3. Etappe: Ungeöffnete Gräber und staubige Gesichter - wissenschaft.de
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Geschichte+Archäologie

3. Etappe: Ungeöffnete Gräber und staubige Gesichter

Vom Weltkulturerbe bis zur Wüste – die dritte Etappe der bild der wissenschaft-Leserreise ins Goldene Zeitalter Chinas Wir befinden uns immernoch in der alten Kaiserstadt Xi’an, wo wir noch lange nicht alles gesehen haben. Zum Beispiel das Wahrzeichen der Stadt, die Großen Wildgans-Pagode. Früher lag die Pagode innerhalb der tangzeitlichen Stadtbefestigung. Sie entstand im Jahre 652 im westlichen Hof des Klosters der Großen Wohltätigkeit, das der Tang-Kaiser Taozong wenige Jahre zuvor zum Gedenken an seine verstorbene Mutter bauen ließ.

Auch unter den Nördlichen Wei wurde weitergearbeitet. Die meisten Figuren entstanden in der Tang-Zeit (618-907), aber auch unter den Song und den Yuan bis zu den Ming wurde ausgehöhlt und gemeißelt. 183 Nieschen und Höhlen enthalten 694 aus dem Felsen herausgearbeitete Statuen und 82 aus Lehm geformte Figuren und jede Menge Wandmalereien. Ein sitzender 27-Meter-Buddha aus der Tang-Zeit ist umrahmt von Dutzenden mannshohen Nieschen und Grotten und erstreckt sich über mehreren Etagen. Von einer gestrengen Dame be- und überwacht, dürfen wir eineinhalb Etagen mit insgesamt etwa 10 Grotten besichtigen und kein einziges Foto schießen. Der Aufstieg hinter den Buddha-Kopf soll dann nochmal für jeden Einzelnen 300 Yuan kosten – ein Drittel eines chinesischen Professorengehalts, maulend haben wir dann doch lieber verzichtet. Was den Tourismus anbelangt, tut sich die hiesige Verwaltung damit sicher keinen Gefallen.

In einer privaten Rekreativitätspause bereiten wir uns auf den letzten Teil unserer Reise vor: Um 5.30 Uhr geht es los in Richtung Wüste, nach Dunhuang. Schon von weitem ist die rund 200 Meter hohe Singende Sanddüne mit ihren charakteristischen Wellen zu sehen. Seit Jahrhunderten treibt der Kara Buran, der Schwarze Wind, den Sandberg auf die Oase zu. Ihren Namen hat die Düne wegen des Singsangs erhalten, den der über die Kämme pfeifende Wind veranstaltet. Dunhuang verdankt seine Berühmtheit den Grotten von Magao, den wohl bedeutendsten Beispielen buddhistischer Höhlenkunst in China. Früher galt die Siedlung als starke Militärbastion und wichtige Karawanserei an der Seidenstraße, denn sie war neben Yangguan die letzte Station vor dem trocken-heißen Tarim-Becken und der Wüste Takla-Makan (Mehr darüber im bdw-Highlight Seidenstraße. Im Knotenpunkt Dunhuang trafen sich Kaufleute, Gesandte und Mönche aus vielen Teilen Eurasiens. Auch die Lehre Buddhas hatte über die Seidenstraße Eingang nach China gefunden und in Dunhuang im 4. Jahrhundert eine Art buddhistischen Vorposten entstehen lassen.

Ganz sicher gehören die Buddhistische Magao-Höhlen zu einem weiteren Höhepunkt unserer bdw-Leserreise in das Goldene Zeitalter Chinas. Etwa ein Jahrtausend lang haben Generationen von Gläubigen und Mönchen Höhlen aus der etwa 1600 Meter langen Steilwand herausgeschlagen und mit Wandbildern und Skulpturen ausschmücken lassen. Eine tangzeitliche Inschrift nennt als Erbauungsdatum der ersten Höhle das Jahr 353. Auf einer anderen ist das Jahr 366 zu lesen. In diesem Jahr schlug hier der Mönch Le Zun nach einer Vision eine Höhle aus der Sandsteinwand heraus, um in ihr als Eremit zu leben. Während einer Dauer von acht Epochen folgten Scharen von Mönchen seinem Beispiel und bauten weiter an den Grotten.

