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Geschichte+Archäologie

Archäologie mit Röntgenpistole

Forscher untersuchen Keramiken aus dem Javasee-Wrack mit einer Röntgenpistole. (Bild: Field Museum. Photographer Kate Golembiewski.)

Woher stammte dieses Porzellan? Archäologen berichten über eine interessante neue Nachweismethode: Mit einem tragbaren Röntgenfluoreszenzdetektor haben sie den Herstellungsort der Facht eines vor 800 Jahren gesunkenen Handelsschiffs identifiziert. Das Gerät kann den chemischen Fingerabdruck des Materials erfassen und dadurch Vergleiche ermöglichen. So konnten die Forscher genau bestimmen, wo in China die Brennöfen standen, welche die kostbare Fracht einst produziert haben.

Ein Unglücksfall vor 800 Jahren avancierte zum Glücksfall für die Archäologie: Seit dem Fund in den 1980-er Jahren begeistert das Wrack eines asiatischen Handelsschiffs nahe der indonesischen Insel Sumatra Forscher. Mittlerweile scheint klar: Das Schiff war im 13. Jahrhundert auf der Reise von China in den Westen untergegangen. Dies geht aus der Untersuchung der kostbaren Fracht hervor, die Taucher vom Meeresboden bergen konnten. Rund 7500 dieser Funde beherbergt heute das Field Museum in Chicago. Darunter befinden sich auch 60 Porzellangefäße mit einer bläulich weißen Glasur, denen die Forscher um Wenpeng Xu von der University of Illinois in Chicago nun eine genaue Untersuchung gewidmet haben.

Wo standen die Brennöfen?

Durch den Stil der Keramiken wussten die Wissenschaftler bereits, dass sie aus dem Südosten Chinas stammten. Das Aussehen allein reichte jedoch nicht aus, um den genauen Ursprung der Stücke zu bestimmen, da damals viele Brennöfen in China ähnlich aussehende Keramiken produziert haben, sagen die Forscher. So entschlossen sie sich, die genauen Herstellungsorte durch Analysen der chemischen Zusammensetzung des Materials zu identifizieren.

Wie sie erklären, weisen Keramiken aus verschiedenen Standorten unterschiedliche Signaturen in ihrer Zusammensetzung auf. „An jedem Brennort verwendeten die Hersteller ihre eigenen Materialien und Zutaten – das macht die Zusammensetzung der Keramiken einzigartig“, erklärt Xu. „Wenn die Signatur eines Fundes mit dem Fingerabdruck einer bestimmten Ofenstelle übereinstimmt, ist es sehr wahrscheinlich, dass das Objekt von dort stammt“, sagt der Wissenschaftler.

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Doch wie lässt sich die Material-Signatur in den kostbaren Gegenständen zerstörungsfrei erfassen? „So kam der Röntgenfluoreszenzdetektor ins Spiel. Das handliche Gerät sieht tatsächlich aus wie eine Pistole“, sagt Co-Autorin Lisa Niziolek vom Field Museum. Die Technik ist komplex, aber vereinfacht lässt sich das Prinzip folgendermaßen erklären: Man schießt Röntgenstrahlen in das zu untersuchende Material. Dies regt Atome in der Substanz an, die dann erneut Energie abgeben, die das Gerät aufnehmen kann. Da verschiedene Elemente unterschiedlich reagieren, entsteht eine bestimmte Signatur für Materialien einer spezifischen Zusammensetzung. Dadurch besitzt das Signal, das aus dem Material zurückkommt, ein bestimmtes Muster.

Eine vielversprechende Methode

So erfassten die Forscher mit der Röntgenpistole zunächst die Signaturen der Porzellangefäße des Wracks und anschließen die materiellen Fingerabdrücke von Funden an bekannten historischen Brennofen-Standorten in China. Durch die Vergleiche konnte das Team dann die Verknüpfungen eindeutig aufzeigen. „Es ist erstaunlich, dass wir auf diese Weise die genaue Herkunft der Materialien aus dem 800 Jahre alten Wrack ermitteln konnten“, sagt Xu. Das Porzellan kam demnach von vier unterschiedlichen Brennofen-Standorten in China. Dadurch war es nun möglich, genauer zu rekonstruieren, wie die Fracht auf das Schiff gekommen war, bevor es seine tragische Reise begann. Das Schifff sank dann über 3200 Kilometer von den Herstellungsorten der Keramiken entfernt, berichten die Forscher.

„Wir konnten damit erneut dokumentieren, welch riesige Handelsnetzwerke es im 12. und 13. Jahrhundert in der Region gegeben hat“, sagt Co-Autor Gary Feinman. „Wir bringen solche Handelsnetzwerke meist mit Europäern wie Magellan und Marco Polo in Verbindung, aber die Europäer spielten in diesem fernöstlichen Netzwerk keine wichtige Rolle. Die Globalisierung ist nicht nur ein modernes Phänomen, nicht nur eurozentrisch auch nicht nur an den modernen Kapitalismus gebunden. Die alte Welt war mehr miteinander verwoben als oft angenommen wird“, resümiert der Wissenschaftler.

Field Museum, Journal of Archaeological Science, doi: 10.1016/j.jas.2018.12.010

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