Assur – Rivalin von Babylon - wissenschaft.de
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Geschichte+Archäologie

Assur – Rivalin von Babylon

Über 1500 Jahre mischten die Assyrer im altorientalischen Machtmonopoli mit. Dann wurde die Keimzelle des ersten Weltreichs und Zentrale des Gottes Assur dem Erdboden gleichgemacht. Jetzt kommen deutsche Archäologen der wechselhaften Stadtgeschichte näher.

Im Süden gruben die Angreifer einen Tunnel unter die Stadtmauer, im Norden stürmten sie gegen das Haupttor und setzten es in Brand. Von hier aus drangen die Belagerer vermutlich in Assur ein. Barrikaden aus Lehmziegeln in den fünf Meter breiten Hauptstraßen und zugemauerte Seitengassen erschwerten zwar die Eroberung der Stadt, konnten dies aber nicht verhindern.

Die Truppen der persischen Meder plünderten die Tempel und Paläste und setzten die Stadt in Brand. Erschlagene Verteidiger, Zivilisten und Tontafelarchive wurden von den einstürzenden Bauten beerdigt. Die Stadt fiel 614 v.Chr. so schnell, daß die Babylonier, die Alliierten der Meder, zu spät auf dem Kriegsschauplatz erschienen – von Assurs jahrhundertealtem Glanz war nichts mehr übrig.

Solche Katastrophen sind das Glück der Archäologen. Von Krieg und anderen Umbruchzeiten profitieren sie am meisten – normalerweise. So schwärmt Peter A. Miglus zwar, „Assur ist mein Traum“, doch die Realität des Archäologieprofessors an der Heidelberger Universität sieht derzeit sehr nüchtern aus: Nach gerade zwei Grabungskampagnen stoppte der Irakkrieg seine hoffnungsvollen Arbeiten an einem Schwergewicht vorderasiatischer Geschichte – Assur, Keimzelle und Zentrum des ersten Weltreichs.

1500 Jahre spielten die Assyrer in der ersten Liga der Macht mit, auf dem Höhepunkt beherrschten sie den gesamten Vorderen Orient inklusive angrenzender Gebiete von Persien bis nach Ägypten. „Und mit einem Schlag“, staunt Miglus immer noch, „sind sie wie weggepustet.“

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Unterstützt von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und der Gerda-Henkel-Stiftung setzte Miglus im Jahr 2000 dort wieder an, wo Münchener Archäologen vor zehn Jahren wegen des ersten Irakkrieges hatten aufhören müssen. Mit dem modernen Selbstverständnis der Archäologen wurde nicht nach Gold und Glitzer gesucht, sondern nach Leben, Welt und Umwelt der Menschen in der Antike.

Und der Ausgräber hatte auf Anhieb Glück: Ein neuzeitlicher Friedhof hatte die ersten Ausgräber 1910 im Zentrum der antiken Stadt gestoppt. Seit 30 Jahren wird dort niemand mehr bestattet, die Altertumsforscher durften den 200 Meter langen und über zehn Meter hohen Hügel nun mit dem Spaten angehen. Er hielt, was er versprach: Irakische Archäologen stießen 2001 an seiner Ostseite sogleich auf einen bislang unbekannten Palast, die deutschen Ausgräber bei einem Pilotprojekt an der Westseite auf ungestörte Siedlungsschichten über zweieinhalb Jahrtausende – von 2500 v.Chr. bis zur Zeitenwende.

Das schließt die gesamte assyrische Herrschaftszeit ein, hier wird Geschichte auf dem Tablett serviert. Entsprechend begierig waren Miglus und Mitstreiter, an dieser Stelle einen „sauberen Schnitt von ganz oben bis ganz unten zu legen, um zu sehen, wie sich die Jahrtausende darstellen“. Krieg und Besatzung haben das viel versprechende Vorhaben blockiert. „Hoffen wir, dass wir das noch fortsetzen können“, schaut Miglus „relativ optimistisch“ in die Zukunft.