Unter den Ming verloren die Höhlen in Dunhuang an Bedeutung und gerieten schließlich ganz in Vergessenheit. Es waren einst weit über 1000, jetzt sind noch rund 400 erhalten, rund 20 kann man besichtigen. Das tun wir ausführlich, denn wir haben den ganzen Tag Zeit. Dabei beeindrucken die Riesen-Buddhas mit 34 und 26 Meter ebenso wie die Skulpturen von 1-5 Meter Größe in den anderen Grotten, deren Wände alle mit phantastisch farbigen Gemälden aus dem Leben Buddhas verziert sind. Etliches wurde renoviert und restauriert. Vieles ist noch im Orginal erhalten. Die fotomanen Reiseteilnehmer vergessen und verzeihen vor lauter Begeisterung beim Betrachten dieser Pracht, daß sie ihre Fotoapparate am Eingang abgeben mußten. Inzwischen wurden die Höhlen von der UNESCO als Weltkulturerbe eingestuft.

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Bei der abendlichen Fahrt zur 130 Kilometer entfernten Bahnstation tritt uns mehrmals der kalte Schweiß auf die Stirn: Mitten in einer schwarzen Geröllwüste macht der Bus seltsame Geräusche. Es scheint, daß der Fahrer die Gänge nicht ins Getriebe bekommt – dann doch wieder, dann wieder nicht. Schließlich erreichen wir planmäßig unseren Zug nach Turfan. Nach 10stündiger Bahn-Nachtfahrt kommen wir in der Oase an. Jetzt gibt es nur noch heißen Tee. Das Thermometer zeigt 35 Grad Celsius im Schatten. Da hilft kein kaltes Wasser oder Cola mehr – so viel kann man gar nicht in sich hineinläppern, um den Durst zu löschen. Einige versuchen es dennoch immer wieder! Die als Hitzepfanne berüchtigte Oase Turfan besitzt mit dem Mondlicht-Salzsee, nach dem Toten Meer, die zweittiefste Stelle der Erde mit 154 Meter u.d.M. Zwischen den Wüsten Gobi im Norden und der Takla-Makan („Wer hier hineingeht kommt nicht wieder“) im Süden gelegen, überrascht sie den Besucher mit einer völlig unchinesische Atmosphäre. Die farbenfrohen Trachten und ein Blick auf die Waren erinnern an den Nahen Osten oder Zentralasien. Die Oase war schon im Altertum Kreuzungspunkt der indischen, der persischen und der chinesischen Kultur, als die nördliche Route der Seidenstraße durch den Ort führte. Die Uiguren, ein Turkvolk, machten Turfan zwischen dem 9. und 13. Jahrhundert zu ihrer Hauptstadt. Heute sind von den gut 200.000 Einwohnern etwa 60.000 Chinesen. Die wichtigsten Produkte Turfans sind Trauben, Honigmelonen und Baumwolle, die „drei Schätze“ der Turfan-Senke.

Als nächsten Programmpunkt besuchen wir die Ruinenstadt Jiahoe aus der Ära der Zeitenwende. Sie zeugt von einer großen Lehmarchitektur, die sich in der extremen Trockenheit (26 mm Niederschlag pro Jahr) noch recht ansehnlich erhalten hat. Man kann hier auf Straßen vorbei an Palästen, Pagoden, Zivilhäusern, Waffendepots und Toren Die Tempelanlage, bestand einst aus mehr als zehn Höfen und 1897 Räumen. Die aus dem indischen Buddhismus herrührende Bauform der Pagode war von Anfang an als Aufbewahrungsort für Reliquien und als Gedächtnisschrein konzipiert. Kaiserin Wu Zetian ließ die ursprüglich fünfgeschossige Pagode auf zehn Stockwerke aufstocken. Dem heutigen Betrachter präsentieren sich sieben Geschosse, die sich auf einer Gesamthöhe von 64 Meter erheben. Der Name Wildgans-Pagode erinnert an eine buddhistische Legende: Es war einmal ein bitterarmes Dorf, in dem des nichts zu essen gab, einem Mönch tat die Bevölkerung derart leid, daß er sich zu intensivem Gebet zurückzog. Es zeigte Wirkung, denn eine vorbiefliegende Wildgans opferte sich, stürzte hernieder und bot eine sättigende Mahlzeit.

Nach diversen anderen Besichtigungen erhellt wieder ein typisches bdw-Leserreise-Highlight die Gemüter: Wir statten dem Archäologischen Institut der Provinz Shanxi einen Besuch ab, wo das Römisch-Germanische Zentralmuseum Mainz seine Restaurierungswerkstätten unterhält. Hier am chinesischen Arbeitsplatz von Alexander Koch, unserem wissenschaftlichen Reiseleiter, bekommen wir von den beiden deutschen Restauratorinnen Michaela Augustin und Eva Ritz einen Kompakt-Kurs in Sachen Restaurierung. Anschließend dürfen wir das instituts-eigene kleine Museum mit wunderschönen archäologischen Funden besuchen. Es ist normalerweise nicht öffentlich zugänglich – wir dürfen sogar fotografieren.

