Anzeige
Anzeige
1 Monat GRATIS testen, danach für nur 9,90€/Monat!

Die mühsame Emanzipation

Blättern im Gebetbuch einer Königin

Frankreich im Jahr 1517. Anlässlich ihrer Krönung lässt sich die junge Claude de France, Tochter Ludwigs XII. und Annes de Bretagne sowie Ehefrau König Franz I. von Frankreich, ein kleines Gebetbuch anfertigen. Viel Freude hatte sie allerdings nicht mehr an dem künstlerischen Meisterwerk. Sieben Jahre später starb die entkräftete junge Königin im Alter von nur 25 Jahren. Bis dahin hatte sie ihrem Mann bereits acht Kinder geboren, darunter auch den späteren Thronfolger Heinrich II. von Frankreich.

Gerade einmal 69 mal 49 Millimeter misst das Gebetbuch und doch gilt es als ein großartiges Kunstwerk, dass sogar der Künstler nach seiner Auftraggeberin „Meister der Claude de France“ genannt wird. Mit seinen bunten aber gleichsam dezenten und detailreichen Abbildungen passt das kleine Meisterwerk zu der zarten Gestalt und dem jungen Leben seiner Besitzerin. Der Künstler, dessen Herkunft ebenso unbekannt ist wie sein ursprünglicher Name, verband mit seinen Bildern die italienische und niederländische Kunst der Renaissance. Dazu Professor Eberhard König vom Kunsthistorischen Institut der Freien Universität Berlin: „In Tour konnte er eine Tradition aufnehmen, die mit Werken wie den Miniaturen der Brüder Limburg aus Paris und Bourges schon hundert Jahre zuvor geblüht haben.“

Erstaunlich ist die Präzision und farbenfrohe Ausgestaltung bei der Darstellung von insgesamt 132 Szenen des Lebens Jesu Christi, der Jungfrau Maria oder verschiedener Heiliger auf den 104 Seiten des Buches. Die faszinierende Vielzahl an Motiven und ihre detailreiche Illustration ziehen den Betrachter sofort in ihren Bann. Der Künstler achtete bei seiner Malerei aber nicht nur auf die mal idyllisch, mal dunkel und ein anderes Mal phantasievoll anmutende Darstellung der Landschaften, sondern auch auf Kleidung, Mimik und Gestik der Personen. Der leidende Christophorus beim Ertragen seiner Marter auf dem glühenden Stuhl, der sterbende Hieronymus oder die demütige Haltung der heiligen Veronika: Dem Künstler gelang es bei jeder der Miniaturen, den jeweiligen Charakter der Person oder Szene treffsicher in gehaltvolle Bilder zu übertragen. So ist es auch vielmehr die bildliche Umrahmung als der mitunter dekorativ wirkende Text selbst, durch die das Gebetbuch der Claude de France in seiner Gattung herausragt. Roger S. Wieck, Kurator der Handschriftenabteilung der Pierpont Morgan Library und ausgewiesener Experte des Genres, lobt den Künstler: „Der Stil des Meisters der Claude de France ist von äußerster Feinheit und Zartheit. […] Besonders gekonnt ist der Umgang des Künstlers mit atmosphärischer Tiefe, der die zarten Farbtöne der häufig im Hintergrund zu sehenden Landschaften und Stadtansichten aufhellt und noch vervielfältigt.“

