„Als Ötzi stürzte, war er schon bewusstlos" - wissenschaft.de
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Geschichte+Archäologie

„Als Ötzi stürzte, war er schon bewusstlos“

Der Eismann ist für Südtirol ein Wirtschaftsfaktor. Grund genug, ihn so zu konservieren, dass er sich nicht weiter zersetzt. Verantwortlich dafür ist Eduard Egarter Vigl. Er hat soeben mit Kollegen eine Studie vorgelegt, die die dramatischen letzten Stunden von Ötzi schildert.

bild der wissenschaft: Wie viele Leichen untersuchen Sie im Jahr, Herr Dr. Egarter Vigl?

Egarter Vigl: Als Pathologe habe ich im Krankenhaus Bozen etwa 300 Todesfälle zu bearbeiten, die auf dem Autopsietisch landen.

bdw: Seit 1998 haben Sie es mit einer der berühmtesten Leichen der Welt zu tun, sind gewissermaßen der Leibarzt von Ötzi. Wie kommt man zu dieser ehrenvollen Aufgabe?

Egarter Vigl: Ich bin zu diesem Job gekommen wie die Jungfrau zum Kind. 1997 war absehbar, dass das Archäologiemuseum im Bozen fertig wird und damit die Mumie von Innsbruck nach Bozen kommt. Man suchte also einen Konservator für den Eismann. Doch niemand in Südtirol hatte die Kompetenz – mich eingeschlossen. Als man mich zum ersten Mal bat, den Job zu übernehmen, habe ich Nein gesagt. Ich wurde bedrängt, es dennoch zu versuchen, was ich dann auch tat. Dabei habe ich festgestellt, dass die Konservierung von Ötzi ein empirischer Prozess ist. Man muss am Fall und Schritt für Schritt lernen, was gut ist und was nicht. Mit dem Ergebnis, dass die heutige Konservierung mit der ursprünglichen Form der Konservierung nichts mehr zu tun hat.

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bdw: Wie groß war der Schreck, als Sie feststellen mussten, dass der Eismann im Bozener Museum – anders als in Innsbruck – deutlich an Gewicht verliert?

Egarter Vigl: Für mich war das der reine Horror. Am Anfang hatten wir große Schwierigkeiten, den Verlust an Feuchtigkeit aufzufangen. Die Mumie verlor bis zu 50 Gramm Wasser pro Tag. Die Haut wurde dadurch weiß und rissig, was sogar Museumsbesucher bemerkten. Das Wasser schlug sich an den Wänden der Museumszelle nieder und bildete nach zwei bis drei Tagen eine dicke Reifschicht. Wir mussten die Mumie wieder und wieder aus der Zelle nehmen, die Zelle abtauen, den Ötzi erneut befeuchten. Ich habe Nächte in der Zelle verbracht, um zu schauen, was man mit dem Mann machen kann.

bdw: Und wie haben Sie das Problem gelöst?

Egarter Vigl: Heute wissen wir: Alle Wände müssen bis auf ein Zehntelgrad Celsius gleich temperiert sein. Denn schon kleine Unterschiede verursachen Luftströmungen, die die Mumie austrocknen lassen. Um das Problem in den Griff zu bekommen, hatte das Museum sogar die Technische Universität Mailand eingeschaltet. Dort wurden Rechenmodelle erstellt, um in der Zelle einen optimalen Temperaturausgleich zu erreichen. Inzwischen ist die Zelle mit Eisfliesen ausgepanzert – ähnlich wie ein Iglu. Alle Dichtungen sind optimiert, und die Beleuchtung der Mumie ist so energiesparend wie möglich. Denn die Strahlung führt bei der Mumie dazu, dass Wasserdampf an die Umgebung freigesetzt wird.

bdw: Heißt das, dass der Eismann nunmehr pflegeleicht ist?

