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Steinzeit

Anhänger aus Menschenknochen

Künstlerische Darstellung eines Mannes, der mit Anhängern aus tierischem - aber auch menschlichem Material bestattet wurde. Höchstwahrscheinlich bildeten sie zusammen ein Ornament am Saum eines Gewandes oder eine Art Rassel. © Tom Björklund

Analyseergebnis: Homo sapiens. Offenbar schmückten sich steinzeitliche Jäger und Sammler im heutigen Nordwestrussland neben Elchzähnen auch mit Anhängern aus Menschenknochen. Das zeigt eine Untersuchung von rund 8200 Jahre alten Grabfunden. Der Hintergrund der Verwendung der menschlichen Überreste bleibt allerdings geheimnisvoll – es kommen verschiedene Interpretationen infrage, sagen die Wissenschaftler.

Seit Urzeiten haben Menschen überall auf der Welt verschiedene Objekte als Schmuck- oder Symbol-Elemente verwendet. Auch in den Kulturen der steinzeitlichen Jäger und Sammler Eurasiens spielten sie eine wichtige Rolle. Bei einem Fundort, der dies eindrucksvoll belegt, handelt es sich um ein Gräberfeld auf der kleinen Insel Yuzhniy Oleniy Ostrov im Onegasee in der russischen Republik Karelien. Dort bestattete ein Jäger-und-Sammlervolk vor etwa 8200 Jahren seine Toten mit Kleidungsstücken oder Rasseln, die teils üppig mit Anhängern bestückt waren. Wie frühere Untersuchungen der zahlreichen Funde gezeigt haben, handelte sich dabei vor allem um die Schneidezähne von Elchen. Doch einige Anhänger waren auch aus Knochenmaterial hergestellt.

Jedes dritte Stück aus Menschenknochen

Bisher nahm man an, dass auch diese Elemente tierischen Ursprungs waren. Doch Kristiina Mannermaa von der Universität Helsinki und ihre Kollegen wollten genauer wissen, von welcher Spezies sie stammen. So schickten die Wissenschaftler die Knochenanhänger zu Kollegen an der University of York, um sie einer massenspektrometrischen Untersuchung unterziehen zu lassen. Anhand bestimmter Bestandteile in den Knochenproben lässt sich durch dieses Verfahren bestimmen, von welcher Tierart sie stammen.

Die Materialanalysen ergaben, dass viele Anhänger aus den Knochen von Elchen und einer Rinderart hergestellt worden waren. Doch bei 12 der 37 Proben identifizierten die Wissenschaftler eine überraschende Herkunft: Sie sind menschlichen Ursprungs. Wie aus weiteren Untersuchungen hervorging, handelte es sich bei diesen Knochenanhängern um Stücke von gebrochenen menschlichen Langknochen. Um eine Halterung für Bänder herzustellen, wurden sie mit Rillen versehen.

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Es gibt dabei Hinweise darauf, dass sich das Rohmaterial vor der Herstellung in einem recht frischen Zustand befunden hat, schreiben die Forscher. Die Anhänger wurden im gleichen Kontext wie die Zahn- und Tierknochenanhänger gefunden. Höchstwahrscheinlich bildeten sie zusammen ein Ornament am Saum eines Gewandes oder aber eine Art Rassel, erklären die Wissenschaftler. Gebrauchsspuren deuten dabei darauf hin, dass die Gegenstände vor ihrer Ablage in den Gräbern benutzt wurden.

Welche Bedeutung hatten die „speziellen“ Anhänger?

Die Befunde werfen nun natürlich Fragen auf: Aus wessen Knochen wurden die Anhänger hergestellt und welche Bedeutung verbanden die Menschen mit ihnen? Verschiedene Möglichkeiten kommen dabei in Frage – genau klären lässt sich der Hintergrund wohl nicht, sagen die Forscher. Wie sie berichten, ist die Verwendung von Menschenknochen als Rohmaterial für Gegenstände aus Asien und Südamerika bekannt. Dabei gibt es auch Informationen zu Motiven. Die Knochenstücke können etwa von Familienmitgliedern stammen und dienen dem Andenken an die Verstorbenen.

Im Gegensatz dazu kann es sich aber auch um „Trophäen“ von Feinden handeln, die zur Schau gestellt werden. Auch ein Zusammenhang mit Kannibalismus erscheint möglich. Dabei gelten oft Spuren einer Fleischentfernung auf den Knochen als Hinweis. „Die Oberfläche der von uns untersuchten Knochenanhänger ist allerdings so abgenutzt, dass man keine möglichen Schnittspuren erkennen kann, was bedeutet, dass wir aufgrund der Funde in Yuzhniy Oleniy Ostrov keinen Grund haben, Kannibalismus zu vermuten“, sagt Mannermaa.

Die Forscher sehen allerdings in einem anderen Aspekt einen möglichen Hinweis auf eine Bedeutung: Die Anhänger aus dem menschlichen Material wurden auf dieselbe Weise wie die aus dem tierischen hergestellt und besaßen offenbar die gleiche Funktion. „Die Tatsache, dass die Verwendung menschlicher Knochen in keiner Weise hervorgehoben wurde und dass die Objekte nicht von denjenigen aus Tierknochen zu unterscheiden sind, könnte auf die Verflechtung von Tier und Mensch in der steinzeitlichen Weltanschauung hinweisen“, sagt Mannermaa. „Die gemeinsame Verwendung von Tier- und Menschenknochen in ein und demselben Ornament oder Kleidungsstück könnte die Vorstellung symbolisiert haben, dass sich Menschen in Tiere verwandeln können und umgekehrt. Wir wissen, dass eine solche Verwischung von Formen und Grenzen Teil der Weltanschauung mancher Völker war und noch immer ist“, so die Wissenschaftlerin.

Quelle: Universität Helsinki

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