Anzeige
Anzeige

Geschichte+Archäologie

Christbaumschmuck als Spiegel des Zeitgeists

Weihnachten Ende des 19. Jh.
Weihnachtlich geschmückter Baum Ende des 19. Jahrhunderts. (Bild: cu/ iStock)

Ob goldene Kugeln, Lametta oder essbare Leckereien: Der Schmuck des Weihnachtsbaums verrät einiges über die Zeit und Kultur, in der wir leben – das war schon früher so. Eine Historikerin hat zurückverfolgt, wann welche Baumschmuck-Tradition entstanden ist und deckt dabei auch Skurrilitäten auf. So hingen im Ersten Weltkrieg nicht selten kleine Kriegsschiffmodelle und Zeppeline am Weihnachtsbaum.

Die Tradition des geschmückten Weihnachtsbaums reicht schon Jahrhunderte zurück, wie die Historikerin Sandra Müller-Tietz von der Universität Bonn erklärt: „Den Quellen nach holten sich bereits im 15. Jahrhundert Menschen in der kalten und dunklen Jahreszeit etwas Grün ins Haus. Die Bräuche waren aber nicht auf die Tanne festgelegt. Auch Stechpalme, Eibe oder Buchsbaum kamen zum Einsatz.“ Im 16. Jahrhundert etablierte sich dann der Weihnachtsbaum im deutschsprachige Raum, zunächst nur bei Protestanten, später dann auch bei Katholiken.

Den Anfang machten Leckereien

Aus Deutschland trat der Weihnachtsbaum im 19. Jahrhundert seinen Siegeszug in die Welt an. Dazu trugen vor allem deutsche Auswanderer bei. In Großbritannien brachte Albert von Sachsen-Coburg-Gotha, der Ehemann von Queen Victoria, die Tradition des deutschen Weihnachtsfestes mitsamt Baum an den englischen Hof. „In der Weihnachtsausgabe der Illustrated London News aus dem Jahr 1848 sind Prinz Albert und Queen Victoria vor einem mit Kerzen, Süßigkeiten und Spielzeugen geschmückten Weihnachtsbaum zu sehen“, berichtet Müller-Tietz. „Der dazu veröffentlichte Artikel zeigt aber, dass den Lesern noch erklärt werden musste, was es mit einem solchen Baum auf sich hatte.“

Die Dekoration des Weihnachtsbaumes hat sich im Laufe der Zeit aber immer wieder gewandelt. Anfangs dekorierte man die Bäume mit Nüssen, Obst, Gebäck, Oblaten und Basteleien aus Papier. Neben diesen meist essbaren Dekorationen hat man auch schon recht früh Gold verwendet und zum Beispiel vergoldete Nüsse aufgehängt. Während dieser Baumschmuck in der Regel noch selbstgebastelt wurde, konnte man etwa ab dem 18. Jahrhundert auch spezielles Zubehör auf Weihnachtsmärkten kaufen. „Es gab dort Krippenfiguren, Baumschmuck und Rauschgoldengel“, erklärt die Historikerin. „Die Kerzen kamen erst ein bisschen später dazu, im ausgehenden 18. Jahrhundert.“ Lametta und Christbaumkugeln begann man Mitte des 19. Jahrhunderts herzustellen.

Glaskugeln, Goldfolie und patriotische Figuren

Im 19. Jahrhundert hat auch ein Klassiker des Christbaumschmucks seinen Ursprung: die Baumkugeln. „Dieser Baumschmuck aus Glas stammt ursprünglich aus Thüringen, genauer gesagt auf die Glashütten in Lauscha“, so Müller-Tietz. „Anfangs imitierte der gläserne Christbaumschmuck noch die essbaren Dinge, die man sonst typischerweise an den Baum gehängt hatte, wie Nüsse und Äpfel. Spätestens für das Jahr 1860 gibt es gesicherte Nachweise über Glaskugeln als Christbaumschmuck.“ Ab 1870 wurden diese Kugeln auch von innen verspiegelt, so wie wir es heute kennen. Baumschmuck aus Goldfolie und anderem sogenannten Luxuspapier gab es ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Er wurde anfangs vor allem in Dresden gefertigt, wie die Historikerin erklärt.

Anzeige

Anfang des 20. Jahrhunderts war der weihnachtliche Baumschmuck bereits voll kommerzialisiert und es gab eine reiche Auswahl verschiedenster Schmuckstücken für den Baum – von unterschiedlich verzierten Kugeln über Engel, Sterne, Weihnachtsmänner, Trompeten und Glöckchen. Während des Ersten Weltkriegs war es zudem keine Seltenheit, dass auch kleine U-Boote, Kriegsschiffe oder Zeppeline den Weihnachtbaum zierten. „Tatsächlich war das Schmücken des Baums in den beiden Weltkriegen durchaus ein politisch-patriotischer Akt“, sagt Müller-Tietz. Fotografien und Originalobjekte aus dem Ersten Weltkrieg belegen Pickelhauben, militärische Abzeichen, Schiffe und Bilder von Wilhelm II. am Baum.“

Ähnlich politisch-militärisch wurde auch während der Nazizeit der Baum geschmückt: „Dass es Christbaumschmuck mit sehr deutlicher NS-Symbolik gab, ist gut belegt“, so die Historikerin. „Aber eigentlich standen Christbaumkugeln nicht im Einklang mit nationalsozialistischer Politik zum Weihnachtsfest. Vielmehr versuchte man in entsprechender Literatur zu propagieren, dass Christbaumschmuck nach Möglichkeit selbstgemacht sein sollte.“ Lametta, Engelshaar, Christbaumwatte und Glasschmuck wurden damals als kitschig abgetan. Heute ist der Baumschmuck dagegen weniger politisch und eher eine Frage des persönlichen Geschmacks – Auswahl gibt es genug. „Dennoch spiegelt er in gewisser Weise immer auch den Zeitgeist wider – in diesem Jahr kann man zum Beispiel Weihnachtskugeln mit aufgedruckter Maske kaufen“, schließt Müller-Tietz.

Quelle: Universität Bonn

Anzeige

DAMALS | Aktuelles Heft

Bildband DAMALS Galerie

Der Podcast zur Geschichte.

Geschichten von Alexander dem Großen bis ins 21. Jahrhundert. 2x im Monat reden zwei Historiker über ein Thema aus der Geschichte. In Kooperation mit DAMALS – Das Magazin für Geschichte.

Hören Sie hier die aktuelle Episode:

Anzeige

Aktueller Buchtipp

Wissenschaftslexikon

Pd  〈Chem.; Zeichen für〉 Palladium

♦ kon|zen|triert  〈Adj.; –er, am –es|ten〉 1 angespannt, aufmerksam, mit gesammelten Gedanken 2 〈Chem.〉 einen Stoff in großer Menge (gelöst) enthaltend ... mehr

Kal|la  〈f. 10; Bot.〉 1 〈i. w. S.〉 Angehörige einer Gattung der Arongewächse: Calla; Sy Schlangenwurz ... mehr

» im Lexikon stöbern
Anzeige
Anzeige