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Geschichte|Archäologie

Alltag frühindustrieller Arbeiterinnen aufgedeckt

Skelett
Skelett einer Frau aus dem 19. Jahrhundert, die in Basel als Schneiderin arbeitete. © Karakostis et al. 2022

Über den Arbeitsalltag von Frauen in früheren Zeiten ist bisher deutlich weniger bekannt als von Männern, denn oft gibt es kaum Aufzeichnungen darüber. Neue Erkenntnisse liefern nun die Handknochen von im 19. Jahrhundert in Basel verstorbenen Arbeiterinnen. Zusammen mit biografischen Daten verraten typische Belastungsspuren, welche Tätigkeiten diese Frauen zu Lebzeiten ausführten, und geben so neue Einblicke in die Lebensbedingungen der Baseler Unterschicht im 19. Jahrhundert.

In vergangenen Zeiten unterschieden sich die Aufgaben und Tätigkeiten von Männern und Frauen erheblich, dies spiegelte die Gesellschaftsstruktur und die Rollen beider Geschlechter wider. Doch während historische Aufzeichnungen viel über das Berufsleben von Männern beispielsweise in den Anfängen der Industrialisierung verraten, ist über das weibliche Pendant deutlich weniger bekannt. „Die Dokumentation weiblicher Berufstätigkeit ist in historischen Quellen meist begrenzt und vage“, erklären Alexandros Karakostis von der Universität Tübingen und Gerhard Hotz vom Naturhistorischen Museum Basel. „Dies spiegelt wider, wie die westlichen Gesellschaften und staatlichen Regelungen die weibliche Arbeit noch bis Mitte des 20. Jahrhunderts wahrnahmen.“

Muskelansatzstellen verraten Belastungen

Infolgedessen sind Wissenschaftler auf zusätzliche, indirekte Methoden angewiesen, durch die sie mehr über die konkreten Tätigkeiten von Frauen in früheren Zeiten erfahren können. Eine davon ist die genaue Analyse von Muskelansatzstellen an den Knochen Verstorbener. Weil wiederholte Belastungen diese Ansatzstellen in charakteristischer Weise prägen, lässt sich an ihnen ablesen, welche Bewegungen und Tätigkeiten die Person zu Lebzeiten durchgeführt hat. Bereits 2017 gelang es Karakostis und seinen Kollegen durch 3D-Analysen, die alltägliche Arbeit von 45 Männern aus der Unterschicht zu rekonstruieren, die um 1850 auf dem Baseler Spitalfriedhof bestattet worden waren.

Abgleiche mit historischen Aufzeichnungen bestätigten dabei, dass diese Arbeiter je nach Beruf sehr spezifischen körperlichen Belastungen ausgesetzt waren. „Zum Beispiel fanden wir bei Bauarbeitern bestimmte Skelettmerkmale, die schwere Arbeit und festes Zupacken widerspiegelten“, berichtet Karakostis. „Handknochen von Männern, die mehr feinmotorische Arbeiten verrichteten, wiesen dagegen mehr Merkmale auf, die sich durch häufige Präzisionsgreifbewegungen von Daumen und Zeigefinger herausbilden.“

Analyseergebniosse
Die Skelettanalyse spiegelt die Aufteilung manueller Arbeiten zwischen Frauen und Männern in der frühindustriellen Unterschicht wider. Unterscheidbar sind aber auch Bauarbeiter und Männer mit feinmechanischen Berufen, sowie Dienstmädchen von Frauen mit spezifischen Beschäftigungen. © Karakostis et al. 2022

Handknochen verraten Tätigkeiten der Frauen

Für ihre aktuelle Studie haben die Wissenschaftler nun auch die Knochen von 38 Frauen der Baseler Unterschicht auf typische Belastungspuren untersucht. Ergänzend zu den 3D-Analysen der Handknochen halfen 70 Freiwillige dabei, zugehörige Krankenakten und dokumentierte Lebensgeschichten der untersuchten Frauen zusammenzutragen. „Die große Mehrheit der arbeitenden Frauen waren damals in Basel als Dienstmagd oder Fabrikarbeiterin angestellt“, erklären Karakostis und Hotz. Zusätzlich mussten diese Frauen ihren eigenen Haushalt und Kinder versorgen. Deshalb, so die Hypothese der Forscher, übten die arbeitenden Frauen der Unterschicht deutlich vielfältigere Tätigkeiten aus als ihre Männer. Dennoch müssten sich einige besonders spezifische Berufe wie Näherin, Schneiderin oder ähnliche mit sich oft wiederholenden Handbewegungen verknüpfte Arbeiten auch an den Handknochen ablesen lassen.

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Die Analysen ergaben tatsächlich deutliche Unterschiede sowohl zwischen den Geschlechtern als auch innerhalb der Arbeiterinnen. So zeigten die Handknochen der als Dienstmädchen beschäftigten Frauen deutlich größere Variabilität als bei Männern mit vergleichbar vielseitigen Tätigkeiten. Nach Angaben der Wissenschaftler hängt dies auch damit zusammen, dass Männer selbst auf dem Bau eine Lehre oder andere Ausbildung durchliefen und dabei für spezifische Aufgaben geschult wurden, beispielsweise als Tischler, Steinmetz oder ähnliches. Frauen hingegen waren meist ungelernt und wurden für wechselnde Tätigkeiten eingesetzt. Zudem wechselten sie häufiger die Anstellung als Männer, wie Karakostis und Hotz erklären.

Eine kleine Untergruppe der untersuchten Frauen wich jedoch von diesem Muster ab: Ihre Handknochen belegen, dass sie einer spezialisierteren Tätigkeit nachgingen, die durch wiederholte, immergleiche Handgriffe gekennzeichnet war. „Die Ergebnisse bieten aufschlussreiche Einblicke in das tägliche Leben von Frauen und Männern der Arbeiterklasse im frühindustriellen Basel und zeigen, wie vielversprechend unsere Methoden allgemein für die Erforschung des Lebens früherer Menschen sind“, betont Karakostis. Die Studie bestätigt zudem die geschlechtsspezifische Arbeitsaufteilung während der Industrialisierung, einer der prägendsten Perioden moderner Gesellschaften.

Quelle: Eberhard Karls Universität Tübingen; Fachartikel: American Journal of Biological Anthropology, doi: 10.1002/ajpa.24636

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