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Geschichte+Archäologie

Antike Fabrik gibt Geheimnisse preis

Links: Skizze der Wassermühlen von Barbegal, wie sie im 2. Jahrhundert n.Chr. vermutlich in Betrieb waren. (Illustration: Cees Passchier, Mainz). Rechts: Mühlenbecken in Barbegal mit Kalkablagerungen (Foto: Robert Fabre, Saint Etienne du Grès, Frankreich)

Massenproduktion zur Römerzeit: Die Ruinen von Barbegal in Südfrankreich gelten als die Überreste einer der ersten Industrieanlagen der Geschichte. Es ist bekannt, dass es sich um einen Komplex aus 16 Wasserrädern gehandelt hat, der vom 2. bis zum frühen 3. Jahrhundert enorme Mengen Getreide verarbeiten konnte. Doch wozu wurden die Mehlmassen verwendet? Die Ergebnisse einer aktuellen Untersuchung legen nun nahe, dass die riesige Mühlenanlage eine Massenproduktion von Schiffszwieback für die nahen römischen Häfen ermöglichte.

Seit der Ausgrabung der Überreste der Mühlen von Barbegal zwischen 1937 und 1939 gibt die enorme Anlage Historikern Rätsel auf, denn normalerweise wurde Getreide in der Antike lokal vermahlen – zu Hause, in Bäckereien oder in kleineren Wassermühlen. Der Grund: Weil Mehl nicht so lange haltbar ist wie Getreidekörner, wurde es in der Nähe der Endverbraucher erzeugt. Damit stellte sich die Frage, für wen das Mehl aus Barbegal bestimmt war. Zunächst nahm man an, dass es zur Versorgung der römischen Verwaltung, des Militärs und der Bevölkerung der nahen Stadt Arles diente. Doch Schätzungen der gewaltigen Produktionsleistung von Barbegal scheinen nicht zu dem entsprechenden Bedarf zu passen. Man geht davon aus, dass der Mühlenkomplex täglich 25 Tonnen Mehl erzeugen konnte.

Um mehr Licht in die Funktion zu bringen, hat nun ein internationales Forscherteam den Mühlen von Barbegal erneut eine Untersuchung gewidmet. Die Wissenschaftler untersuchten unter anderem Kalkablagerungen, die sich einst auf den Wasserrinnen der Anlage angesammelt haben. Diese Karbonate wurden makro- und mikroskopisch begutachtet sowie durch Isotopenanalyse untersucht. Anhand der Isotopenverhältnisse von Sauerstoff und Kohlenstoff in den Ablagerungen konnten die Wissenschaftler erstaunlich viele Rückschlüsse ziehen – etwa über die Dauer der Nutzung der Anlage, über das Klima, die Wassermengen und deren Variationen.

Mehl für Schiffswieback

Wie die Forscher berichten, zeichnet sich in ihren Analysen ab: Die Mühlen waren im Jahresverlauf nicht kontinuierlich in Betrieb, sondern wurden stets im Spätsommer und Herbst angehalten. Dieses Ergebnis untermauert erneut, dass die Anlage wohl kaum der Versorgung der lokalen Bevölkerung diente. Der Befund legt nun hingegen eine andere Erklärung für den Zweck der Massenproduktion nahe: Aus dem Mehl wurde Schiffszwieback hergestellt, der für die Häfen von Arles und Fossae Marianae bestimmt war, vermuten die Forscher.

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Beim Schiffszwieback handelte es sich um zweimal gebackenes Brot, das besonders lange haltbar ist und deshalb bereits in der Antike als Proviant auf Schiffen zum Einsatz kam. Den Wissenschaftlern zufolge passt der zyklische Betrieb der Wassermühlen von Barbegal eindeutig zu ihrem Erklärungsansatz: Wie sie erklären, ist bekannt, dass die Römer ihre Schifffahrt im späten Herbst einschränkten, sodass der Bedarf ab dem Spätsommer zurückging.

„Die Untersuchung zeigt, wie mit einfachen Kalkablagerungen aus antiken Wassersystemen weitreichende Hinweise über die Archäologie von Bauwerken und historische Ereignisse gewonnen werden können“, resümiert Co-Autor Cees Passchier von der Johannes Gutenberg-Universität Mainz das Ergebnis der Untersuchung.

Quelle: Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Science Advances, DOI: 10.1126/sciadv.aar3620

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