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Geschichte+Archäologie

Altwerden im georgianischen England

Alter und Tod
Der Apotheker und der Tod, 1816. (Bild: Wellcome Collection/ historisch)

Im England der georgianischen Ära war das Älterwerden für viele ein Grund tiefster Angst. Denn Menschen, die an körperlichen Gebrechen, Demenz oder Depression litten, hatten vor rund 220 Jahren kaum Hilfe zu erwarten. Nicht wenige wählten deshalb lieber den Freitod als im Armenhaus zu enden, wie historische Protokolle von gerichtsmedizinischen Untersuchungen verraten. Aber auch wohlhabende Angehörige der Oberschicht fürchteten den körperlichen und geistigen Verfall.

Das Leben im England des 18. Jahrhunderts war hart, vor allem für die mittleren und unteren Schichten. Harte körperliche Arbeit und ein oft entbehrungsreiches Leben ließen viele Menschen vor ihrer Zeit altern und sterben. Was wir heute bestenfalls als mittleres Alter ansehen, galt damals schon als betagt, denn weniger als 20 Prozent der Bevölkerung wurden damals älter als 50 Jahre, wie die Historikerin Ella Sbaraini von der University of Cambridge erklärt.

Protokolle der Leichenbeschauer geben tiefe Einblicke

Was aber bedeutete das Altwerden für die Menschen des georgianischen Ära? Spannende Einblicke darin bieten die Aufzeichnungen und Protokolle von Gerichtsmedizinern und Zeugenbefragungen zu 106 Todesfällen unklarer Ursache aus London und einigen englischen Grafschaften. In den meisten dieser Fälle kamen die Behörden nach eingehender Untersuchung zu dem Schluss, dass es sich dabei um Selbsttötungen handelte. Das Interessante jedoch: Weil die Protokolle die Aussagen naher Angehöriger der Toten teils wörtlich festhielten, liefern sie wertvolle Einblicke in den körperlichen und geistigen Zustand der Betroffenen.

Die Berichte enthüllen, dass die meisten dieser Selbstmorde von Menschen begangen wurden, die wegen der mit ihrem fortgeschrittenen Alter verknüpften körperlichen oder seelischen Leiden keine Zukunft mehr sahen. Ein Beispiel dafür ist Isaac Hendley, ein Mann in den 60ern, der sich 1797 in Shoreditch umbrachte. Zeugen berichteten hinterher, das er vor seinem Tod oft von der Angst vor einem Leben im Elend gesprochen habe und von der Befürchtung, dass er seinen Beruf als Schuhmacher nicht mehr ausüben könne. Denn er litt bereits unter körperlichen Gebrechen. Hendley befürchtete, dass er im Armenhaus enden würde – für einen bis dahin selbstständigen Handwerker war dies eine erniedrigende Vorstellung, wie Sbaraini erklärt.

Ängste, Gebrechen und Demenz

„Die in diesen Dokumenten beschriebenen Menschen litten an einer Reihe von altersbedingten Krankheiten und Behinderungen, aber auch unter schwerwiegenden sozialen und finanziellen Problemen“, berichtet Sbaraini. „Viele suchten nach Hilfe, aber sie lebten zu einer Zeit, in der es die von ihnen benötigte Unterstützung einfach nicht gab.“ Davon betroffen waren keineswegs nur Angehörige der ärmeren Schichten, wie die historischen Aufzeichnungen belegen. Auch einige ältere Angehörige der Oberklasse sahen offenbar keinen Ausweg mehr. Ein Beispiel ist Thomas Norman, der sich im Jahr 1771 im wohlhabenden Viertel London St. James das Leben nahm. Sein Apotheker berichtete hinterher, der Tote sei bei jeder Krankheit extrem niedergeschlagen gewesen.

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Ein weiterer Fall ist der Landadelige John Braithwaite, der 1803 in der Grafschaft Cumbria in Nordengland starb. Er klagte den Zeugenaussagen zufolge vor seinem Tod über zunehmende Verwirrtheit, vergaß einfache Worte oder wo er sein Pferd angebunden hatte. Auch abrupte Stimmungsumschwünge und plötzliche Wutanfälle kennzeichneten seinen Zustand. „Heute sind Gedächtnisverlust, Verwirrung und Verhaltensänderungen wohlbekannte Anzeichen einer Demenz“, erklärt Sbaraini. „Aber in den 1700er Jahren gab es weit weniger Verständnis und Unterstützung für Patienten mit diesem Leiden. Für einen ehemals unabhängigen, von Seinesgleichen respektierten Menschen muss es extrem belastend gewesen sein, sein eigenes Verhalten nicht mehr im Griff zu haben.“

Nach Ansicht der Historikerin illustrieren diese Fallberichte, dass die Menschen auch vor rund 250 Jahren im Alter mit ähnlichen Problemen kämpften wie wir heute. Weil es damals aber kaum Hilfe gab, sahen viele keinen anderen Ausweg als den Tod. „Die tragischen Erfahrungen vieler alter Menschen im 18. Jahrhundert unterstreichen die Notwendigkeit von sozialer und medizinischer Hilfe für Senioren“, sagt Sbaraini. „Die Geschichte erinnert uns daran wie wichtig es ist, dass auch ältere Menschen sich als nützlicher und wertgeschätzter Teil der Gesellschaft fühlen.“

Quelle: University of Cambridge; Fachartikel: Social History of Medicine, doi: 10.1093/shm/hkab048

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