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Geschichte+Archäologie

Blick ins Fallbuch elisabethanischer Astrologen

Fallnotizen von Richard Napier
Seitenausschnitt aus einem von Richard Napiers Fallbüchern. (Bild: Bodleian Libraries/ Oxford)

Simon Forman und sein Schüler Richard Napier gehörten zu den berühmtesten Astrologen und Heilern der englischen Renaissance und zählten die Elite ihrer Zeit zu ihren Patienten. Von ihrem Wirken sind mehr als 80.000 Fallbeschreibungen erhalten, niedergeschrieben vor rund 400 Jahren in mehr als 60 in Kalbsleder gebundenen Folianten. Jetzt haben Historiker diese Fallbücher in zehnjähriger Arbeit digitalisiert und online zugänglich gemacht.

Auch wenn es heute gerne belächelt wird: Die Astrologie galt Jahrhunderte lang als wichtige Wissenschaft. Noch bis in die frühe Neuzeit schrieb man den Gestirnen Einflüsse auf die Gesundheit zu und angehende Mediziner studierten deshalb auch die Sterne. „Man war der Ansicht, dass Himmelsbewegungen das menschliche Leben und den Körper durch verborgene Strahlen beeinflussen, so wie wir heute akzeptieren, dass der Mond die Gezeiten beeinflusst“, erklärt Lauren Kassell von der University of Cambridge. Dabei waren die Tierkreiszeichen mit bestimmten Körperteilen verknüpft. Die Konstellationen der Gestirne gaben zudem an, wann die Zeit für bestimmte medizinische Behandlungen wie das Aderlassen besonders günstig war.

Heilen mithilfe der Gestirne

„Astrologen wie Forman verstanden, wie diese himmlischen Kräfte wirkten“, sagt Kassell. Von Simon Forman ist bekannt, dass er von der Universität von Oxford flog und auch mehrfach im Gefängnis saß. Nachdem er jedoch 1592 an der Pest erkrankte und sich selbst heilen konnte, änderte er seine Lebensweise und wurde zum Heiler und Astrologen. Er verkaufte nicht nur Heiltränke und Arzneien, sondern richtete sich auch nach der Stellung der Sterne und Planeten, um Leiden vom gebrochenen Herzen bis zum blutigen Ausfluss zu diagnostizieren und zu behandeln. Ab 1597 arbeitete Forman mit Richard Napier zusammen, erst als Schüler dann als Partner.

Die beiden Astrologen erlangten schnell große Bekanntheit und selbst hochrangige Adelige wie der Bruder des Duke of Buckingham, ein Erzbischof und sogar Shakespeares „dunkle Lady“ gehörten zu ihren Klienten. Während ihrer Sprechstunden machten sich beide ausführliche Notizen – Name und Alter der Patienten, Zeit und Ort der Behandlung, Anmerkungen zu den Symptomen und Behandlungsempfehlungen sowie zu dem Stand der Gestirne. Auch wenn diese Notizen nur für den Eigengebrauch gedacht waren, überdauerten sie den Lauf der Zeit. Heute sind 66 in Kalbsleder gebundene Bücher mit insgesamt 80.000 Fallbeschreibungen der beiden Astrologen erhalten – eine der umfangreichsten Sammlungen medizinscher Dokumente in der Geschichte.

80.000 Fallbeschreibungen digitalisiert

Nachdem diese Aufzeichnungen rund 400 Jahre fast unbeachtet in der Bodleian Library in Oxford aufbewahrt worden waren, haben Kassell und ihr Team vor zehn Jahren damit begonnen, die elisabethanischen Fallbücher komplett zu digitalisieren. Jetzt ist die Arbeit abgeschlossen. Alle Fälle sind im Internet zugänglich und durchsuchbar. „Die Projektseite rekonstruiert zudem einen Tag im Leben eines Astrologen, seine medizinischen Methoden und die Zutaten seiner Arzneimittel“, erklärt Kassell. „Es gibt sogar ein Namensverzeichnis, dass sich wie ein Telefonbuch des 17. Jahrhunderts liest.“

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500 ihrer Lieblingsfälle der beiden Astrologen haben die Wissenschaftler zudem vollständig transkribiert. Zu den Fallbeispielen gehört ein Mann, der sich beim Beischlaf mit der Frau eines anderen mit der „französischen Krankheit“ angesteckt hatte, eine Mutter, die an Depressionen und Ängsten litt sowie ein Mann, der über ständige Attacken „profaner und gottloser Gedanken klagte. In den meisten Fällen notierten die Astrologen nach ihrer Beschreibung der Symptome eine Behandlungsempfehlung. Oft bestand diese aus Aderlass, Brechmitteln oder aber stärkenden Tränken. Denn wie die Historiker erklären, wurden Krankheiten damals als Ungleichgewicht der Körpersäfte angesehen, die durch solche Maßnahmen wieder in die Balance gebracht werden sollten. Psychische Probleme führten die Astrologen dagegen häufig auf dämonische Visitationen zurück, gegen die die Patienten Gegenzauber oder geweihte Amulette bekamen.

Die Hand eines Toten und der verhexte Ehegatte

Zu den Therapien gehörten aber auch exotischere Mittel wie die Berührung eines toten Mannes Hand oder die „Tauben-Slipper“ – tote aufgeschlitzte Tauben, die an die Fußsohlen geschnürt wurden. In einigen Fällen schildern die Patienten zunächst gängige Beschwerden, auf Nachfragen der Astrologen tritt dann aber ein ganz anderes, tiefer liegendes Problem zutage. So im Falle der Ehefrau eines George Vescy, die über eine unregelmäßige Periode klagt, dann aber verrät, dass ihr Mann sich gerne von Frauen auspeitschen lässt – was sie auf eine Verhexung zurückführt.


(Video: University of Cambridge)

„Das Fallbuch-Projekt öffnet uns ein Wurmloch in die zwielichtige und rätselhafte Welt der Medizin, Magie und des Okkulten im 17. Jahrhundert“, erklärt Kassell. „Durch den Stift der Astrologen erhaschen wir einen Blick auf die Gesundheits- und Fruchtbarkeitssorgen, die Ängste und sexuellen Gelüste von tausenden Menschen, die sonst für die Geschichte verloren wären.“ Für heutige und künftige Wissenschaftler seien diese Fallbücher ein enormer Schatz des historischen Wissens. „Aber seien Sie gewarnt: Je tiefer Sie sich in diese Welt hineinvertiefen, desto mehr Fragen werden auftauchen“, sagt Kassell.

Die Fallbücher der elisabethanischen Astrologen im Netz

Quelle: University of Cambridge

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