"Constitutio Antoniniana" wird Welterbe - wissenschaft.de
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Geschichte+Archäologie

„Constitutio Antoniniana“ wird Welterbe

Die "Constitutio Antoniniana" nach der Restaurierung. Der Text der Verordnung befindet sich auf der linken Seite. (Foto: Universitätsbibliothek Gießen / Barbara Zimmermann)

Sie ist ein einzigartiges Dokument der Weltgeschichte: Mit der „Constitutio Antoniniana“ verlieh der römische Kaiser Caracalla im Jahr 212 allen freien Einwohnern des Römischen Reiches das römische Bürgerrecht. Dieses Edikt bildete fortan die Basis für die römische Gesellschaft – und es gilt bis heute als wegweisend für die Entwicklung der Bürger- und Menschenrechte weltweit. Wegen seiner enormen Bedeutung wurde nun ein an der Universität Gießen aufbewahrter Papyrus mit der „Constitutio“ offiziell in das Weltdokumentenerbe der UNESCO aufgenommen. Am 13. Juni wird dies in einem Festakt feierlich besiegelt.

Das UNESCO-Programm „Memory of the World“ – Gedächtnis der Welt – ist für historische Dokumente das, was das Weltkulturerbe für archäologische und historische Stätten ist: In ihm werden herausragende Dokumente der Menschheitsgeschichte erfasst – Schriften, deren Inhalt einst die Geschichte veränderte oder eine entscheidende Rolle für die Entwicklung von Kulturen spielte. Ziel ist es, diese bedeutenden Zeugnisse in einem weltumspannenden digitalen Netzwerk vor dem Vergessen und Zerstörung zu bewahren, den Zugang zu gewährleisten und das Bewusstsein für ihre Bedeutung zu erhöhen. Seit der Gründung des Programms im Jahr 1992 wurden kontinuierlich mehr Dokumente aufgenommen, heute umfasst diese Liste des dokumentarischen Welterbes 427 Einträge.

Bürgerrechte für alle

Unter den jüngsten Zugängen im UNESCO-Dokumentenerbe ist die „Constitutio Antoniniana“. Diese Verordnung wurde im Jahr 212 vom römischen Kaiser Marcus Aurelius Severus Antoninus, genannt Caracalla, in Kraft gesetzt. Mit diesem Edikt verlieh der Kaiser allen freien Einwohnern des Römischen Reiches das römische Bürgerrecht – eine wichtige Neuerung. Denn zu dieser Zeit besaßen Menschen im römischen Reich je nach Status und Herkunft sehr unterschiedliche Rechte und Privilegien. Mit der Constitutio Antoniniana vollzog Caracalla einen wichtigen Schritt in Richtung auf eine Vereinheitlichung der rechtlichen Verhältnisse im römischen Reich. „Mit der ,Constitutio Antoniniana‘ wurde erstmalig in der Weltgeschichte in einem Gebiet, das viele Millionen Menschen unterschiedlichster kultureller Prägung auf drei Kontinenten (Europa, Afrika und Asien) umfasst, ein einheitlicher Bürgerstatus geschaffen“, erklärt Peter von Möllendorff von der Universität Gießen.

Der genaue Wortlaut dieses bedeutenden kaiserlichen Edikts ist jedoch heute nur auf einem einzigen Dokument erhalten – dem „Papyrus Gissensis 40“. Bei diesem handelt es sich um einen ägyptischen Papyrus aus dem Jahr 215, auf dem ein Schreiber die griechische Übersetzung des ursprünglich lateinischen Textes niedergeschrieben hatte. Seit 1930 wird dieser einzigartige Schatz als Leihgabe in der Papyrussammlung der Universitätsbibliothek Gießen aufbewahrt. Den Krieg überstanden die fragilen Papyri im Tresor der Dresdner Bank in Gießen, wo sie allerdings im Frühjahr 1945 durch einen Grundwasserschaden zum Teil stark beschädigt wurden. Erst im Laufe der letzten Jahrzehnte wurden die wertvollen Dokumente wider restauriert, digitalisiert und von Glas eingeschlossen gegen weitere Umwelteinflüsse geschützt.

Constitutio wird Welterbe

Ende Oktober 2017 fiel dann in Paris die langerwartete Entscheidung der UNESCO, die „Constitutio Antoniniana“ als Weltdokumentenerbe auszuzeichnen. Damit ist dieses wertvolle weltgeschichtliche Dokument nun auch offiziell als Welterbe deklariert. Am 13. Juni wird diese Entscheidung der UNESCO mit der Übergabe der Urkunde in einem Festakt an der Universität Gießen feierlich besiegelt. Aus diesem Anlass wird der fragile Papyrus zwei Tage lang, am Donnerstag, 14. Juni, und Freitag, 15. Juni 2018, für die Öffentlichkeit zu besichtigen sein.

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„Die Aufnahme der ,Constitutio Antoniniana‘ in das digitale Register ,Memory of the World‘ zeigt, dass wir es mit einem der weltweit bedeutendsten Zeitzeugnisse zu tun haben, das Aufschluss über das Rechtssystem und Rechtsverständnis früherer Kulturen gibt“, sagt der Präsident der Universität, Joybrato Mukherjee. „Die Entscheidung der UNESCO ist zugleich ein Beleg für den herausragenden Stellenwert der Gießener Papyrussammlung.“ Die Constitutio Antoniniana ist das erste in einer Reihe weltgeschichtlich zentraler Dokumente zu den Bürger- und Menschenrechten sowie zur Verfassungsgeschichte, dem etwa die Magna Charta (1215), die Goldenen Bulle Kaiser Karls IV. (1356) oder die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte durch die Französische Nationalversammlung (1789) folgten.

Quelle: Justus-Liebig-Universität Gießen

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