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Geschichte des Rassismus

Als die Rassistinnen zum Kampf aufriefen

Schwarze Schüler waren nach der Abschaffung der Rassentrennung in den USA dem Zorn von weißen Frauen ausgesetzt. (BIld: gmast3r/iStock)

Frauenpower der rassistischen Art: Eine Historikerin berichtet, wie bösartig weiße US-Amerikanerinnen der Südstaaten in den 1950er- und 1960er-Jahren gegen die Zulassung von schwarzen Schülern an zuvor den Weißen vorbehaltenen Schulen kämpften. Die Bedeutung der Frauen wurde beim Blick auf die Geschichte des Rassismus bisher vernachlässigt, sagt die Wissenschaftlerin.

Die Unruhen der letzten Zeit und die aktuelle Black-Lives-Matter-Bewegung haben den Rassismus in den USA erneut stark in den Fokus gerückt. Es wird deutlich, dass in den Köpfen vieler weißer Bürger noch immer die Vorstellung vorherrscht, dass nicht alle Menschen gleichwertig sind. Dies spiegelt sich heute in Bezeichnungen wie „White Supremacy“ wider. Damit werden Ideologien bezeichnet, die den Menschen europäischer Abstammung eine höhere Wertigkeit gegenüber anderen „Rassen“ zusprechen, und damit eine privilegierte Stellung rechtfertigen.

Was dem Rassismus in den USA zugrunde liegt, scheint klar: Noch immer wirft das menschenverachtende System der Sklaverei seinen langen Schatten auf die Gesellschaft. Nach der Niederlage der Südstaaten im amerikanischen Bürgerkrieg endete im Jahr 1865 zwar die Ära der Sklaverei, doch wie gleichwertige Bürger wurden die Afroamerikaner deshalb nicht behandelt. Es kam in den Südstaaten zu einer strikten Zweiteilung des öffentlichen Raums: Es gab für Weiße und für Schwarze getrennte Parkbänke, Friedhöfe, Blutbänke, Verkehrsmittel und Schulen. 1896 wurde diese Trennung unter der Voraussetzung erneut legitimiert, dass alle Einrichtungen gleichwertig sein sollten. „Das sind sie aber nie gewesen“, sagt Rebecca Brückmann von der Ruhr-Universität Bochum. „Gegen die Ungerechtigkeiten haben Aktivisten dann 50 Jahre lang mehr oder weniger erfolglos angekämpft“, sagt die Historikerin. Das änderte sich erst nach dem Zweiten Weltkrieg, als erste Kämpfer für die Gleichberechtigung in den USA vor Gericht zogen. 1954 fiel dann ein folgenreiches Urteil: Die Rassentrennung in öffentlichen Schulen wurde für verfassungswidrig erklärt.

Rabiate Proteste

Doch die Zulassung von schwarzen Schülern an Schulen, die zuvor nur Weißen Vorbehalten waren, stieß auf teils gewaltbereiten Wiederstand. Der Protest der weißen Bevölkerung gegen die sogenannte Desegregation, eskalierte so weit, dass sogar das Militär einschreiten musste. Mit diesen Entwicklungen hat sich Brückmann im Detail befasst. Wie sie erklärt, stehen beim Thema Rassismus oft die Männer im Vordergrund. Ihr Fokus lag deshalb auf den Aktivitäten der Frauen bei den Unruhen nach der Abschaffung der Rassentrennung. „Das Thema Schule – die Betroffenheit der Kinder, involvierte die Mütter besonders intensiv“, hebt die Historikerin in diesem Zusammenhang hervor. Um deren Verhalten zu analysieren, hat sie Zeitungsartikel, Memoiren, Aufzeichnungen von Schulleitungen und Befragungs-Protokolle des FBI ausgewertet. Ihre Ergebnisse hat sie in einem Buch zusammengefasst, das Anfang 2021 erscheint.

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Als ein markantes Beispiel für die rassistischen Aktivitäten von Frauen hebt sie die Ereignisse in Little Rock hervor. In der Hauptstadt des US-Bundesstaates Arkansas mussten 1958 und 1959 alle vier Highschools für ein Jahr geschlossen werden. Der Grund: Die Eltern der rund 2000 Schüler rebellierten gegen die Einschulung von neun schwarzen Kindern. Wie Brückmann berichtet, zeichnet sich in den Informationen aus der Zeit ab, wie viele Mütter ihre Kinder offenbar gezielt dazu animierten, die schwarzen Mitschüler zu mobben. Die Proteste gipfelten dann schließlich in der Schulschließung mit der Begründung: Lieber gar keine Schule als ein gemeinsamer Unterricht mit Schwarzen.

In einem anderen Fall machten sich Frauen im Jahr 1960 besonders bösartig in New Orleans bemerkbar, berichtet Brückmann. Hier richtete sich der „weibliche Volkszorn“ auf vier schwarze Kinder, die an zwei Grundschulen zugelassen worden waren. Aus den Informationen zu den Ereignissen geht hervor, dass die Frauen die Eltern der Kinder sogar körperlich attackierten und die Kinder mit dem Tod bedrohten. Unter den Täterinnen waren auch gebildete Menschen und Angehörige der Oberschicht, betont Brückmann.

Nicht nur „Cheerleader“

Offenbar wurden diese Frauen aber dennoch eher nur als lautstarke Unterstützerinnen der männlichen Hauptakteure betrachtet: Die Polizei bezeichnete die Frauengruppe als „Cheerleader“. „Das zeigt den sehr maskulistischen Diskurs um die Desegregationskrisen in den 1950ern und 1960ern, der dazu führte, dass lange angenommen wurde, dass Frauen nur Symbole waren und keine eigenen Akteurinnen“, so Brückmann. „Tatsächlich waren sie aber auf dem Spielfeld, denn diese Frauen waren selbst Akteurinnen vor Ort und haben Demonstrationen organisiert, Lobbyarbeit geleistet und griffen weiße Eltern an, die den Boykott nicht mitmachen wollten“.

Die Grundlage der Radikalität bildete ein tiefsitzender Rassismus. „Aber es ist immer komplexer, als es aussieht“, sagt Brückmann. Der Historikerin zufolge mischte sich auch ein generelles Gefühl des Kontrollverlusts in die Geschichte. Die Menschen wollten, dass sich die Regierung der USA aus den Belangen der einzelnen Staaten heraushalten soll. Dabei half das Konzept der überlegenen weißen Identität – es konnte verschiedene Strömungen vereinen und konsolidieren. Und diese Funktion erfüllt White Supremacy auch heute noch, sagt Brückmann.

Was den Ausgang der Tumulte in den 1950er- und 1960er-Jahren betrifft, zeichnete sich der Historikerin zufolge ab: Nachdem die Proteste der Mütter gegen die Aufnahme schwarzer Schüler ihre erhoffte Wirkung verfehlten, kam es teilweise zu demographischen Umstrukturierungen: Die Weißen zogen verstärkt in die Vorstädte und somit in Schulbezirke, die noch ihren Vorstellungen entsprachen.

Quelle: Rubin – Ruhr-Universität Bochum, Originalveröffentlichung: Rebecca Brückmann: Massive Resistance and southern womanhood. White women, class, and segregation. University of Georgia Press, Athens 2021, 284 Seiten, ISBN: 9780820358352

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