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Archäologie

Braunkohle schon in der Bronzezeit verfeuert

In der Umgebung der mykenischen Burg von Tiryns brannte offenbar Braunkohle in den Öfen zur Herstellung von Bronzen und Keramiken. (Bild: kiev4/iStock)

Mehr als 1000 Jahre früher als gedacht: Bereits im 2. Jahrtausend v. Chr. wurde in Griechenland Braunkohle in Öfen verwendet, legen Rauch-Spuren im Zahnstein von Skelettfunden nahe. Der fossile Brennstoff ermöglichte offenbar die geradezu industrielle Produktion von Bronze-Objekten und Keramik in den Werkstätten der mykenischen Kultur, sagen die Wissenschaftler.

Beeindruckende Funde aus Mykene und anderen archäologischen Stätten Griechenlands zeugen von einer bronzezeitlichen Zivilisation, die als erste Hochkultur des europäischen Festlands gilt. Neben Monumentalbauten und Kunstschätzen ist die mykenische Ära auch für eine bereits erstaunlich hohe Produktivität bekannt: In den Brenn- und Schmelzöfen wurden im Verlauf des 2. Jahrtausend v. Chr. massenweise Bronzewaffen sowie Keramiken hergestellt. Was in der holzarmen Region dabei für die nötigen Temperaturen gesorgt hat, war bisher unklar.

Zunächst stand diese Frage allerdings nicht im Fokus der Archäologen um Philipp Stockhammer von der Ludwig-Maximilians-Universität München: Sie wollten im Rahmen ihrer Studie eigentlich die Essgewohnheiten der bronzezeitlichen Menschen im östlichen Mittelmeerraum erforschen. Dazu suchten sie nach Spuren von Nahrungsmitteln in fossilem Zahnstein von Skelettfunden vom griechischen Festland über Kreta bis in den Nahen Osten und Ägypten. Wie das Team berichtet, wurde im Zuge ihrer Analysen dann allerdings deutlich, dass die Ablagerungen an den Zähnen eine reichere Informationsquelle darstellten, als zunächst gedacht:

Rauch-Spuren im Zahnstein

„Wir haben festgestellt, dass im Zahnstein nicht nur Mikroreste, Fette und Eiweiße des jeweiligen Essens eingebettet und über die Jahrtausende erhalten wurden, sondern auch all der Ruß und die Abgase, die durch das Einatmen in den Mund kamen“, berichtet Stockhammer. Wie die Wissenschaftler erklären, waren anhand bestimmter chemischer Merkmale der Partikel auch Rückschlüsse darauf möglich, was genau damals als Brennmaterial gedient hat.

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Wenig überraschend erschien dabei zunächst, dass sie in vielen Fällen auf die Signaturen des Rauchs von Kiefern-, Pinien- und Eichenholz im Zahnstein stießen. Einige Menschen hatten außerdem Partikel eingeatmet, die entstehen, wenn man getrockneten Tierdung verbrennt – wie es auch heute noch in einigen holzarmen Regionen üblich ist. Doch dann entdeckten die Wissenschaftler noch eine überraschende Signatur: „Als wir die Datenserien aus der mykenischen Burg von Tiryns auf dem südgriechischen Festland und dem westkretischen Hafenort Chania analysierten, konnten wir es zunächst kaum glauben“, berichtet Co-Autor Stephen Buckley von der Universität Tübingen. „Die Hälfte aller Individuen, die wir aus beiden Orten untersuchten – Männer wie Frauen – hatten neben den zu erwartenden Hölzern ganz klar auch die chemische Signatur von Braunkohle im Zahnstein“.

Erklärung für Massenproduktion

Die Merkmale der Braunkohlespuren waren dabei sogar so spezifisch, dass Rückschlüsse darauf möglich wurden, woher der fossile Brennstoff stammte. In Südgriechenland nutzten die Menschen demnach offenbar eine bekannte Lagerstätte in der Nähe von Olympia – etwa 150 Kilometer westlich von Tiryns. In Kreta lieferte hingegen eine eher nahegelegene Lagerstätte die Braunkohle für die Bewohner von Chania. „Wir können mit unseren Ergebnissen jetzt die Nutzung von Braunkohle bereits im 14. und 13. Jahrhundert v. Chr. belegen und damit gut 1000 Jahre früher als man bislang angenommen hat“, sagt Buckley. Denn bisher stammte der früheste Beleg des Einsatzes dieses Brennstoffs aus der Zeit des klassischen Griechenland, berichten die Wissenschaftler.

Ihnen zufolge wirft die Studie somit nun auch Licht auf die Frage, wie bereits in der
mykenischen Kultur vor über 3000 Jahren eine Massenproduktion möglich war. Denn die Forscher gehen davon aus, dass die Menschen Braunkohlerauch einatmeten, der aus den Brennöfen strömte. „Die Funde mykenischer Keramik von Spanien bis Syrien zeigen, dass in den südgriechischen Werkstätten jährlich wohl zehntausende Gefäße vor allem auch für den Export produziert wurden“, sagt Stockhammer. In der dicht besiedelten und weitgehend entwaldeten Region war das vermutlich nur möglich, weil der fossile Brennstoff genutzt wurde. „Wir müssen demnach jetzt das Ressourcenmanagement im mykenischen Griechenland neu überdenken“, meint der Archäologe.

Quelle: Ludwig-Maximilians-Universität München, Fachartikel: Scientific Reports, doi: 10.1038/s41598-021-03544-w

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