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Anthropologie

Ans Gehen und Klettern angepasst

Künstlerische Darstellung der nun bekannten Skelettteile der A. sediba-Dame „Issa“. Die neu entdeckten Teile des unteren Rückens sind farbig hervorgehoben. (Bild: NYU & Wits University)

Ein bisschen Affe, ein bisschen Mensch – der rätselhafte Australopithecus sediba war ein Mosaik-Wesen, verdeutlichen neue Funde von Wirbelknochen. In ihren Merkmalen spiegelt sich wider, dass diese Vormenschen vor etwa zwei Millionen Jahren bereits ähnlich gingen wie wir, aber auch noch so gut klettern konnten wie Affen. Demnach besaß ihre Wirbelsäule bereits die für uns typische Krümmung, die als eine Anpassung an den aufrechten Gang gilt. Weitere Merkmale der Wirbel und zuvor entdeckter Skelettteile sind hingegen noch eher affenartig und ermöglichten A. sediba eine gute Fortbewegung in den Bäumen, berichten die Anthropologen.

Wie verlief die Entwicklung, an deren Spitze nun der moderne Mensch steht? Die anthropologische Forschung der letzten Jahrzehnte hat zunehmend verdeutlicht, dass der menschliche Stammbaum offenbar recht komplex aufgebaut war: Es gab einige unterschiedliche Vertreter der Gattung Homo sowie Vormenschen, deren Rolle in der Entwicklungsgeschichte allerdings oft unklar bleibt. Im Jahr 2008 avancierten in diesem Zusammenhang rund zwei Millionen Jahre alte Fossilien seltsamer Hominiden aus Südafrika zur wissenschaftlichen Sensation. Man gab dieser neuen Hominiden-Form aus der Gruppe der Australopithecinen den Namen Australopithecus sediba.

Aufschlussreiche neue Puzzleteile

Durch weitere Entdeckungen am Fundort zeichnete sich immer deutlicher ab: A. sediba besaß eine auffällige Mischung aus affenartigen und menschlichen Merkmalen. Auch wenn unklar bleibt, ob dieser Vormensch zu unseren direkten Vorfahren gehörte, ging aus diesen Befunden zumindest hervor, dass es sich bei A. sediba um einen Vertreter unserer archaischen Verwandtschaft gehandelt hat. Er besaß noch ein vergleichsweise kleines Gehirn sowie einen vorstehenden Mund und auch weitere Merkmale passten eher zu denen von Menschenaffen. Daneben stellten die Anthropologen aber auch menschliche Züge fest. Das gilt auch für ein geradezu symbolisches Merkmal – die Fortbewegung auf zwei Beinen: Anatomische Merkmale legten nahe, dass A. sediba aufrecht gehend unterwegs war. Doch bisher fehlten Funde, die entscheidende Hinweise darauf liefern, wie gut der Vormensch laufen konnte: Es waren nur wenige fossile Teile des unteren Rückens von A. sediba bekannt.

Doch nun berichten die Forscher um Lee Berger von der Universität von Witwatersrand von neuentdeckten Lendenwirbeln eines einzelnen Individuums, die zusammen mit den bereits zuvor entdeckten Fossilien ein klareres Bild des unteren Rückens ergeben. Die vier komplett beziehungsweise fragmentarisch erhaltenen Wirbel wurden in der Nähe der früheren Funde geborgen. Um sie berührungsfrei untersuchen zu können, fertigten die Forscher virtuelle Modelle an. So konnten sie die Wirbel am Computer mit bereits bekannten Teilen zusammensetzen. So zeigte sich, dass sie zur Wirbelsäule des Teilskeletts eines weiblichen A. sediba gehören, das 2010 erstmals beschrieben wurde. Seine Katalognummer lautet MH 2 – doch die Anthropologen benutzen den Spitznamen „Issa“.

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Gekrümmte Wirbelsäule

„Issa war bereits eines der vollständigsten Skelette, die entdeckt wurden, und diese Wirbel vervollständigen nun den unteren Rücken“, sagt Berger. Sein Kollege Scott Williams führt weiter aus: „Die Lendenwirbelregion ist entscheidend für das Verständnis des Bewegungsverhaltens und dafür, wie gut Wesen aus unserem Stammbaum an das Gehen auf zwei Beinen angepasst waren“. Frühere Untersuchungen anhand der vorhandenen Fossilien führten zu der Hypothese, dass A. sediba im Gegensatz zum Menschen noch eine relativ gerade Wirbelsäule besessen hat, wie sie auch heute noch für Menschenaffen typisch ist. Bei uns ermöglicht hingegen die sogenannte Lordose – die nach innen gerichtete Krümmung der Lendenwirbelsäule – eine stabile aufrechte Körperhaltung.

Anhand der Merkmale der Wirbel und damit des unteren Rückens konnten die Forscher nun zeigen, dass A. sediba bereits eine ausgeprägte Lordose aufwies. Die Krümmung war demnach ausgeprägter als bei allen anderen bekannten Vertretern der Australopithecinen. Sie wird erst von Homo erectus und späteren Vertretern unseres Stammbaums übertroffen, berichten die Forscher. Dennoch bestätigen die Befunde zum unteren Rückenbereichs auch erneut das Bild eines Mischwesens: „Während das Vorhandensein der Lordose und anderer Merkmale der Wirbelsäule eindeutige Anpassungen an das Gehen auf zwei Beinen darstellen, liefern andere Aspekte, die auf eine affenartige Rumpfmuskulatur hindeuten, Hinweise auf Anpassungen an die Fortbewegung im Geäst“, sagt Co-Autorin Gabrielle Russo von der Stony Brook University in New York.

In Kombination mit anderen Teilen der Rumpfanatomie deutet dies darauf hin, dass A. sediba eindeutige Anpassungen an das Klettern bewahrt hat, sagen die Wissenschaftler. „Issa ging wie ein Mensch, konnte aber klettern wie ein Affe“, resümiert Berger. Abschließend sagt Co-Autor Cody Prang von der Texas A&M University in College Station dazu: „Auf welche Weise diese Kombinationen von Merkmalen bei unseren alten Vorfahren fortbestanden, einschließlich möglicher Anpassungen, um sowohl auf zwei Beinen auf dem Boden zu gehen als auch effektiv auf Bäume zu klettern, ist vielleicht eine der wichtigsten offenen Fragen zum Ursprung des Menschen“, so der Anthropologe.

Quelle: New York University, Fachartikel: eLife, doi: 10.7554/eLife.70447

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