30 Jahre Lindenstraße: Eine echte Sozialstudie - wissenschaft.de
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30 Jahre Lindenstraße: Eine echte Sozialstudie

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Die Bewohner der Lindenstraße 1985 (Foto: WDR)
Vor 30 Jahren, am 6. Dezember 1985, startete eine Langzeitserie des Westdeutschen Fernsehens, die seither jede Woche einmal eine treue Fan-Gemeinde unterhält. Auch ich bin bekennender Lindenstraßenfan. Was bewegt mich als Sozialforscher, dieser „Weekly-Soap“ über 30 Jahre die Treue zu halten und Sonntag für Sonntag gebannt vor dem Bildschirm zu sitzen?

In der Sprache der Sozialforschung würde man bei der Lindenstraße von einem Wohnungs-Panel sprechen, also von der Dauerbeobachtung des Lebens in einer Reihe von Wohnungen. Diese Wohnungen befinden sich allesamt in derselben – fiktiven – Straße in München, in der Lindenstraße, die als Drehkulisse auf dem Kölner Fernsehproduktionsgelände in Köln-Böcklemund aufgebaut ist.

Was sich dort abspielt, beweist, dass die Autorinnen und Autoren der Serie jahrelang ein ausgeprägt sicheres Gespür für gesellschaftliche Trends hatten – und das oft noch lange, bevor diese Trends im gesellschaftlichen Mainstream angekommen waren. Den Autorinnen und Autoren gilt es dafür Respekt zu zollen.

Trendsetter für Gesellschaftsthemen

In der Lindenstraße starb ein liebevoller Familienvater an Aids, hier küssten sich erstmals in einer Familienserie Männer, hier wurde das Trauma einer Kindesentführung vermittelt und auch nicht davor Halt gemacht, sich nach Jahren mit dem geständigen Mörder auseinanderzusetzen. Und es wurde bereits vor Langem das Schicksal von in Deutschland lebenden Flüchtlingen ohne Aufenthaltsgenehmigung beleuchtet. Selbst das Schicksal eines zu Terror bereiten Dschihadisten wurde in die Handlung eingewoben.

Die Zuschauer waren mehrfach Zeugen von Rechtsvergehen, die nicht immer sofort aufgeklärt, sondern häufig vertuscht oder „verdrängt“ wurden, um dann Jahre später plötzlich doch wieder Thema zu werden. Die treuen Langzeitbeobachter der Serie verfügen über ein viel detaillierteres Wissen, was die Entwicklungen im Leben der Protagonisten betrifft, als so mancher Zuschauer, der nur ab und zu in die Lindenstraße „hineinzappt“.

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Ganz ähnlich ist das in unserer Langzeitstudie Sozio-oekonomisches Panel, für die seit mehr als 30 Jahren jedes Jahr dieselben Menschen befragt werden. Erst diese Langzeitbeobachtung macht langfristige gesellschaftliche Entwicklungen sichtbar.

Was noch fehlt

Einige wichtige gesellschaftliche Entwicklungen vermisse ich aber doch in der Lindenstraße. Zum Beispiel geht es in der Serie beim Thema Arbeit mehr um kleine Selbständige oder Freiberufler, aber wo ist die riesige Gruppe der Arbeitnehmer? Vor fünf Jahren etwa wurde die Familie Stadler in die Serie eingeführt, mit einem Installateur und angestellten Arbeitnehmer und einer Beamtin im Ordnungsamt. Aber die Ehe scheiterte nach einem Rosenkrieg, der das Paar in die körperliche und seelische Erschöpfung trieb. Die Familie wurde innerhalb weniger Monate demontiert.

Einem treuen Fan drängen sich noch weitere Fragen auf: Wie lange müssen wir zum Beispiel noch warten, bis das Thema Flüchtlinge in seiner ganzen Tragweite in die Serie aufgenommen wird. Das erinnert mich daran, dass es auch mehrere Monate gedauert hat, bis die ersten DDR-Bürger in der Lindenstraße integriert wurden.

Keiner von „ganz unten“

Es gibt noch andere sozialwissenschaftliche Themen, die reif wären für die gesellschaftlichen Langzeitbeobachtungen in der Lindenstraße. Das Thema „Alternde Gesellschaft“ spiegelt sich seit den ersten Folgen dadurch, dass auch die Schauspielerinnen und Schauspieler altern. Demenz, Parkinson sowie selbstbestimmtes Sterben im Alter waren bereits Thema. Aber wo bleibt die schlecht-bezahlte Altenpflegerin? Das Thema Industrie 4.0 oder Arbeit 4.0 wären ebenfalls Herausforderungen, in ein Unterhaltungsformat einer Langzeitstudie übersetzt zu werden. Seit dem Tod von Harry Rowohlt fehlt auch die Perspektive von Menschen „ganz unten“ in der Gesellschaft, also den Obdachlosen. Selbst das Straßenkind Jack hat eine Metamorphose ins „bürgerliche Milieu hinter sich gebracht hat.

Noch überhaupt nicht ausgeschöpft in der Lindenstraße ist ein Thema, das in allein sozialwissenschaftlichen Langzeitstudien, für die Familien befragt werden, ein Alleinstellungsmerkmal ist: der Generationenwandel! Gemeint sind die Geschichten der Protagonisten, die bereits als Kinder in der Serie mitspielten, und im Laufe der Jahre ihre Persönlichkeit entwickelten. Die spannende Frage ist: Wie ähnlich oder verschieden von ihren Eltern  sind sie in ihrem Handeln, ihren Plänen und Empfindungen von ihren Eltern? Wie stark prägen sie ihre Mütter oder Väter? Oder werden alle Figuren der Serie nicht viel mehr vom sozialen Umfeld geprägt als von der Familie?

Ich wünsche dem Team der Lindenstraße sowohl geduldige Kontinuität, als auch neuen Schwung für die Mehr-Generationenerzählung. Das ganze ergänzt um einige neue Bewohner und weiterhin Mut, kontroverse gesellschaftliche Themen unterhaltsam in die Wohnstuben zu bringen. Denn der WDR liefert als öffentlich-rechtlicher Sender und Produzent der Sendung nicht nur wöchentliche Unterhaltung, sondern auch ein zeitgeschichtlich relevantes Dokument vom „Leben in Deutschland“.

Zum Autor:
Jürgen Schupp
ist Direktor der Leibniz Langzeitstudie „Sozio-oekonomisches Panel“ im Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. Seit mehr als 30 Jahren erforscht er gesellschaftliche Trends in Deutschland. Weitere Informationen zum SOEP finden Sie hier.

© wissenschaft.de – Jürgen Schupp
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