Anzeige
Anzeige
1 Monat GRATIS testen, danach für nur 9,90€/Monat!

Die ostpreußischen "Wolfskinder"

Berliner Schätze

Die preußischen Herrscher sammelten seit dem 17. Jahrhundert vor allem römische Skulpturen, die in Italien erworben wurden und anfänglich die Schlösser und Gärten in Potsdam und Berlin schmückten. 1830 wurde dann das königliche Museum am Lustgarten, das heutige Alte Museum, eröffnet. Hier konnten die Skulpturen erstmals in einem musealen Umfeld der staunenden Öffentlichkeit als Zeugnisse der Antike präsentiert werden.

Die Antikensammlung aber besteht nicht nur aus diesen königlichen Sammlungen, sondern es kamen vor allem in den Jahrzehnten zwischen 1871 und 1914 zahlreiche hochkarätige Objekte hinzu. In diesen Jahrzehnten fanden nämlich die großen Grabungsunternehmungen der Berliner Museen im östlichen Mittelmeerraum statt: die Ausgrabungen in Pergamon, Milet, Magnesia am Mäander und Priene an der türkischen Westküste, außerdem diejenigen in Baalbek im heutigen Libanon. Systematisch wurden ganze Städte, Heiligtümer und Nekropolen freigelegt und Objekte geborgen; mit dem Osmani‧schen Reich vereinbarte man Fundteilungen. In der Folge gelangten viele Kunstwerke von Weltruhm nach Berlin.

Turbulent war dann die Geschichte der Berliner Antikensammlung im 20. Jahrhundert. Wegen des Krieges wurde der Bestand ausgelagert, später in die Sowjetunion verbracht und im Jahr 1958 nur unvollständig zurückgegeben. Dann fand auch noch eine Verteilung der Stücke auf Ost- und West-Berliner Museen statt. Das Ergebnis war, dass die antiken Skulpturen seit dem Zweiten Weltkrieg praktisch nicht für die Öffentlichkeit zu‧gänglich waren. Eine wissenschaftliche Dokumentation, geschweige denn eine weitergehende Auswertung fand nicht statt.

Nach wie vor ist es für Außenstehende unmöglich, auch nur einen annähernd korrekten Überblick über das gesamte Material, immerhin rund 4 400 Stücke, zu gewinnen. Mehr als 90 Prozent aller Objekte müssen aufgrund ihrer Aufbewahrung im Depot oder der bisher nur partiellen Publikation als weitgehend unbekannt gelten. Ein Gesamtbild der nach Berlin gelangten Skulpturen, das sich an den ursprünglichen kulturgeschichtlichen Kontexten orientiert, konnte auf der Grundlage des bisherigen Forschungsstandes also nicht gewonnen werden.

Der heutige Museumsbesucher findet nur einen Teil der wertvollen Skulpturen in den verschiedenen Dauerausstellungen im Alten Museum, im Neuen Museum und im Perga‧monmuseum auf der Berliner Museumsinsel. Das bahnbrechende Konzept des 1930 eröffneten Pergamonmuseums hatte zum Ziel, in Form eines begehbaren Handbuches antike Architektur und Skulptur im Zusammenhang zu präsentieren. Veränderte Bildungsvoraussetzungen und Rezeptionsgewohnheiten führten aber dazu, dass die Grundidee des Museums, nämlich die Präsentation von Objekten in rekonstruierten antiken Kontexten, heute nicht mehr für jedermann verständlich ist. Auch waren die technischen Möglichkeiten, solche historischen Kontexte jenseits von Zeichnungen und konventionellen Modellen zu visualisieren, bisher nicht gegeben.