Die weitere Geschichte des Gebetbuchs ist nicht vollständig zu rekonstruieren. Im 16. Jahrhundert ist lediglich eine spanische Notiz vorhanden, die besagt, dass das Buch der Insquisition unverdächtig erschienen sei. Vom Wiener Buchhändler H.P. Kraus nach dem Zweiten Weltkrieg erworben, wurde das Gebetbuch Ende der 1970er Jahre an den New Yorker Sammler und Galeristen Alexander Rosenberg verkauft. Zu der Edition gehört auch das Faksimile eines von Pablo Picasso für Rosenberg gestalteten Exlibris (Besitzzeichen). 491 Jahre nach Fertigung der Bilderhandschrift gelangte sie im Jahr 2008 durch eine private Schenkung in die Pierpont Morgan Library nach New York. Im vergangenen Herbst wurde das Gebetbuch einer breiteren Öffentlichkeit bekannt, als der 2009 in Luzern gegründete Quaternio Verlag auf der Frankfurter Buchmesse die Faksimileausgabe des Kleinods vorstellte. Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ jubelte von dem „schönsten Buch der Messe“ (FAZ, 16.10.2009).

Die erste Faksimileedition des Verlags erscheint in einer auf 980 Exemplare limitierten Auflage. Mit großer Sorgfalt galt es, Aufnahmen von der fragilen Originalhandschrift in New York zu machen, wo sie wegen ihrer Zerbrechlichkeit in klimatisierten Tresoren aufbewahrt wird. Bei der Erstellung des Faksimiles kam es vor allem darauf an, den Farben des Originals genau zu entsprechen. Eine besondere Schwierigkeit stellte dabei die Wiedergabe des Muschgolds dar, das in die kleinen Bilder elegant eingearbeitet worden war. Die originalgetreu zugeschnittenen Faksimileblätter fanden nach dem Buchbinden von Hand ihren Platz in einem roten Samteinband, an dem zwei vergoldete Schließen angebracht sind. In ihrer Mitte befinden sich zwei Lilien als Symbol des französischen Königtums.

Anzeige

Mittlerweile ist im Quaternio Verlag bereits die zweite große Faksimileedition herausgegeben worden. Mit dem mittelalterlichen Goldenen Psalter aus der Bayerischen Staatsbibliothek in München widmet sich das Verlagsteam erneut einem reich bebilderten Buch, das für die private Andacht erstellt wurde (siehe DAMALS 09/2010).

Das Gebetbuch der Claude de France ist online auf der Internetpräsenz der Pierpont Morgan Library in guter Qualität einzusehen. Weitere Informationen zum Faksimile des Gebetbuchs der Claude de France, zu dem auch ein Kommentarband von Roger S. Wieck unter Mithilfe von Cynthia J. Brown von der University of California (Santa Barbara) verfasst wurde und zu dem neuen Faksimileprojekt finden sich auf der Homepage des Quaternio Verlags.

Anzeige

DAMALS | Aktuelles Heft

Bildband DAMALS Galerie

Der Podcast zur Geschichte.

Geschichten von Alexander dem Großen bis ins 21. Jahrhundert. 2x im Monat reden zwei Historiker über ein Thema aus der Geschichte. In Kooperation mit DAMALS – Das Magazin für Geschichte.

Hören Sie hier die aktuelle Episode:

Anzeige

Aktueller Buchtipp

Wissenschaftslexikon

di|hy|brid  auch:  di|hyb|rid  〈Adj.; Biol.〉 in zwei erblichen Merkmalen sich unterscheidend … mehr

Vin|tage  〈[vintıd] m. 6; unz.〉 Reproduktion, originalgetreue Herstellung od. Vertrieb eines in der Vergangenheit erfolgreichen od. traditionellen Produktes (Fotos, Kleidung, Musik, Uhren, Wein) [<engl. vintage … mehr

Fin|ger|satz  〈m. 1u; Mus.〉 Bezeichnung des zweckmäßigen Verwendens der einzelnen Finger beim Spielen eines Musikinstrumentes ● Noten mit ~ versehen die Verwendung der einzelnen Finger mit Zahlen über od. unter den Noten bezeichnen … mehr

» im Lexikon stöbern
Anzeige
Anzeige
[class^="wpforms-"]
[class^="wpforms-"]
[class^="wpforms-"]
[class^="wpforms-"]
[class^="wpforms-"]
[class^="wpforms-"]