Das Geheimnis des begrabenen Tempels - wissenschaft.de
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Geschichte+Archäologie

Das Geheimnis des begrabenen Tempels

Archäologen holen einen 1500 Jahre alten Maya-Tempel ans Tageslicht. In Copan, dem Paris der Maya-Welt, wurde ein „Tempel im Tempel“ ausgegraben – und jetzt originalgetreu nachgebaut. Die Geschichte der Stadt vervollständigt sich.

Der Tunnel war eng und stickig, die Beleuchtung schlecht. Das Arbeiten war eine richtige Qual“, klagt Dr. Nikolai Grube noch in der Erinnerung. Doch das Ergebnis versöhnte den deutschen Maya-Experten: Zusammen mit der amerikanischen Hieroglyphen-Entzifferin Linda Schele konnte er unter der Akropolis der Maya-Königsstadt Copan einen Namen und ein Datum dingfest machen.

Der Burgberg von Copan ist durchlöchert wie ein Schweizer Käse. Seit über 100 Jahren wühlen sich Archäologen durch den Untergrund der einst mächtigen Maya-Zentrale im heutigen Honduras – für manchen Archäologen ein Greuel und ein gefährliches Opfer auf dem Altar der Wissenschaft.

Die Schächte und Tunnel, die nach Kilometern messen, sind die archäologische Zeitmaschine in die glanzvolle Periode der Maya-Hochkultur vor rund 1500 Jahren. Mit den Funden aus der Tiefe und der fortschreitenden Entzifferung der Hieroglyphen können die Forscher jetzt ein detailliertes Bild vom Aufstieg und Fall dieses mächtigen Maya-Staates zeichnen. Es steht beispielhaft für den abrupten Niedergang der Hochkultur in ganz Mesoamerika.

Anlaß für Grubes Qual und Freude war eine Treppenstufe. Auf ihr war eine stark verwitterte Hieroglyphen-Inschrift zum Vorschein gekommen. Das Besondere: Die Treppe gehörte zu einem Kultbau, der im massiven Inneren einer Tempelpyramide lag – wie die Puppe in der Puppe. Die Maya-Baumeister hatten den kleineren Tempel vor etwa 1300 Jahren sorgfältig mit Sand überschüttet und mit ihrer neuen Kultpyramide überbaut – von den Ärchäologen heute als „Tempel 16“ numeriert.

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Das „Beerdigen“ von älteren Kultbauten war nicht ungewöhnlich in Mayaland, alle Prunkbauten sind zwiebelartig geschichtet. Aber hier hatten die Neubau-Architekten penibel darauf geachtet, daß kein Stück des Vorgängertempels bei der Beerdigungs-Inszenierung beschädigt wurde.

Die moderne Premiere stieg 1992: Ricardo Agurcia, der honduranische Direktor des Copan-Projekts, hatte von einem Tunnel aus die innere Zwiebelschale von „Tempel 16“ ausdünnen lassen, so weit wie es die Statik gerade noch zuließ, und dadurch eine Höhle im Tempel geschaffen. „Man kommt aus einem niedrigen Tunnel heraus – und steht plötzlich vor einer riesigen Wand: zwölf Meter hoch, der Frontseite des alten Tempels, leuchtend blau, rot und ocker“, begeistert sich Grube.

Es war die oberste Tempelkammer und der Dachkamm des – von den Archäologen „Rosalila“ getauften – inneren Tempels, geschmückt mit der über zwei Meter großen Maske des obersten Vogelgottes und zahlreichen, bestens erhaltenen Ornamenten. Ein weiterer Tunnel, eine Etage tiefer, ergab ebenfalls noch 1992 den ungemütlichen Arbeitsplatz für das Epigraphiker-Duo Linda Schele und Nikolai Grube.

Dieser Schacht führte zum Sockel von „Rosalila“ und dort direkt auf die große Mitteltreppe. Eine Stufe trug den geheimnisvollen Hieroglyphen-Text. Die Archäologen konnten mit ihm nichts anfangen. Und auch die beiden Inschriften-Experten Schele und Grube „saßen tagelang davor. Es war so eng, daß immer nur einer vorne arbeiten konnte und die Ergebnisse dem Hintermann zurief, der sie dann im mitgeschleppten Computer umrechnete“, erinnert sich Grube.

