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Geschichte+Archäologie

Bei gut regierten Systemen ist der Kollaps umso schlimmer

Forum Romanum
Ruinen des Forum Romanum. (Bild: Linda Nicholas/ Field Museum)

Man könnte annehmen, dass eine Gesellschaft mit guter Regierung stabiler und langlebiger ist. Das aber stimmt nur in Teilen, wie nun eine Vergleichsstudie unter prämodernen Gesellschaften enthüllt. Demnach profitiert die Bevölkerung zwar von einem gut regierten System. Doch wenn dieses kollabiert, sind die Folgen sogar schlimmer als bei autokratischen Systemen.

Ob ein Reich von einem skrupellosen Diktator beherrscht wird oder von einer Regierung, die das Wohl der Bevölkerung im Auge hat, macht einen erheblichen Unterschied – das war schon vor hunderten und tausenden Jahren so. „Prämoderne Staaten waren in dieser Hinsicht gar nicht so anders als moderne“, sagt Gary Feinman vom Field Museum in Chicago.

Vergleichender Blick in prämoderne Gesellschaften

Auch wenn es damals noch keine Demokratien gab, waren viele Grundprinzipien ganz ähnlich: „Sie hatten keine Wahlen, aber dafür andere Kontrollmechanismen, die die Konzentration von Macht und Reichtum auf nur wenige einschränkten.“ Wie Feinman und seine Kollegen erklären, gebot das oft schon der Eigennutz der regierenden Elite: „Diese Systeme waren für ihre Ressourcen stark von der lokalen Bevölkerung abhängig“, sagt Feinman. „Sie ist es, die letztlich die Regierung finanziert.“ Per Definition sind Gesellschaften mit einer guten Regierung daher solche, in denen die Regierung die Bedürfnisse des Volks stillt.

Doch welche Auswirkungen hat eine gute oder schlechte Regierung langfristig auf die Stabilität einer Gesellschaft? Das haben Feinman und sein Team jetzt am Beispiel von 30 prämodernen Gesellschaften untersucht, darunter dem römischen Reich, der um 750 gegründeten venezianischen Republik, der ab 1368 in China herrschenden Ming-Dynastie und dem ab 1526 bestehenden Mogulreich in Indien. Diese vier Reiche hatten im Vergleich zu anderen zeitgenössischen Systemen eine vergleichsweise gerechte Verteilung von Gütern und Macht, wie die Forscher erklären. Deshalb haben sie verglichen, ob diese Gesellschaftsformen länger Bestand hatten als andere Systeme und wie ihr Niedergang aussah.

Kollaps ist bei guten Regierungen schlimmer

Der Vergleich enthüllte, dass die prämodernen Gesellschaften mit guter Regierung zwar ein wenig länger hielten als autokratische Systeme, bei denen Macht und Reichtum auf nur wenige konzentriert waren. Doch wenn dann die Reiche kollabierten, war der Absturz bei den gut regierten meist umso schlimmer. „Die Staaten mit guter Regierung kollabierten gründlicher und schwerwiegender“, sagt Feinman. Der Grund dafür: Die Menschen in diesen Systemen verlassen sich stärker auf die staatlichen Organisationsformen und die Infrastruktur. Wenn diese dann jedoch zusammenbrechen, trifft es die Bevölkerung umso härter.

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„Bei guter Regierung gibt es Infrastrukturen für die Kommunikation und Verwaltungen, die Steuern eintreiben, Dienstleistungen bieten und öffentliche Güter verteilen“, erklärt der Historiker. Institutionen und sozioökonomische Netzwerke sind hochgradig ineinander verwoben. Wenn dann dieses System kollabiert, ist auch der Alltag der Menschen stark betroffen. In autokratischen Systemen ist die Bevölkerung es eher gewöhnt, für sich selbst kämpfen zu müssen. „Wenn ein autokratisches System kollabiert, dann wechselt der Anführer oder die Hauptstadt, aber die Folgen reichen nicht bis ganz hinunter in den Alltag der Menschen.

Anfällig gegenüber unmoralischen Anführern

Interessant auch: Gerade Systeme mit einem grundsätzlich fairen System sind besonders anfällig für den Niedergang durch schlechte Herrscher, wie die Wissenschaftler feststellten. „In einer gut regierten Gesellschaft ist der Anführer jemand, der die ethischen Grundwerte und Glaubenssätze hochhält“, erklärt Feinman. „In den meisten Gesellschaften existiert ein sozialer Vertrag – ob ungeschrieben oder schriftlich niedergelegt.“ Bricht ein Anführer diese Prinzipien, dann verlieren die Menschen das Vertrauen und das wiederum zieht eine ganze Kette an Folgen nach sich: Sie wollen keine Steuern mehr zahlen, folgen ihrerseits keinen Regeln mehr und über kurz oder lang brechen soziale Unruhen oder sogar Bürgerkriege aus.

„Damit liefern unsere Ergebnisse wertvolle Einsichten, die auch in der Gegenwart von Wert sind“, sagt Richard Blanton von der Purdue University. „Denn sie zeigen, dass selbst Gesellschaften, die gut regiert, wohlhabend und bei ihren Bürgern gut angesehen sind, fragile Konstrukte sind, die versagen können.“ Feinman ergänzt: „Das muss nicht bedeuten, dass sich die Geschichte auf die gleiche Weise wiederholt. Aber es gibt gemeinsame Muster – und deshalb können wir aus der Geschichte lernen.“

Quelle: Field Museum; Fachartikel: Frontiers in Political Science; doi: 10.3389/fpos.2020.568704

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