Die Vergangenheit begann in Assur mit ersten Siedlungsspuren um 2500 v. Chr. Zu der Zeit war Ischtar, die Göttin der Liebe und des Krieges aus Uruk (bild der wissenschaft 5/2004, „Uruk – Stadt des Gilgamesch“), schon weit herumgekommen in der altorientalischen Himmelswelt. Ihr wurde jetzt auch in Assur eine Zikkurat (einer der berühmten mesopotamischen Stufentempel) errichtet, ziemlich prominent zwischen dem Kultkomplex des allmächtigen Stadtgottes Assur und dem Sakralbau der allmesopota- mischen Götter Anu (Gott der Götter) und Adad, zuständig fürs Wetter.

Rund 500 Jahre lang blieb es relativ ruhig in der Stadt am Tigris. Im 20. Jahrhundert v.Chr. managten dann die Assur-Leute über ein Netz von Handelskolonien den Warenaustausch von Anatolien nach Babylonien und Persien. Die bekannteste anatolische Handelskolonie war Kültepe. Das spülte reichlich Geld in die Stadtkasse, wodurch auch die politische Macht ansehnlichen Zuwachs bekam: Im 18. Jahrhundert v.Chr. entstand – zeitgleich mit Babylon unter Hammurabi – das erste assyrische Territorialreich. In den folgenden Jahrhunderten betätigte sich Assyrien als Stehaufmännchen im altorientalischen Powerplay – mal mächtig, mal malade, aber immer dabei.

Geprägt war das mesopotamische Machtmonopoli auch von dem Gegeneinander-Miteinander der beiden Städte Assur und Babylon. „ Das waren zwei Konstanten in der Landschaft“, meint Miglus. Eine Erbfeindschaft kann er nicht erkennen, „es war wohl eher so, dass die assyrischen Könige die kulturelle Überlegenheit Babylons anerkannten“.

Es gab verwandschaftliche Beziehungen über dynastische Heiraten und auch freundschaftliche Gesten der Herrscher untereinander. Dennoch versuchten assyrische Herrscher immer wieder, Babylon zu erobern und dem eigenen Reich einzuverleiben.

Doch auch dabei, so Miglus, gingen sie nicht so brutal vor wie gegen andere unterworfene Reiche: „Sie brachten den babylonischen Göttern Opfer und bauten sogar neue Tempel.“ Umgekehrt übernahmen die Babylonier 612 v.Chr. große Teile des assyrischen Imperiums in eigene Verwaltungsregie – offenbar ohne Widerstand aus der assyrischen Bevölkerung. Und der letzte babylonische König Nabonid verstand sich gar als Erbe des assyrischen Reichs.

Um 1000 v.Chr. begann mit dem so genannten neuassyrischen Reich unter Assurnasirpal II. der Aufstieg zur damaligen Weltmacht. Über 300 Jahre lang knutete eine Militärmaschinerie im Namen des Gottes Assur den gesamten Vorderen Orient mit allen nur denkbaren Grausamkeiten gegen Feinde und Besiegte. Mit den Schlacht- und Machtdarstellungen in grandiosen Reliefs schmückten die „Könige der vier Weltgegenden“ ihre Paläste in Nimrud, Ninive und Chorsabad – in Assur seltsamerweise nicht.

614 v.Chr. wurde Assur dann selbst Opfer. Die persischen Meder zerstörten in nur einem Feldzug den Fixpunkt des assyrischen Universums. Der Angriff, so liest Ausgräber Miglus im Jahr 2001 n.Chr. aus den Schuttschichten, kam nicht unerwartet: Die Verteidiger blockierten Straßen und funktionierten Palastbauten sorgfältig mit neuen Fußböden und Lüftungen in gewaltige Getreidespeicher um. Einen Meter hoch liegen verkohlte Kornreste heute noch unter den Trümmern. Miglus errechnet daraus eine Notversorgung von rund 20 000 Menschen für mindestens einen Monat. So lange konnte sich die Stadt aber nicht halten.

Zwei Jahre später fiel unter dem Ansturm der Meder und Babylonier auch die Königs- und Regierungsstadt Ninive – das Weltreich Assyrien ging schlagartig unter. Miglus konsterniert: „ Plötzlich waren die Assyrer weg, keine Spuren mehr von assyrischer Sprache und Kultur, das Land übernommen von Babylonien“ (bild der wissenschaft 4/2001, „Die Bürokraten bleiben“).

