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Geschichte+Archäologie

Ältester Homo sapiens außerhalb Afrikas

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Dieser fossile Kiefer eines Homo sapiens wurde in Israel gefunden - er ist der älteste Beleg für eine Präsenz des modernen Menschen außerhalb Afrikas (Foto: Rolf Quam/ Binghamton University)
Wieder wirft eine Entdeckung unser Bild der Menschheitsgeschichte durcheinander. In Israel haben Forscher den Oberkieferknochen eines Menschen entdeckt, der schon 177.000 bis 194.000 Jahre alt ist. Dieser Knochen stammt damit vom ältesten bekannten Vertreter des Homo sapiens außerhalb Afrikas. Das aber bedeutet: Unsere Vorfahren müssen mindestens 50.000 Jahre früher als bisher gedacht aus Afrika in den Nahen Osten gezogen sein – damit muss möglicherweise der gesamte Zeitplan ihrer Ausbreitung neu überdacht werden.

Die Wiege des Menschen stand in Afrika – so viel ist klar. Von dort aus breitete sich der Homo sapiens nach Europa und Asien, nach Ozeanien und schließlich nach Amerika aus. Doch wann und wo der anatomisch moderne Mensch entstand und wann er Afrika verließ, scheint heute strittiger denn je. So enthüllte der Fund von 300.000 Jahre alten Homo sapiens-Fossilien in Marokko erst im vergangenen Jahr, dass unsere frühesten Vorfahren nicht etwa nur in Ost- oder Südafrika lebten, sondern auch im äußersten Nordwesten Afrikas. Gleichzeitig erwies sich unsere Art damit als rund 100.000 Jahre älter als lange gedacht. Verwirrend auch: In den letzten Jahren haben Forscher immer wieder menschliche Fossilien entdeckt, die die Zeit der ersten Auswanderung des Homo sapiens aus Afrika in Frage stellen. Sowohl in China, als auch in Indien und Australien wurden Knochen und Zähne gefunden, die für eine Präsenz des Homo sapiens in Asien schon vor 60.000 bis 80.000 Jahren sprachen.

Jetzt bringt ein neuer Fossilfund erneut Bewegung in unser Bild der Menschheitsgeschichte. Entdeckt haben ihn Israel Hershkovitz von der Universität Tel-Aviv und seine Kollegen im Norden Israels bei Ausgrabungen in der Misliya-Höhle am Berg Carmel. Dort stießen sie auf einen fossilen menschlichen Oberkiefer mitsamt Zähnen.
Um das genaue Alter dieses Fundes zu ermitteln, führten die Wissenschaftler eine Datierung von Knochen und Zahnschmelz mit drei verschiedenen Methoden durch. Das Ergebnis: Der Kiefer ist bereits zwischen 177.000 und 194.000 Jahren alt. Er ist damit deutlich älter als zuvor im Nahen Osten gefundene Menschenfossilien, die aus der Zeit vor 90.000 bis 120.000 Jahren stammten, wie die Forscher berichten.

50.000 Jahre früher ausgewandert

Wie die nähere Analyse der anatomischen Merkmale ergab, stammt dieser Kiefer trotz seines überraschend hohen Alters von einem anatomisch modernen Homo sapiens. Sowohl der Kieferknochen als auch die Zähne unterscheiden sich in Form und Aussehen deutlich sowohl von denen der Neandertaler als auch von denen archaischer Menschentypen, wie Hershkovitz und seine Kollegen berichten. Der Kiefer von Misliya-1 ist damit das bisher älteste Fossil eines Homo sapiens, das je außerhalb Afrikas gefunden wurde. Er verschiebt die Präsenz des modernen Menschen im Nahen Osten um rund 50.000 Jahre in die Vergangenheit. „Misliya ist eine aufregende Entdeckung. Sie liefert uns den bisher klarsten Beleg dafür, dass unsere Vorfahren früher aus Afrika auswanderten als wir zuvor glaubten“, sagt Co-Autor Rolf Quam von der Binghamton University.

Ähnlich sieht es auch der Anthropologe Chris Stringer vom Natural History Museum in London, einer der Begründer der Out-of-Africa-Theorie – der Annahme, dass sich die Menschheit von Afrika aus über die Welt verbreitete. Er schreibt in einem begleitenden Kommentar: „Angesichts von Misliyas Position an einem Kreuzweg zwischen Afrika und Eurasien hat die jüngste Entdeckung eine enorme Bedeutung für unser Verständnis der frühen Besiedlung Westasiens durch den Homo sapiens“, so Stringer. Denn wenn unsere Vorfahren schon vor rund 190.000 Jahren den Nahen und Mittleren Osten erreichten, dann könnten sie dort auch länger als bisher gedacht mit den ebenfalls dort vorkommenden Neandertalern und möglicherweise noch anderen archaischen Menschenformen in Kontakt gekommen sein. „Das bot ihnen mehr Möglichkeiten für einen kulturellen und biologischen Austausch“, so Quam.

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Quelle:

© wissenschaft.de – Nadja Podbregar
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