Egarter Vigl: Gegenwärtig verliert er etwa drei Gramm Wasser pro Tag. Das heißt: Alle zwei Monate braucht er eine Konservierungsbehandlung, die ihm das verlorene Wasser wieder zuführt.

bdw: Wie machen Sie das?

Egarter Vigl: Wir hüllen Ötzi in einen Eispanzer von ein bis drei Millimeter Dicke ein. Das schützt ihn. Wir haben festgestellt, dass der tägliche Wasserverlust nur die äußere Schicht der Mumie betrifft und nicht ihr Inneres.

bdw: Ötzi ist äußerlich attraktiv. Wie steht es um seine inneren Werte? Können Sie die auch dauerhaft konservieren?

Egarter Vigl: Ötzi ist nicht mehr als eine gut erhaltene Hülle. Der Mensch verstarb vor etwa 5300 Jahren. Die einzelnen Bausteine des Körpers bergen leider nur noch wenige Informationen. Die DNA-Fragmente sind kaum länger als 100 bis 200 Basenpaare – zu kurz für erschöpfende genetische Untersuchungen. Auch chemisch ist nicht mehr viel los mit ihm: Die enzymatische Aktivität ist gleich null. Was über 5000 Jahre im Gletscher kaputt gegangen ist, können wir nicht reparieren. Deshalb werden wir demnächst von der Konservierung in sauerstoffhaltiger Atmosphäre abrücken. Sauerstoff ist aggressiv und die eigentliche Ursache von Alterungsprozessen. Wir werden Ötzi künftig entweder unter einer Argon- oder unter einer Stickstoffatmosphäre aufbewahren. Dadurch vermeiden wir die aggressiven Sauerstoffradikale, die der Mumie weiter zusetzen würden. Und – der zweite Streich – wir unterbinden dadurch alles Leben, das auf Sauerstoff angewiesen ist. Mikroorganismen, die ihrerseits Ötzi angreifen könnten, haben damit keine Lebensgrundlage mehr. Es gibt noch einen dritten Vorteil einer reinen Atmosphäre: Neuerdings gibt es Analysegeräte, die Verunreinigungen in einem Reingas noch im Nanobereich nachweisen. Biologische Aktivitäten im Körper der Mumie würden sich also sofort durch ihre Stoffwechselprodukte verraten, und wir könnten frühzeitig alles daran setzen, die Mumie von etwaigem Pilzbefall zu befreien.

bdw: Wer sich so intensiv wie Sie mit einer Mumie beschäftigt, entwickelt sicher doch auch so etwas wie eine Beziehung zu ihr. Reden Sie mit Ötzi?

Egarter Vigl: Das wäre übertrieben. Doch wenn ich etwa an einem Sonntagabend mit ihm alleine einen Check mache, beschäftigt mich der Eismann schon sehr intensiv. Der Mann hat einen Blick! Das ist kein totes Gesicht.

bdw: Der Mann wurde umgebracht. Diese Hypothese existiert seit 2001. Soeben haben Sie mit Kollegen eine Publikation veröffentlicht, die sie erhärtet.

Egarter Vigl: Die Fundstelle von Ötzi liegt auf 3210 Meter Seehöhe. Selbst wenn vor mehr als 5000 Jahren dort etwas bessere klimatische Bedingungen als heute geherrscht haben, ist die Gegend unwirtlich. Man steigt dort nicht hinauf, um irgendeine Arbeit zu verrichten. Auf kultische Handlungen haben wir keinerlei Hinweise. Somit scheidet diese Variante für mich aus. Es gibt daher nur zwei wirkliche Gründe für einen Aufenthalt dort oben: Er war auf der Jagd oder er war auf der Flucht.

bdw: Sie glauben, Ötzi war auf der Flucht?

