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Geschichte+Archäologie

Affen haben eine lange Werkzeug-Tradition

Rückenstreifen-Kapuziner sind im Nordosten Brasiliens heimisch. (Bild: Lucas Pacheco/ iStock)

Kapuzineraffen in Brasilien sind schon länger als geschickte Werkzeugnutzer bekannt: Sie verwenden Steine, um Nüsse zu knacken, zu graben oder um Rivalen mit lauten Schlaggeräuschen zu imponieren. Jetzt enthüllt eine Studie erstmals, dass dieses Verhalten bei den Affen schon eine lange Tradition hat: Bereits vor rund 3000 Jahren nutzten Kapuzineraffen in diesem Gebiet Steine als Werkzeuge. Was sie damit aufknackten, hat sich jedoch im Laufe der Zeit geändert. Diese Erkenntnisse sind der erste Beleg dafür, dass der Mensch nicht der einzige ist, dessen Werkzeuggebrauch weit zurückreicht und sich im Laufe der Geschichte wandelte, konstatieren die Forscher.

Lange galt der Mensch als das einzige Wesen, das bewusst Werkzeuge nutzt und herstellt. Inzwischen jedoch zeugen zahlreiche Studien davon, dass Menschenaffen, Affen, verschiedene Vögel, sowie Delfine und Fischotter ebenfalls Werkzeuge zu gebrauchen wissen. Ein besonders eindrucksvolles Beispiel dafür sind die im Capivara-Nationalpark in Brasilien heimischen Rückenstreifen-Kapuziner (Sapajus libidinosus). „Die wilden Kapuzineraffen an diesem Ort nutzen Steinwerkzeuge in einer breiteren Verhaltenspalette als von irgendeinem heute lebenden Tier außer dem Homo sapiens bekannt“, sagen Tiago Falotico von der Universität von Sao Paulo und seine Kollegen. „Diese Aktivitäten beinhalten das Nüsseknacken, das Zerkleinern von Samen und Früchten, das Trommeln mit Steinen auf Stein und sexuelles Imponiergehabe.“ Typischerweise verwenden die Affen die in ihrer Umgebung reichlich verfügbaren Quarzitbrocken als Hämmer und nutzen Baumwurzeln, Äste oder Felsoberflächen als Amboss.

Werkzeugnutzung schon vor 3000 Jahren

Doch wie weit reicht dieses Verhalten schon zurück? Während Archäologen die Werkzeug-Relikte unserer Vorfahren ausgiebig studieren und aus ihnen unter anderem wertvolle Erkenntnisse über die Ernährung und Lebensweise früher Menschenformen und Kulturen gewonnen haben, ist dies bei tierischen Werkzeugmachern anders: „Bisher gibt es für keine tierische Stammeslinie Langzeitdaten über die Variation der Werkzeugnutzung“, konstatieren Falotico und seine Kollegen. Ob das Nüsseknacken von Schimpansen oder den brasilianischen Kapuzineraffen daher eine eher neue Erfindung ist oder schon weit zurückreicht, blieb unbekannt. Um das zu ändern, haben die Forscher nun erstmals typische Methoden der Archäologie auch auf die Werkzeugrelikte der Kapuzineraffen im Capivara-Nationalpark angewandt.

Die Wissenschaftler führten Ausgrabungen in einem für das Nüsseknacken besonders beliebten Gebiet durch, analysierten die 122 gefundenen Artefakte mittels Radiokarbondatierung und untersuchten ihre Form. Die Auswertung ergab: Die ältesten Steinwerkzeuge an der Ausgrabungsstelle sind bereits 2400 bis 3000 Jahre alt. Die Tradition, Steine als Hämmer zu verwenden reicht demnach bei den Kapuzineraffen schon rund 450 Generationen zurück. „Das vervierfacht die bisher bekannte Zeitlinie für die Werkzeugnutzung bei Nicht-Menschenaffen“, berichten die Forscher.

Wandel der Hammersteine

Wie die genauere Untersuchung der Steinartefakte enthüllte, blieb die Werkzeugnutzung der Affen aber in dieser langen Zeit nicht gleich. Stattdessen zeigten sich an den Hammersteinen deutliche Hinweise auf eine veränderte Verwendung: Die Steine der frühesten Phase weisen Spuren eines intensiven Gebrauchs mit vielen Abschlägen und Macken auf, wie Falotico und seine Kollegen feststellten. Zudem waren diese Hammersteine kleiner und leichter als diejenigen, die die Kapuzineraffen heute zum Knacken von Cashewnüssen verwenden. „Dies könnte darauf hindeuten, dass die Affen in dieser Phase kleinere, weniger harte Nahrung als die Cashewnüsse zerkleinerten“, sagen die Wissenschaftler. Wie die Hammersteine bei kleineren Samen stärker auf den Amboss trafen, zeigen sie stärkere Gebrauchsspuren, vermuten sie.

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Dann jedoch bahnte sich ein Wandel an: Die Werkzeuge aus der Zeit vor 2500 bis 300 Jahren waren deutlich schwerer und größer als zuvor und auch schwerer als die heute von den Affen verwendeten Hammersteine, wie die Forscher berichten. Offenbar knackten die Affen in dieser Zeit vermehrt größere, härtere Nahrung. „Dies repräsentiert den ersten Nachweis einer langfristigen Veränderung in der Werkzeugnutzung außerhalb der menschlichen Stammeslinie“, konstatieren Falotico und sein Team. Der Mensch sei damit in Bezug auf solche Wandel der Artefakte nicht mehr einzigartig. Unklar ist allerdings noch, ob die Kapuzineraffen ihre Hammertechnik an sich ein sich veränderndes Nahrungsangebot anpassten oder ob dieser Wandel auf den Zuzug einer anderen Affengruppe mit einer anderen Werkzeugkultur zurückgeht.

Quelle: Tiago Falotico (University of Sao Paulo, Butanta) et al., Nature Ecology & Evolution, doi: 10.1038/s41559-019-0904-4

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