Anzeige

Bei diesen Problemen setzt das „Berliner Skulpturennetzwerk“ an. Das von der Antikensammlung der Staatlichen Museen zu Berlin und dem Institut für Klassische Archäologie der Freien Universität Berlin im Oktober 2009 initiierte und auf drei Jahre angelegte Kooperationsprojekt setzt sich zum Ziel, die umfangreichen Bestände antiker Skulpturen in der Antikensammlung der Staatlichen Museen zu Berlin datenbankgestützt zu erfassen, durch Fachwissenschaftler zu erforschen und zu publizieren. Berücksichtigt werden außerdem alle diesbezüglichen Archivunterlagen sowie alle neuzeitlichen Gipsabgüsse nach antiken Skulpturen in den Sammlungen der Staatlichen Museen, der Freien Universität und der Humboldt-Universität.

Die wissenschaftlichen Leitfragen bei der Erforschung der Skulpturen zielen auf eine historisch differenzierte Rekonstruktion der Kontexte, in denen die Skulpturen einst standen, und damit auf die Gewinnung räumlicher, funktionaler und inhaltlicher Zusammenhänge. Vier Wissenschaftler sind mit Projektmitteln hauptamtlich sowohl koordinierend als auch selbst forschend tätig. Darüber hinaus sind über 90 Archäologinnen und Archäologen ehrenamtlich mit der Erarbeitung des Katalogs der antiken Skulpturen befasst, wobei auch die neuzeitlichen Fälschungen und Nachahmungen nach antiken Skulpturen berücksichtigt werden. Außerdem wird eine interaktive 3-D-Visualisierung von Pergamon und seinem Umland erstellt.

Kooperationspartner sind das Deutsche Archäologische Institut, Abteilung Istanbul, das Archäologische Institut der Universität Köln, das Zuse-Institut Berlin sowie der Lehrstuhl Darstellungslehre der Brandenburgischen Techni‧schen Universität Cottbus. Finanziert wird das Vorhaben vom Bundesministerium für Bildung und Forschung.

Die Veröffentlichung der rund 4400 originalen griechischen, etruskischen und römischen Skulpturen und knapp 4 000 Gipsabgüsse wird in Form von Online-Katalogen und gedruckten Publikationen erfolgen. Ausgewählte Forschungsergebnisse kann man aber schon jetzt in der großen Ausstellung „Pergamon – Panorama der antiken Metropole“ sehen. Hier wird die obengenannte interaktive 3-D-Visualisierung der archäologischen Monumente der Stadt Pergamon einer breiten Öffentlichkeit präsentiert. Sie bietet die einmalige Chance, Erkenntnisse alter und neuer Funde miteinander zu verknüpfen sowie unter Einbeziehung neuer Methoden der Informationstechnologie und Computervisualisierung auch das naturräumliche Umfeld von Pergamon einem internationalen Publikum vorzustellen.

Quelle: Dr. Ralf Grüßinger
Anzeige

DAMALS | Aktuelles Heft

Bildband DAMALS Galerie

Der Podcast zur Geschichte.

Geschichten von Alexander dem Großen bis ins 21. Jahrhundert. 2x im Monat reden zwei Historiker über ein Thema aus der Geschichte. In Kooperation mit DAMALS – Das Magazin für Geschichte.

Hören Sie hier die aktuelle Episode:

Anzeige

Wissenschaftslexikon

Film|re|gis|seur  〈[–ısø:r] m. 1〉 Regisseur eines Films

Über|re|dungs|kunst  〈f. 7u; unz.; Pl. nur scherzh.〉 Kunst, Fähigkeit, jmdn. zu etwas zu überreden ● er wandte all seine ~ an, um uns dazu zu bewegen; trotz seiner ~ gelang es ihm nicht, sie dazu zu bringen, dass …

Zy|mo|gen  〈n. 11; Biochem.〉 die enzymatisch noch inaktive Vorstufe eines eiweißspaltenden Enzyms [<Zymase … mehr

» im Lexikon stöbern
Anzeige
Anzeige
[class^="wpforms-"]
[class^="wpforms-"]
[class^="wpforms-"]
[class^="wpforms-"]
[class^="wpforms-"]
[class^="wpforms-"]