Egarter Vigl: An seinen Ausrüstungsgegenständen können wir eindeutig ablesen, dass vor seinem Tod etwas Gewaltsames passiert ist: Er hat keinen Bogen mehr, war dabei, sich einen neuen Bogen herzurichten. Und er hat sich neue Pfeile beschafft. Die Pollenanalyse aus seinem Darminhalt bestätigt, dass er nach seinem ersten Aufstieg wieder abgestiegen ist – wohl um sich die Pfeile zu beschaffen. Weiterhin hat der Mann eine tiefe Schnitt- oder Hackwunde zwischen Daumen und Zeigefinger der rechten Hand. Die Verletzung ist so tief, dass sie unmöglich aus einem Missgeschick heraus passieren konnte: Sie muss zugefügt worden sein. Und dies wenige Tage vor seinem Tod. Weitere Verletzungen am Körper sind ähnlich alt. Dann gibt es Verletzungen am Gesichtsschädel: Die rechte Seite ist bläulich und geschwollen, darunter befinden sich Knochenbrüche. Man kann davon ausgehen, dass der Mensch einige Zeit bewusstlos war oder durch die Verletzung sogar eine Hirnblutung bekam.

bdw: Und dann gibt es noch die Pfeilschussverletzung.

Egarter VigL: Hier handelt es sich um eine akute Verletzung, mit der ein Mensch nicht länger als zehn Minuten leben kann. Aus dieser Verletzungsabfolge schließen wir, dass sich der Mann nach einem Pfeilschuss in die Schulter umgedreht hat und danach wahrscheinlich durch den Täter nochmals körperlich angegriffen worden ist. Die Verletzungen am Hinterkopf legen nahe, dass Ötzi nach hinten gestoßen oder mit einem Schlag niedergeworfen wurde. Ein weiteres Indiz ist die abnormale und äußerst schmerzhafte Abwinkelung des linken Arms. Jemand, der sich hinsetzt oder zum Schlafen hinlegt, macht es sich so bequem wie möglich und verrenkt sich sicherlich nicht den Arm. Nein – als Ötzi stürzte, war er wahrscheinlich schon bewusstlos, wurde von seinem Angreifer am Arm gepackt und auf den Bauch gedreht, um den Pfeil aus dem Rücken herauszudrehen, der den Täter hätte verraten können. Beim Herausdrehen löste sich die Spitze und blieb im Körper stecken. Der Pfeilschaft wurde nie gefunden.

bdw: Klingt plausibel. Dennoch werden sich nicht alle Experten Ihrer Sicht der Dinge anschließen.

EGarter Vigl: Das ist legitim. Wir sind uns bewusst, dass unsere Theorie nicht lückenlos ist. Allerdings habe ich keinerlei Zweifel daran, dass Ötzi eines gewaltsamen Todes gestorben ist und bereits einige Tage vor seinem Tod in einen schweren Streit verwickelt war. Möglich ist natürlich auch – aber für mich eher unwahrscheinlich –, dass Ötzi anderswo umgebracht und auf dem Berg bestattet wurde.

Das Gespräch führte Wolfgang Hess ■

Ohne Titel

Steckbrief Ötzi

Gewicht zum Zeitpunkt des Todes:

50 Kilogramm

Gewicht heute: 13,5 Kilogramm

Größe: 1,60 Meter

Schuhgröße: 38

Statur: muskulös, kaum Fettansatz

Alter: 45 bis 47 Jahre

Gesellschaftlicher Status: Das mitgeführte Beil mit Kupferklinge weist ihn als Angehörigen der oberen Schicht aus.

Todesursache: Mord oder Totschlag

Todeszeitpunkt: während eines Frühsommers vor gut 5300 Jahren

Sterbeort: in 3210 Meter Höhe auf dem Tisenjoch, Italien – 90 Meter von der

österreichischen Grenze entfernt

Fund: am 19. September 1991 gegen 13.30 Uhr durch die deutschen Bergwanderer Erika und Helmut Simon

Aufgebahrt: seit 1998 im Südtiroler Archäologiemuseum

Besuchszeiten: täglich außer montags von 10 bis 18 Uhr. Im Juli, August und Dezember auch montags geöffnet.

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