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Antiker Leder-Schuppenpanzer

Assyrische Rüstung in chinesischem Grab

Die fast vollständig erhalten Lederschuppen-Rüstung aus China zeigt Merkmale einer assyrischen Herkunft. (Bild: D.L. Xu, P. Wertmann, M. Yibulayinmu)

Erstaunlich weit gereist: Wissenschaftler berichten über einen exotischen Leder-Schuppenpanzer aus einem etwa 2700 Jahre alten Grab im Nordwesten Chinas. Stil und Konstruktion der offenbar aus einer Serienproduktion stammenden Reiter-Rüstung legen nahe, dass sie im neuassyrischen Reich hergestellt worden war. Der genaue Hintergrund dieses Beispiels ferner Verbreitung antiker Militärtechnologie bleibt allerdings geheimnisvoll, sagen die Forscher.

So glanzvoll die Zivilisationen der Geschichte auch erscheinen mögen – oft besaßen sie bekanntlich eine ausgesprochen dunkle Seite: Sie waren von Gewaltbereitschaft geprägt und die Entwicklung der großen Reiche der Antike basierte auf kriegerischen Erfolgen. Die Überlegenheit war dabei oft von Innovationen in der Militärtechnologie geprägt. Ein Element bildeten die Rüstungen, die Schutz vor Schwert, Pfeil und Co bieten konnten. Eine spezielle Form waren dabei die Schuppenpanzer. Ihr Vorteil im Vergleich zu anderen Rüstungsarten bestand darin, dass sie gleichzeitig schützend und praktisch waren: Wie eine harte zweite Haut legten sie sich über die empfindlichen Bereiche eines Kämpfers, ohne die Bewegungsfreiheit stark zu beeinträchtigen. Bei der Herstellung wurden Reihen von Plättchen auf eine Unterlage aufgenäht, um eine Art Fischschuppen-Struktur herzustellen. In den verschiedenen Kulturen wurden dazu unterschiedliche Verfahren und Materialien eingesetzt.

Eine lederne Version im Visier

In diesem Zusammenhang glückte Archäologen im Jahr 2013 der seltene Fund eines fast vollständig erhaltenen Panzers aus Lederschuppen. Er lag in einem Grab eines etwa 30 Jahre alten Mannes nahe der heutigen Stadt Turfan im Nordwesten Chinas. Aufgrund der extremen Trockenheit in der Region konnte das vergängliche Material die Jahrtausende erstaunlich gut überdauern. Diesem interessanten Fund hat nun ein internationales Forscherteam um Patrick Wertmann vom Asien-Orient Institut der Universität Zürich eine genauere Untersuchung gewidmet.

Durch eine Radiokarbondatierung konnten die Forscher zunächst das Alter der Rüstung in den Zeitraum von 786 bis 543 v. Chr. einordnen. Aus den Untersuchungen und Rekonstruktionen ging hervor, dass die Rüstung ursprünglich insgesamt aus 5444 kleinen und 140 großen Rindsleder-Schuppen bestand. Zusammen mit Lederschnüren und dem inneren Futter ergab sich ein geschätztes Gesamtgewicht von vier bis fünf Kilogramm. Die Form des Panzers glich den Rekonstruktionen zufolge einer Weste, die den Oberkörper des Trägers im Bereich der Brust, der Leisten sowie im unteren Rückenbereich schützte. Es handelte sich auch um eine ausgesprochen praktische Rüstung, sagen die Wissenschaftler: Der Panzer konnte schnell und selbständig angelegt werden und ließ sich offenbar unterschiedlichen Körpergrößen anpassen.

Massenprodukt aus Assyrien

Wie die Forscher berichten, geht aus ihren Untersuchungsergebnissen sowie aus Vergleichen mit anderen Funden und Darstellungen aus der Zeit hervor, dass die Rüstung wohl nicht ursprünglich aus China stammte. Denn es sind von dort keine entsprechenden Funde oder Darstellungen aus der Zeit bekannt. Stil und Konstruktion legen hingegen nahe, dass der Panzer zwischen dem 6. und 8. Jahrhundert vor Christus im neuassyrischen Reich hergestellt worden war, das damals Teile des heutigen Iraks, Irans, Syriens, der Türkei und Ägyptens umfasste. „Bei der Rüstung handelte sich um ein professionell hergestelltes Massenprodukt“, sagt Wertmann. Wie die Wissenschaftler erklären, wurde diese Art von standardisierter Rüstung für die berittenen Soldaten des neuassyrischen Reichs entwickelt. Darstellungen verdeutlichen, dass Leder-Schuppenpanzer zur typischen Ausrüstung der antiken Militärmacht gehörten.

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Wie die Forscher weiter berichten, ist nur ein weiteres archäologisches Beispiel eines ähnlichen Schuppenpanzers aus der Ära bekannt: Eine Rüstung im Metropolitan Museum of Art in New York zeigt stilistische und funktionelle Übereinstimmungen. Wertmann und seine Kollegen vermuten, dass beide Rüstungen von verschiedenen militärischen Einheiten der neuassyrischen Armee stammten: Die von dem chinesischen Fundort wurde möglicherweise von der Kavallerie, die aus dem Metropolitan Museum von der Infanterie genutzt.

Über die Geschichte der offenbar weitgereisten Rüstung aus dem Grab des Mannes im Nordwesten Chinas können die Wissenschaftler indes nur spekulieren. Möglich wäre, dass er ein Soldat war, der im fernen Ausland im Dienst der assyrischen Armee stand und später seine Rüstung mit nach Hause brachte. Es könnte sich aber auch um ein Beutestück gehandelt haben, das irgendwie schließlich zum Fundort gelangte.

Im chinesischen Raum wurden ähnliche Schuppenpanzer erst Jahrhunderte später zu einem typischen Element der Ausrüstung von Soldaten. Dabei liegt nahe, dass diese Entwicklung von den Vorbildern aus dem Nahen Osten inspiriert war, sagen die Wissenschaftler. „Der Fund ist ein Beleg für den militärischen Technologietransfer über den eurasischen Kontinent im frühen ersten Jahrtausend vor Christus“, so Wertmann.

Quelle: Universität Zürich, Fachartikel: Quaternary International, doi: 10.1016/j.quaint.2021.11.014

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