Doch das Schwarz-Weiß-Bild von den militaristischen Eroberern blieb erhalten, die farbigen Tupfer kommen erst jetzt allmählich ans Licht. Je mehr Keilschrifttexte aus den assyrischen Archiven die heutigen Schrift-Gelehrten entziffern können, umso deutlicher zeichnen sie die andere Seite der assyrischen Herrschaft: Als die tradierte Gelehrsamkeit in Babylon verloren zu gehen drohte, ließ der assyrische König Assurbanipal (669 bis 627 v.Chr.) alle dort gesammelten Kenntnisse für seine Bibliothek in Ninive kopieren. Dabei begnügten sich die assyrischen Weisen nicht mit dem bloßem Absticheln des babylonischen Keilschriftwissens, sondern ergänzten die medizinischen und religiösen Texte mit eigenen Einsichten. Sie formten so nach ihren Bedürfnissen einen eigenständigen Kanon assyrischer Gelehrsamkeit.

Bei den ersten Ausgrabungen in Assur 1908 bis 1910 – seitdem ist Assur mit Unterbrechungen fest in deutscher Archäologenhand – bargen die Forscher der Deutschen Orientgesellschaft im Wohnhaus von Kizir-Aschur, „Beschwörer des Assur-Tempels“, weit über 1000 Tontafelfragmente. Nach mühsamer Puzzle- und Entzifferungsarbeit wurde jetzt klar, dass „man auf die Fachbibliothek eines Gelehrten gestoßen war, dessen wesentliche Aufgaben darin bestanden, mittels Gebet, Magie und Ritual die Ordnung in der Welt aufrechtzuerhalten und jegliches Unheil von König, Land und Leuten abzuwenden“, so Prof. Stefan Maul, Assyrologe und Keilschriftkundiger an der Universität Heidelberg. Neben Unmengen von religiösen Texten und rituellen Anweisungen hatte der assyrische Experte für Höheres ein umfangreiches Kompendium medizinischer Anleitungen in seinem Archiv – die Abwehr von Dämonenwut und Hexerei gehörte ebenso dazu wie die Behandlung von Haarausfall und Impotenz.

Was Stefan Maul, der Epigraphiker der Assur-Grabung, als besonders spannend einstuft, ist eine politische Analyse, die der letzte große Assurkönig Assurbanipal bei seinem Oberbeschwörer bestellte. Assurbanipal hatte Babylon, die ewige Konkurrenz, erobert und wollte die Stadt dauerhaft okkupieren. Das war einem seiner Vorgänger, König Sanherib (705 bis 681 v.Chr.), schlecht bekommen. Der hatte Babylon erobert, zerstört und die Statue des Stadtgottes Marduk nach Assur entführt. Doch Marduk war offenbar übermächtig: Sanherib wurde von einem seiner Söhne ermordet, Marduks Statue wieder nach Babylon rücktransferiert.

Assurbanipal wollte nun von seinem Tempel-Guru wissen, unter welchen Umständen Marduk im Lauf der Geschichte einen nichtbabylonischen Herrscher anerkannt hatte. Stefan Maul: „ Dieser frühe Versuch, Gesetzmäßigkeiten im historischen Geschehen zu ermitteln, um diese für das politische Handeln nutzbar zu machen, verdient Beachtung.“ Wer fühlt sich da nicht an die heutige Praxis hochkarätiger Berater erinnert?

Die Beschwörer-Fachbibliothek blieb durch Assurs finale Katastrophe erhalten: 614 v.Chr., bei der Eroberung der Kultstadt durch die Meder, begruben und konservierten die einstürzenden Wände im Haus des Orakelpriesters die assyrische Gelehrsamkeit für fast zweieinhalb Jahrtausende.

Auch die ganz irdische Buchhaltung eines königlichen Verwalters ist deshalb heute lesbar. In seiner vorerst letzten Kampagne 2001 holte Ausgräber Peter Miglus in dessen Haus gegenüber dem Königspalast 200 Tontafeln ans Licht. Auf ihnen wurde unter anderem registriert, was in den Magazinen eingelagert war – Geschenke des kassitischen Königs zum Beispiel – und was ausgegeben wurde: Metalle, Leder, Teile von Kompositbögen, aber auch die Kräuter für den Palastkoch.

