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Faszinierende Figuren: Martin Mosebach über Konstantin den Großen

„Die Welle gelenkt“

Persönlichkeiten aus Kultur, Politik und Wissenschaft sprechen über historische Gestalten, die sie beeindruckt haben. In dieser Ausgabe: der Schriftsteller Martin Mosebach über den römischen Kaiser Konstantin den Großen.

DAMALS: Wie kamen Sie auf Kaiser Konstantin? Martin Mosebach: Es hat eine Weile gedauert. Konstantin ist ja eine Figur, derer sich unsere westlichen Kirchen heutzutage fast ein wenig schämen. Die konstantinische Ära gilt manchen als für die Kirche verhängnisvoll und die Spätzeit des Römischen Reiches ohnehin als Phase des Niedergangs. Da hat Konstantin keine guten Karten.

DAMALS: Wie ist das zu erklären? Mosebach: Mit Konstantin wird die Kirche eine staatliche Institution. Sie übernimmt die Funktion, Macht zu legitimieren. Das führte zwar zu einer einzigartigen kulturellen Blüte Europas. Aber auch dazu, dass die Kirche in Mithaftung für alle Fehler des Staates genommen wurde.

DAMALS: Was finden Sie an Konstantin so besonders beeindruckend? Mosebach: Er ist eine Figur, wie es sie kein zweites Mal in der Geschichte gibt. Ein Mann, der eine Entscheidung trifft, die die Weltgeschichte verändert. Mit dem Mailänder Toleranzedikt beendet er die Verfolgung des Christentums. Und nicht nur das: Er schafft christliche Institutionen, die noch heute bestehen, zum Beispiel den Sonntag als Feiertag. Unter seiner Einwirkung formuliert das Konzil von Nicäa das bis heute für alle Christen gültige Glaubensbekenntnis. Wir verdanken Konstantin auch die ersten großen Kirchenbauten: St. Peter, St. Paul, den Lateran in Rom, die Grabeskirche in Jerusalem.

DAMALS: Wie gläubig war er denn selbst? Mosebach: Das ist das Geheimnisvolle. Wie er im tiefsten Herzen dachte, können wir heute nicht mehr erschließen. Die Zeitgenossen konnten sich den radikalen Wandel, den er bewirkte, aber nicht anders als durch eine Erleuchtung erklären. Dabei schrieb Konstantin das Christentum ja nicht vor. Er förderte auch die überlieferte Religion.

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DAMALS: Er war doch eher pragmatischer Machtpolitiker als religiös inspiriert? Mosebach: Er war auch ein grausamer Mann. Er mordete in seiner eigenen Familie. Da gibt es nichts zu beschönigen.

DAMALS: Taugt Konstantin zum Vorbild? Mosebach: Eine solche Ausnahmefigur kann gar kein Vorbild sein. Selbst der große Bismarck ging von dem Satz aus: Die Welle trägt, aber lässt sich nicht lenken. Konstantin hat gelenkt.

Konstantin der Große (um 280 −337), römischer Kaiser seit 306, seit 324 Alleinherrscher. Verschaffte 313 dem Christentum im Römischen Reich eine anerkannte und sogar privilegierte Position („konstantinische Wende“). Verlagerte im Jahr 324 das politische Zentrum von Rom nach Konstantinopel.

Martin Mosebach, geb. 1951, Romancier, Essayist, Theater- und Filmautor. Mitglied unter anderem der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung sowie der Berliner Akademie der Künste. Büchnerpreisträger 2007.

Interview: Winfried Dolderer

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