, sind die Frauenbewegung. Die Frauenbewegung ist so alt wie die Menschheit.

Interview: Dr. Winfried Dolderer

Christine Wunnicke geb. 1966, ist eine deutsche Schriftstellerin und Übersetzerin. Autorin von Romanen und Erzählungen, Radiofeatures, Hörspielen. Darunter unter anderem der Roman „Die Dame mit der bemalten Hand“ (2020). Zu ihren Auszeichnungen zählen der Wilhelm-Raabe-Literaturpreis (2020) und der Literaturpreis München (2020).

Mary Wortley Montagu (1689–1762; Porträt von Gervase Spencer), Schriftstellerin, Lyrikerin, Impfpionierin. Propagierte nach einem Aufenthalt in der Türkei die dort praktizierte Methode der Immunisierung gegen Pocken durch Übertragung von Pockensekret auf Gesunde. Europaweit bekannt durch ihre „Turkish Embassy Letters“, postum veröffentlicht.

 

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