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Geschichte+Archäologie

Angelsachsen: Keine Frage der Genetik, sondern der Kultur

Helm
Der angelsächsische Helm von Sutton Ho aus der Zeit um 625. (Bild: Elissa Blake/ University of Sydney

Die Angelsachsen prägten ab dem 5. Jahrhundert die Kultur der Britischen Inseln. Bisher war jedoch strittig, in welchem Maße es sich um Einwanderer aus Kontinentaleuropa gehandelt hat. Jetzt belegen Analysen von Schädeln aus dieser Zeit, dass die Angelsachsen keineswegs einheitlicher Abstammung waren. Stattdessen war das Angelsächsische eher eine Frage der gemeinsamen Kultur als der Genetik und Herkunft.

Historische Chroniken berichten davon, dass es im 5. Jahrhundert eine Masseninvasion der Britischen Inseln gab. Germanisch sprechende Volksgruppen vom europäischen Kontinent kamen in großer Zahl nach England und verdrängten schnell die ursprüngliche Bevölkerung und Kultur. Dabei profitierten sie vom Machtvakuum, das nach dem Zusammenbruch des römischen Reiches entstanden war – so die Ereignisse, wie sie angelsächsische Chroniken schildern.

Widersprüche zu historischen Quellen

Doch es gibt einige archäologische und genetische Befunde, die schon länger Zweifel an einer solchen Invasion der Angelsachsen weckten. „Einige Archäologen berichten, dass sich die Veränderungen, die mit der Ankunft der germanisch sprechenden Siedler einhergingen, eher langsam vollzogen und dass sie nicht mit einer vollständigen Ablösung der römisch-britischen Kultur vereinbar sind“, erklären Kimberly Plomp von der Simon Fraser University in Kanada und ihre Kollegen. „Ein weiterer Grund für die vorherrschenden Unklarheiten sind die Widersprüche zwischen den frühen historischen Texten und biomolekularen Markern alter Skelette, die auf eher geringe Einwandererzahlen hindeuteten.“

Um herauszufinden, wie viele Siedler vom Kontinent tatsächlich nach Britannien kamen und wie ihr Verhältnis mit der einheimischen Bevölkerung war, haben Plomp und ihr Team nun eine weitere Methode der Herkunftsanalyse herangezogen. Für ihre Studie untersuchten sie die Schädelbasis von 239 Toten aus der Zeit von 800 vor unserer Zeit und dem Jahr 900, die in Großbritannien, Norddeutschland und Dänemark bestattet worden waren. „Frühere Studien von Paläoanthropologen haben gezeigt, dass die Form der Schädelbasis eine spezifische Signatur bildet, anhand derer sich die Beziehungen verschiedener menschlicher Populationen ähnlich gut rekonstruieren lassen wie mit DNA“, erklärt Plomp.

Schmelztiegel statt Invasion

Die Vergleiche enthüllten, dass zu Beginn der angelsächsischen Periode in England rund zwei Drittel der nach angelsächsischem Brauch bestatteten Toten Einwanderer aus dem Nordwesten Kontinentaleuropas waren, nur rund ein Drittel war lokaler Herkunft. Anders als bislang angenommen, blieb dies aber nicht so: Rund 200 Jahre später, ab 660, kehrte sich das Verhältnis fast um: „Auf den Friedhöfen aus der mittleren Angelsachen-Periode waren 50 bis 70 Prozent der Toten lokaler Herkunft und 30 bis 50 Prozent kamen ursprünglich aus Kontinentaleuropa“, berichtet die Forscher.

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Aus diesen Daten schließen Plomp und ihre Kollegen, dass es entgegen der historischen Überlieferung keine Verdrängung der einheimischen durch eine Masseninvasion oder gar einen Bevölkerungsaustausch gegeben haben kann. Stattdessen mischten sich Neuankömmlinge und Alteingesessene und letztere nahmen im Laufe der Zeit die Kultur der Einwanderer an. „Unsere Ergebnisse sprechen dafür, dass die frühe angelsächsische Gesellschaft aus einer Mischung beider bestand und dass dann ein Prozess der Akkulturation einsetzte, durch den die angelsächsische Sprache und Kultur auch von der lokalen Bevölkerung angenommen wurde“, erklärt Plomps Kollege Mark Collard.

„Unsere Funde erzählen uns, dass es eher eine Frage der Kultur und Sprache als der Genetik war, ob jemand Angelsachse war oder nicht“, so Collard. In der Zeit der Angelsachsen war Großbritannien demnach schon ein ähnlicher Schmelztiegel wie heute: Menschen ganz unterschiedlicher Herkunft teilten eine Kultur und Sprache.

Quelle: University of Sydney; Fachartikel: PLoS ONE, doi: 10.1371/journal.pone.0252477

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