Blick in die Gedankenwelt einer Suffragette - wissenschaft.de
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Geschichte+Archäologie

Blick in die Gedankenwelt einer Suffragette

Brief
Brief von Annie Kenney (Foto: University of Oxford)

Sie forderte das Wahlrecht für Frauen – und landete dafür im Gefängnis: Annie Kenney war vor gut 100 Jahren eine der führenden Suffragetten in Großbritannien. Ein jetzt wiederentdeckter Brief dieser frühen Frauenrechtlerin gibt einen spannenden Einblick in ihre Gedanken- und Gefühlswelt. Kenney schrieb diesen Brief, nachdem sie für ihre unbequemen Nachfragen ins Gefängnis geworfen und dann wieder freigelassen worden war.

Anfang des 20. Jahrhunderts entbrannte in Großbritannien ein Kampf um das Frauenwahlrecht – ein Recht, das der weiblichen Bevölkerung bis dahin vorenthalten blieb. Aktivistinnen der bürgerlichen Organisation „Women’s Social and Political Union“, aber auch Suffragetten aus der Arbeiterschaft führten öffentliche Proteste durch, organisierten politische Demonstrationen und stellten Politikern unbequeme Fragen.

Erste Haftstrafe der Suffragettenbewegung

„Annie Kenney war eine der führenden Suffragetten, aber wie bei anderen Frauen aus der Arbeiterklasse, die eine zentrale Rolle beim Kampf ums Wahlrecht spielten, wird ihre Geschichte und Bedeutung oft unterschätzt“, erklärt die Historikerin Lyndsey Jenkins von der University of Oxford. Dabei war es Kenney, die gemeinsam mit Christabel Pankhurst die erste militante Aktion der Frauenrechtsbewegung durchführte und dafür prompt verhaftet wurde.

Die beiden Frauen hatten sich Zutritt zu einem politischen Treffen der Liberalen Partei in Manchester verschafft, an dem unter anderem Winston Churchill und der damalige Minister Edward Grey teilnahmen. Kenney und Pankhurst entrollten im Saal ein Transparent mit der Aufschrift „Wahrrecht für Frauen!“ und riefen unter anderem „Wird die liberale Regierung den Frauen das Stimmrecht geben?“ Daraufhin schleppten Saaldiener die beiden Suffragetten hinaus und nachdem Pankhurst einen Polzisten angespuckt hatte, wurde Kenney drei Tage lang im Strangeways-Gefängnis inhaftiert.

Brief in Kanada wiederentdeckt

Nach ihrer Entlassung aus dem Gefängnis schrieb Kenney ihrer Schwester Nell einen Brief, der erst jetzt, nach gut 100 Jahren, von Jenkins wiederentdeckt worden ist. Der Grund: Nell Kenney wanderte später nach Kanada aus und der Brief ihrer Schwester gelangte dort unerkannt mit ihrem restlichen Nachlass in die British Columbia Archives. Weil der Brief mitsamt dem Rest der Sammlung unter dem vollen Namen Nells – Sarah Ellen Clarke – gelistet war, entging er der Aufmerksamkeit der Historiker. Erst Jenkins, die gezielt die Geschichte der sieben Kenney-Schwestern erforscht hat, stieß bei ihren Recherchen auf das Schriftstück.

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„Dieser Brief gibt uns einen Einblick in Annies persönliche Gedanken und Gefühle an diesem Wendepunkt der Kampagne für das Frauenwahlrecht“, erklärt Jenkins. Denn mit ihrer Protestaktion und der anschließenden Verhaftung läuteten Pankhurst und Kenney eine neue, militantere Phase der Suffragettenbewegung ein. „Dies ist ein spannendes und enthüllendes Dokument, das unser Verständnis des Kampfes für Frauenrecht und die Kämpferinnen dafür vertieft“, sagt die Historikerin.

Persönliche Einblicke

In dem Brief beschreibt Annie Kenney unter anderem den warmen Empfang, der ihr nach ihrer Gefängnis-Entlassung bereitet wurde: „Da warteten mehr als hundert Menschen auf mich. Ich hatte ein wunderschönes Blumenbukett, das mir die Oldham Sozialisten geschickt hatten. Letzte Nacht wurde ein Protesttreffen für mich in Stevenson Square abgehalten, zu dem mehr als 2000 Menschen gekommen waren. Manchester ist lebendig – das kann ich dir versichern!“ Der Brief zeigt aber auch, wie eng die Schwestern der Familie Kenney einander verbunden waren und wie sehr sie sich gegenseitig sowie die Sache der Frauen unterstützten. So gehörte Nell, die Adressatin des Briefs, selbst zu den führenden Suffragetten und organisierte unter anderem einen Massenprotest in Nottingham, zwei weitere Schwestern unterstützten die Arbeit der Frauenrechtlerinnen ebenfalls.

„Rund 100 Jahre nachdem die ersten Frauen das Wahlrecht erkämpften, lernen wir noch immer Neues über die bemerkenswerten Frauen, die damals diese Kampagne anführten“, kommentiert Helen Pankhurst, die Enkelin der Suffragette Sylvia Pankhurst. „Wie dieser wichtige und sehr persönliche Brief zeigt, war der Kampf für das Frauenwahlrecht mit hohen Risiken und gewaltigen persönlichen Kosten verknüpft – vor allem in dieser frühen Phase, in der die Sache unpopulär und der Erfolg fraglich waren.“

Der wiederentdeckte Brief von Annie Kenney ist noch bis zum 12. Januar in der Oldham-Galerie in Manchester ausgestellt.

Quelle: University of Oxford

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