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Geschichte|Archäologie

Andenmumien enthüllen brutale Morde

Mumien
Männliche und weibliche präkolumbische Mumie aus dem Südwesten Perus. © A-M Begerock, R Loynes, OK Peschel, J Verano, R Bianucci, I Martinez Armijo, M González, AG Nerlich

Mumien können wertvolle Informationen über der Leben und Sterben von Menschen aus frühen Kulturen liefern. Dies ist auch der Fall bei drei rund tausend Jahre alten Mumien aus dem Andenraum. Archäologen haben mittels Computertomografien nun herausgefunden, dass zwei dieser Toten, beides Männer, Opfer brutaler Gewalt wurden: Einer von ihnen erlitt durch einen Schlag mehrere Schädelbrüche und wurde dann erstochen, der zweite wurde zu Tode geprügelt. Nur die dritte, weibliche Mumie zeigte keine Anzeichen einer Gewalteinwirkung.

Mumien gibt es nicht nur aus dem alten Ägypten, sondern auch aus der südamerikanischen Andenregion. Einige frühe Kulturen wie die Chinchorro präparierten und bestatteten ihre Toten absichtlich so, dass sie zu Mumien wurden. Die Inka hingegen nutzten keine aufwendigen Mumifizierungstechniken, brachten aber als Menschenopfer auserwählte Jugendliche auf hohe Berggipfel, wo diese getötet wurden und in der trockenen Kälte mumifizierten.

Wegen des in den Anden herrschenden trockenen Klimas wurden aber auch viele Tote anderer präkolumbischer Kulturen nicht zersetzt, sondern mumifizierten auf natürliche Weise. Weil die Körpergewebe und Weichteile von Mumien zwar getrocknet, aber weitgehend erhalten sind, können sie weit mehr Informationen über das Leben und Sterben der Toten liefern als bloße Gebeine.

Mumie
Männliche Mumie der Arica-Kultur aus dem Norden Chiles. © A-M Begerock, R Loynes, OK Peschel, J Verano, R Bianucci, I Martinez Armijo, M González, AG Nerlich

Drei präkolumbische Mumien im CT

Diese Chance haben nun auch Anna-Maria Begerock vom Zentrum für Mumienforschung in Madrid und ihre Kollegen genutzt. Für ihre Studie haben sie drei präkolumbische Mumien aus Peru und Chile mithilfe hochauflösender Computertomografien einer virtuellen Autopsie unterzogen. Die erste, heute in Marburg aufbewahrte Mumie stammt aus einem rund tausend Jahre alten Grab im Norden Chiles. Der Tote gehörte der Arica-Kultur an und wurde wie damals üblich in Hockstellung bestattet. Grabbeigaben deuten darauf hin, dass der Mann zu Lebzeiten ein Fischer war. „Es gibt keine Hinweise darauf, dass dieser Mann ein Krieger war oder in Zusammenhang mit einem Ritual bestattet wurde“, berichten die Archäologen.

Die anderen beiden Mumien – ein Mann und eine Frau – wurden im Südwesten Perus bestattet und gehören heute zu einer Sammlung im schweizerischen Délémont. Beide Toten lagen abweichend von der sonst in präkolumbischen Kulturen üblichen Hockstellung ausgestreckt und auf dem Rücken im Grab. Die Mumien tagen Kleidung aus Lama- oder Alpakahaar und dem Fell von Vizchachas – Chinchilla-ähnlichen Nagetieren. Die männliche Mumie stammt aus der Zeit um 950, die weibliche ist fast 300 Jahre jünger. Bei allen drei Mumien waren die Todesursache sowie ihr Alter und ihr Gesundheitszustand zum Zeitpunkt des Todes unbekannt. Das hat das Team nun mit ihrer virtuellen Autopsie untersucht.

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Tod durch brutale Gewalt

Die CT-Aufnahmen enthüllten: Beide Männer starben unter äußerst brutalen Umständen und durch exzessive Gewalteinwirkung. Bei der Marburg-Mumie – einem zum Todeszeitpunkt erst 20 bis 25 Jahre alten Mann – war die Todesursache ein Angriff durch einen oder zwei Täter. Der erste Angreifer schlug dem Opfer mit voller Wucht erst ins Gesicht, dann auf den Kopf, wie Brüche an verschiedenen Stellen des Schädels belegen. „Dann stach ein zweiter Angreifer dem Opfer in den oberen Rücken“, berichten die Archäologen. Der Stich mit der schmalen, dolchähnlichen Waffe drang in die Lunge ein und könnte auch die Aorta verletzt haben. „Durch den massiven Blutverlust muss der Marburg-Mann innerhalb weniger Sekunden das Bewusstsein verloren haben. Er starb ohne jede Abwehrreaktion“, so das Team.

Noch stärker von Gewalt geprägt waren Leben und Tod der zweiten männlichen Mumie: Zahlreiche Spuren halb verheilter, alter Verletzungen belegen, dass dieser 40 bis 60 Jahre alte Mann schon vor seinem Tod immer wieder Opfer brutaler Schläge wurde. Er erlitt mehrere Rippen- und Schädelbrüche und auch sein Gesicht war durch Verletzungen stark entstellt. „Das spricht für wiederkehrende Traumata“, so die Archäologen. Auch die Todesursache dieses Mannes geht klar auf Gewalteinwirkung zurück: Ein heftiger Schlag auf die linke Schläfe brach ihm den Schädel. Dieser oder ein zweiter Schlag könnten zudem so kräftig gewesen sein, dass er zu einem Bruch der Halswirbelsäle führte. „Die deutliche Verschiebung der beiden Wirbelkörper von C3/C4 ist schon für sich genommen tödlich und hatte den sofortigen Tod zur Folge“, berichten Begerock und ihre Kollegen. Im Gegensatz dazu zeigte die weibliche Mumie als einzige keine Verletzungen oder andere Anzeichen für einen gewaltsamen Tod.

Gewaltniveau alter Kulturen enthüllt

Nach Ansicht des Forschungsteams bestätigen diese Ergebnisse, dass es auch in der Andenregion vor rund tausend Jahren reichlich Gewalt gab. Zuvor hatten Studien an Skeletten aus dieser Zeit und Gegend bereits ergeben, dass im Schnitt 21 Prozent der männlichen Toten Spuren von Gewalteinwirkung trugen. Weil sich aber längst nicht alle Verletzungen an den Knochen zeigen, vermitteln erst die Mumien ein vollständigeres Bild. „Die Verletzungen, die wir bei den Mumien gefunden haben, wären teilweise nicht erkennbar gewesen, wenn wir von diesen Toten nur die Gebeine hätten“, sagt Co-Autor Andreas Nerlich von der München Klinik in Bogenhausen. „Moderne CT-Scans mit der Möglichkeit von 3D-Rekonstruktionen eröffnen uns einzigartige Einblicke in den Körper.“

Quelle: Frontiers in Medicine, doi: 10.3389/fmed.2022.962793)

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