Bomben erschütterten die „Himmelsgrenze“ - wissenschaft.de
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Geschichte+Archäologie

Bomben erschütterten die „Himmelsgrenze“

Gegen Ende des Krieges warfen viermotorige Flugzeuge gigantische Bomben ab. (Credit: US Air Force / Public Domain)

Explosionen mit erstaunlich weitreichenden Folgen: Die alliierten Luftangriffe im Zweiten Weltkrieg waren so gewaltig, dass die Schockwellen sogar Spuren in der Hochatmosphäre der Erde hinterlassen haben, berichten Forscher. Ihre Untersuchungen von Daten aus den 1940er Jahren belegen, wie sich damals die zerstörerische Gewalt auf der Erdoberfläche in der Ionosphäre widerspiegelte.

Die Studie von Chris Scott von der University of Reading und seinen Kollegen basiert auf der Auswertung von Aufzeichnungen des Radio Research Centers in Slough, nahe London. Dort wurden schon früh Untersuchungen der Ionosphäre der Erde durchgeführt. Dieser hochgelegene Teil der Atmosphäre weist große Mengen von Ionen und freien Elektronen auf, die durch die energiereiche Sonnenstrahlung entstehen. Da die Ionosphäre durch ihre speziellen Merkmale Kurzwellen reflektiert, hat sie eine große Bedeutung für den Funkverkehr und stand deshalb bereits früh im Fokus der Wissenschaft.

Atmosphärenforschung zur Kriegszeit

Im Rahmen der Untersuchung der Ionosphäre wurden in Slough zwischen 1943 und 1945 Radiowellenpulse über eine Reihe von Kurzwellenfrequenzen in eine Höhe von 100 bis 300 Kilometer über der Erdoberfläche gesendet. Man wollte anhand des Echos der Pulse Informationen über den Zustand der für die Funkkommunikation wichtigen Atmosphärenschicht gewinnen. Scott und seine Kollegen haben diese historischen Daten nun erneut einer Analyse unterzogen.

Wie sie berichten, zeichneten sich in den Ergebnissen auffällige Einbrüche bei den Elektronenkonzentrationen in der Ionosphäre ab. Durch Vergleiche mit Aufzeichnungen über 152 große alliierte Luftangriffe auf Ziele in Deutschland und auf von Deutschen besetzte Gebiete wurde dann deutlich: Die Ionosphären-Reaktionen waren mit diesen Bombardements verknüpft. Offenbar waren die Effekte der Bombenangriffe auf die Hochatmosphäre so weitreichend, dass sie sogar noch in Slough nachweisbar waren, obwohl dieser Ort teils über 1000 Kilometer von den bombardierten Gebieten entfernt war. Die Wissenschaftler vermuten, dass die Stoßwellen der Detonationen zu Erwärmungen in der oberen Atmosphäre geführt haben, was dann zu dem beobachteten Rückgang der Elektronenkonzentrationen geführt hat.

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„Die Bilder von Städten und Gebäuden in ganz Europa, die durch Luftangriffe in Schutt und Asche gelegt wurden, sind vielen Menschen ins Gedächtnis gebrannt. Aber die Auswirkungen dieser Bomben weit oben in der Erdatmosphäre blieben bis jetzt unbekannt“, sagt Scott. Dass die Explosionseffekte den Grenzbereich zum Weltraum beeinflussen konnten, wirkt erstaunlich. Doch wenn man sich einmal das Ausmaß der Angriffe vor Augen hält, scheint es plausibel, sagt der Wissenschaftler.

Als der „Grand Slam“ zuschlug

Besonders heftig krachte es demnach ab 1944: Die britischen Luftstreitkräfte begannen, gepanzerte Bunker und Brücken durch den sogenannten „Grand Slam“ zu zertrümmern. Mit einem Gewicht von über zehn Tonnen handelt es sich dabei um die bis heute schwerste jemals in einem Krieg eingesetzte Fliegerbombe. Bei einigen Luftangriffen wurden unterm Strich bis zu 2000 Tonnen Bomben abgeworfen. „Solche Angriffe haben gigantische Energiemengen freigesetzt“, so Scott.

Welche Schockwellen die Detonationen verursachen konnten, veranschaulichen Berichte aus der Zeit: „Die an den Luftangriffen beteiligten Besatzungen beklagten sich, dass ihre Flugzeuge manchmal durch die Bombenstoßwellen beschädigt wurden, obwohl sie sich über der empfohlenen Mindesthöhen befanden“, sagt Co-Autor Patrick Major: „Auch Opfer am Boden berichteten, wie Druckwellen sie durch die Luft schleuderten und Fenster und Türen aus ihren Angeln gerissen wurden“, so der Historiker.

Wie die Wissenschaftler erklären, haben ihre Ergebnisse neben der historischen Dimension vor allem eine Bedeutung für die Atmosphärenforschung. Sie wollen nun weitere historische Datensätze digitalisieren und analysieren, um mehr Einblicke in die Effekte von Bombenangriffen auf die Ionosphäre zu erhalten. Ein Ziel ist es dabei, die minimale explosive Energie zu bestimmen, die eine nachweisbare Reaktion in der Hochatmosphäre auslösen kann.

Quelle: European Geosciences Union

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