China: Abgucken ist Trumpf - wissenschaft.de
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China: Abgucken ist Trumpf

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In Asien spielt Auswendiglernen und Nachahmen eine größere Rolle als bei uns (thinkstock)
Wir Menschen gelten als besonders lernfähige Spezies – und auch als gewiefte Abgucker. Denn viele unserer Fertigkeiten tüfteln wir nicht selbst aus, sondern übernehmen sie von anderen. Dass sich das Ausmaß des sozialen Lernens zwischen den verschiedenen Kulturen deutlich unterscheidet, belegt nun ein Experiment eines britisch-chinesischen Forscherteams. Dabei wurden die Chinesen ihrem Ruf, gute Kopisten zu sein, sehr gerecht: Sie entschieden sich doppelt so häufig für das Übernehmen einer Konstruktion wie ihre britischen Mitspieler.

Im Gegensatz zu den meisten anderen Tieren kann der Mensch Wissen und Fähigkeiten über Generationen weitergeben. Denn einer der Grundpfeiler unserer Kultur ist das soziale Lernen – der Kinder von ihren Eltern, der Schüler von Lehrern. „Diese kumulative kulturelle Evolution hat es unserer Spezies ermöglicht, sich schnell an neue und verschiedenartige Umwelten auf diesem Planeten anzupassen“, erklären Alex Mesoudi von der Durham University und seine Kollegen. Der Theorie nach müsste daher das soziale Lernen durch Abgucken tief in unserem Wesen verankert sein und im Zweifelsfall dominieren. Doch seltsamerweise deuteten viele Experimente unter anderem in Deutschland, Großbritannien, Schweden und den USA bisher eher auf das Gegenteil hin: Vor eine kniffelige Aufgabe gestellt, versuchen viele Probanden zunächst, diese durch Versuch und Irrtum selbst zu bewältigen. Das scheint auf den ersten Blick der Theorie eines angeborenen Hangs zum sozialen Lernen und damit zum Kopieren bewährter Lösungen zu widersprechen.

Mesoudi und seine Kollegen haben nun erstmals getestet, ob und wie sich das soziale Lernen zwischen östlichen und westlichen Kulturen unterscheidet – und welche Vorteile das Kopieren oder Nichtkopieren in der Praxis bringt. Denn wie sie erklären ist bekannt, dass im asiatischen Kulturkreis mehr Wert auf das Auswendiglernen und die soziale, kollektive Komponente der Gesellschaft gelegt wird, während in westlichen Ländern eher der Individualismus und die Kreativität gefördert werden. Nach Ansicht der Forscher liegt daher nahe, dass diese kulturelle Prägung auch die grundlegende Art des Lernens beeinflusst.

Pfeilspitzen-Bauen für die Wissenschaft

Für ihre Studie stellten sie jeweils rund 70 Briten, Hongkong-Chinesen, Festlands-Chinesen und 70 in Großbritannien studierenden Personen chinesischer Herkunft vor die gleiche Aufgabe: Die Probanden sollten am Computer jeweils eine optimal für die Jagd geeignete Pfeilspitze konstruieren. Dafür konnten sie Form, Länge, Breite, Dicke und Farbe der Spitze in einem Programm frei anpassen. Nach Abschluss ihrer Konstruktion erhielten sie Feedback, indem das Programm ihnen angab, wie viele Kalorien sie mit dieser Spitze erfolgreich erjagt hätten. Alle Probanden führten diese Zyklen aus Konstruktion und Jagd 30 Mal hintereinander durch und wiederholten diese „Jagdsaison“ insgesamt drei Mal. Die Besonderheit dabei: Nach der ersten Jagd konnten die Probanden wählen, ob sie im nächsten Durchgang das Design eines anderen Jägers unverändert übernehmen oder lieber selbst von Grund auf ihre Pfeilspitze bauen wollten. Sie konnten dabei sehen, wie viele Kalorien das Abguckmodell in der letzten Jagd errungen hatte.

Und tatsächlich zeigten sich deutliche Unterschiede: Die Teilnehmer von der Chao Zhou Universität in der chinesischen Provinz Guangdong wählten gut doppelt so häufig die Option, eine Pfeilspitze zu übernehmen wie ihre Mitspieler in Großbritannien. Dieser Trend zeigte sich nicht nur, wenn die kopierte Pfeilspitze zuvor überdurchschnittlich gut abgeschnitten hatte, sondern auch bei nur durchschnittlichem Erfolg, wie die Forscher berichten. Interessanterweise verhielten sich die in Hongkong oder in Großbritannien lebenden Chinesen anders: Sie entschieden sich ähnlich häufig für ein Selbstausprobieren wie die britischen Probanden.

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Nicht artspezifisch, sondern kulturspezifisch

„Unsere Ergebnisse zeigen, dass die Lernstrategien beim Menschen je nach Kultur unterschiedlich sind“, konstatieren Mesoudi und seine Kollegen. Entgegen bisherigen Annahmen ist die Frage, wie stark sich ein Mensch auf das soziale Lernen verlässt, demnach nicht angeboren oder genetisch fixiert. Stattdessen prägt das kulturelle Umfeld, ob und wie stark jemand „abguckt“. Die stark durch Individualisierung geprägte westliche Kultur fördert eher das eigenständige Problemlösen, während die mehr auf das Kollektiv ausgerichteten asiatischen Kulturen das soziale Lernen fördern. Diese Unterschiede könnten nach Ansicht der Forscher auch erklären, warum die früheren Experimente zum sozialen Lernen immer deutlich von den Erwartungen abwichen: Sie wurden fast nur mit westlichen Probanden durchgeführt – und zeigten daher nur einen kleinen Ausschnitt der tatsächlichen Verteilung der Lernstrategien.

Die neuen Erkenntnisse bedeuten aber auch: „Eine artspezifische Häufigkeit des sozialen Lernens beim Menschen – und wahrscheinlich auch bei anderen Tieren – gibt es nicht“, so die Forscher. Die gängige Vorstellung, dass wir Menschen per se den Tieren voraus sind, weil das Übernehmen von Wissen uns quasi fest einprogrammiert ist, stimmt ihrer Ansicht nach nicht. Stattdessen spielen auch soziale und kulturelle Prozesse wie Migration, Erziehung und Globalisierung eine wichtige Rolle – und müssen bei entsprechenden Untersuchungen immer mit berücksichtigt werden. Gleichzeitig bestätigt das Experiment, dass das oft gerügte Kopieren technischer Geräte durch die Chinesen weniger böse Absicht ist als vielmehr ganz normaler Ausdruck ihrer kulturellen Prägung.

Quelle:

© wissenschaft.de – Nadja Podbregar
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