An anderer Stelle tauchte ein Darlehensvertrag über rund 22 000 Liter Getreide auf, die ein Kizir Asschur dem Iqbi-Asschur zur Verfügung stellte: „Wenn er es nicht (im vereinbarten Zeitraum) zurückgibt, soll es Zinsen tragen, … diutu, seine Sklavin, wird als Pfand gestellt. Ihr Tod (oder ihre) Flucht gehen zulasten ihres Besitzers.“

Wenn Miglus‘ Mutmaßung richtig ist, dass in nahezu jedem vierten Haus ein Privatarchiv existierte, lagern in den Schuttschichten noch unendlich viele Nachrichten aus dem Alltagsleben in Assur. Daraus und von vertiefenden Grabungen erhofft sich der Heidelberger Archäologe Aufschluss über die Geschichte der Stadt. Da gibt es noch erstaunlich viele Lücken: Welches waren zum Beispiel die wirtschaftlichen Grundlagen der Stadt, wie wurde die Bevölkerung ernährt, was machten die Siedlungen in der Umgebung? Kurz: Wie lebten die Assur-Bewohner in guten Zeiten? Jede Menge Fragen der Forscher an ihre Grabung, die vorerst nicht verfolgt werden können. „Ich hoffe,“ sagt Peter A. Miglus, „dass mir mehr als diese beiden Grabungskampagnen vergönnt sein werden. Alles andere wäre sehr traurig.“ Nicht nur für den Archäologen. Michael Zick■

Klaus Jacob

COMMUNITY LESEN

Paolo Matthiae

NINIVE

Hirmer, München 1999, € 65,50

Eva Cancik-Kirschbaum

DIE ASSYRER

C.H. Beck Wissen, München 2003, € 7,90

Joachim Marzahn, Beate Salje (Hrsg.)

WIEDERERSTEHENDES ASSUR

Zabern, Mainz 2003, € 39,90

Horst Klengel

KÖNIG HAMMURAPI UND DER ALLTAG BABYLONS

Artemis & Winkler, Zürich 2004, € 21,47

Alfred Diwersy, Gisela Wand

IRAK – LAND ZWISCHEN EUPHRAT UND TIGRIS

Gollenstein, Blieskastel 2001, € 65,–

Ohne Titel

„Es ist wichtig, die lokale Bevölkerung einzubinden“, weiß Peter A. Miglus. Der derzeit verhinderte Ausgräber von Assur hat bislang „keine Probleme“ mit Raubgrabungen auf seiner antiken Stätte am Tigris. Die Fernsehbilder von schaufelnden einheimischen Räubern und hilflos daneben stehenden Archäologen treffen zumindest auf Assur nicht zu. „Unsere Wächter haben gut gearbeitet. Wir haben auch jetzt immer den Lohn übermittelt“, damit die Bewachung weitergeht. Und, betont Miglus, „die Menschen dort haben so etwas wie ein Verantwortungsgefühl entwickelt“.

Auch Margarete van Ess hat „bis jetzt wenig Probleme“ mit Raubgrabungen. Die Archäologin legt im Südirak die frühmesopotamische Stadt Uruk frei (siehe bild der wissenschaft 5/2004, „Uruk – die Stadt des Gilgamesch“). „Die Raubgräber sind ja keine umherziehenden Horden, sondern es sind die örtlichen Stämme“, berichtet die stets aktuell informierte Ausgräberin des Deutschen Archäologischen Instituts. „Unser Stamm steht hinter der Grabung“, ist sich van Ess sicher. Nur 25 Kilometer von Uruk entfernt ist das anders: „Da wird raubgegraben – vom dortigen Stamm.“

Unabsehbar sind die Schäden, die in Ur und Babylon entstehen. Dort liegt jeweils ein Flughafen. Deshalb haben die Besatzungsarmeen in diesen beiden frühen Stätten menschlicher Kultur ihre zentralen Camps aufgeschlagen. Natürlich werden sie die restaurierten und erkennbaren Relikte der Vergangenheit schonen. „Aber ich bezweifle“, meint Margarete van Ess, „dass Militärs eine antike Stadtmauer von einer Bodenwelle unterscheiden können.“

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