Der nächste Tag beginnt mit einem Regenbesuch im historischen Museum von Xianyang das im ehemaligen Konfuzius-Schrein aus dem 14. Jahrhundert untergebracht ist. Es besitzt Tausende von Terrakotta-Statuen und Grabbeigaben der Han-Zeit. Mit einer Fahrt um das Kaisermausoleum Maoling und einem Rundgang setzen wir den Tag fort – allmählich werden wir zu Experten in Sachen chinesischer Kaisergräber. Der 46 Meter hohe Grabhügel des mächtigsten aller Han-Herrscher, des Kaisers Wu Di (140-86 v. Chr.) ragt kurz hinter der Kreisstadt Xianyang in die Höhe. Geöffnet hat man das Grab des Kaisers Jing (188-141 v. Chr.) und seiner Frau Wang. Rund 40.000 Tonfiguren – heute nackt, früher wohl in Seide gewandet – waren dem Kaiser beigegeben worden. Die rund 60 Zentimeter hohen Figuren werden auch als „Kleine Terrakotta-Armee“ bezeichnet. Historische Schriften erwähnten den 46 Meter hohen Grabhügel am Fuß des Li Shan bei Linton, der bisher noch nicht geöffnet wurde. Die Aufzeichnungen des Historikers Sima Qian, die er etwa 100 Jahre nach dem Tode es Kaisers verfaßte, lassen Einzigartiges erwarten: Neben wertvollen Grabbeigaben soll es einen Bronzesarg geben, der auf einem hölzernen Drachen mitten in einem Miniaturchina ruht, die Flüsse sollen aus Quecksilber nachgestaltet und die Wände ein Abbild des Kosmos sein. Um die Gruft vor Grabräubern zu schützen, ließen sich die alten Chinesen etwas besonderes einfallen. Sie stellten mechanisch bewegliche Figuren mit gespannten Armbrüsten auf. Sollten Eindringlinge es wagen, in die Grabkammer einzudringen, so würden sie automatisch niedergestreckt.

Weiter geht die Reise nach Lanzhou, zur Hauptstadt der Provinz Gansu. Mit einstündiger Verspätung kommen wir auf dem Flughafen an. Die Sandstaub-Wolken verdunkeln für Minuten und blitzschnell die Sicht über und in der Stadt. Nasenlöcher verkleben, Fotolinsen werden blind – Lanzhou, eine kleine chinesische Stadt mit zwei Millionen Einwohnern wird vom Löß-Staub aus dem Westen eingenebelt. Die ehemalige Karawanserei an der Seidenstraße (siehe auch bdw-Highlight: Seidenstraße) diente – wegen ihrer günstigen Lage – jahrhundertelang als Handelsplatz und Garnison. Obwohl Lanzhou „elegante Stadt“ oder auch „Orchideen-Stadt“ bedeutet, gelangte die Siedlung niemals zu besonderem Ansehen oder Wohlstand. Heute ist die Stadt ein wichtiges Industriezentrum im chinesischen Nordwesten. Wir besuchen das berühmte „Fliegende Pferd“, das wohl bekannteste Exponat im Provinzmuseum. Die Bronzeskulptur stammt aus einem Grab der Han-Dynastie und vermittelt das Idealbild eines kraftvollen, wiehernden, leichtfüßig und schnell dahingaloppierenden Pferdes. Die ungewöhnlich gut ausbalancierte Plastik berührt mit einem Huf den mit großer Geschwindigkeit dahinschießenden Drachenvogel, das Symbol des Windgottes. Das Museum hat einige interessante archäologische Funde aus der Provinz Gansu zu bieten, in der wir gerade Gast sind. Neben der graziös schwebenden Pferde-Bronzeskulptur ist noch eine mehrere Dutzend zählende Reiterarmee in Bronze (ca. 50 cm groß) in Stellung gegangen. Außerdem findet man hier einzigartige neolithische Keramiken der Majiayao-Kultur. Mit ihren meist in kräftigem Rot und Schwarz aufgetragenen Mustern sind sie in dieser Reichhaltigkeit nur hier zu sehen. – der Nimbus der Vergangenheit stellt sich da ganz von alleine ein. Zwei Stunden durchstreifen wir die Ruinen. Hinterher sind alle verschwitzt und erschöpft – aber glücklich!

Michael Zick
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