In mühseliger Kleinarbeit zeichneten sie die schwachen Hieroglyphen-Linien unter verschiedenen Einfallswinkeln ihres Taschenlampenlichts, ordneten sie bekannten Zeichen zu und interpretierten die verschlungenen Gravuren. Das Ergebnis „war keine Eingebung, sondern zähes Rekonstruieren“. Die überraschende Erkenntnis: „Rosalila“ war von König „Mond-Jaguar“ im Jahr 557 n. Chr. eingeweiht worden. Die oft skurril anmutenden Maya-Namen sind von Archäologen geprägt worden, als man die Schrift noch nicht entziffern konnte.

Tzik Balam („Berühmter Jaguar“), so sein richtiger Name, hatte seinen reich geschmückten Tempel über einer weiteren Struktur – „Margarita“ genannt – erbaut, in der die Archäologen das Grab des Dynastiegründers erwarten. „Rosalila“ bekam, nicht zuletzt durch die mit 200 Jahren ungewöhnlich lange Nutzung als Kultbau, einen archäologischen Stellenwert, der eine weitere Pioniertat nach sich zog: Untergrundforscher Ricardo Agurcia legte „Rosalila“ innerhalb des Überbaus komplett frei; man kann heute wie in einer Höhle um den Tempel im Tempel herumgehen.

„Man“ heißt in diesem Fall: die Wissenschaftler. Doch auch Normalsterbliche können den Maya-Tempel aus der Tiefe bewundern: In diesem Heft (Bild oben) – und im neuen Museum von Copan. Dort ist er anhand von Originalabdrücken naturgetreu nachgebaut worden.

In der Tiefe von „Tempel 16“ haben sich die Archäologen indes weitergewühlt und im letzten Jahr den Sockel von „Rosalila“ freigelegt. Der Unterbau erwies sich dabei als größer als erwartet, auf ihm stehen zwei weitere kleinere Tempel. Die haben – und hier merken die Maya-Interpreten auf – schon keine Stuckornamente mehr, ihre Verzierungen sind bereits ganz in Stein gehauen. Die Herstellung von Stuck – die bei den Maya über Jahrhunderte exzessiv genutzte Plastiziermasse aus Gips, Kalk, Sand und Wasser – erfordert beim Kalkbrennen Unmengen von Holz.

„Die alten Maya haben schwer gefrevelt und im weiten Umkreis ihrer Zentren nahezu den gesamten Urwald dafür verfeuert“, moniert Grube. Wenn also kurz nach dem Bau von „Rosalila“ die Stuckornamente verschwinden, belegt das: „Bereits im 6. Jahrhundert n. Chr. waren die Wälder im Copan-Tal vernichtet. Ein früher, ökologischer Punkt des Niedergangs.“ Ein politischer Punkt des staatlichen Sterbens folgte 200 Jahre später: Man schrieb den 29. April 738 n. Chr., als das Unschickliche geschah:

Der Herrscher Butz‘ Tiliw von Quirigua hatte „18 Kaninchen“, den 13. Herrscher von Copan, gefangengenommen. Dieses im Mayaland der Spätklassik nicht ungewöhnliche Schicksal war das Ende einer 200jährigen Nachbarschaft. König „18 Kaninchen“ – im Original: Waxaklahun Ubah K’awil, die richtige Übersetzung kennt man noch nicht – wurde in einer aufwendigen Inszenierung eine Woche vor einer totalen Mondfinsternis von seinen Bezwingern geopfert. Mit „18 Kaninchen“ verlor Copan seinen kunstsinnigsten König, der einen ganzen Park überaus schöner Stelen und einen künstlerisch ambitionierten Tempel (Nr. 22) errichten ließ.

Bei den Besiegten wurde die Königsliste mit dem 14. Herrscher fortgeführt, die den Maya so wichtige Kontinuität in der Dynastie mühsam gekittet. Doch die alte Gottherrlichkeit der Monarchie war in Copan dahin. Peinlich war die Niederlage auch deshalb, weil sie der überragenden Metropole im südlichsten Mayaland von ihrem Vasallen Quirigua beigebracht wurde. Auswirkungen hatte dieser Krieg bis in die nördlichen Maya-Großmachtzentren, Tikal und Calakmul.

Die Geschichte hatte in familiärer Eintracht mit der Gründung der Copan-Königsdynastie 426 n. Ch. begonnen. Yax K‘ uk‘ Mo, vom Göttlichen König in Tikal ins Hunderte von Dschungelkilometern entfernte Copan-Tal geschickt, gründete dort mit der Errichtung eines Familienschreins und eines „familiären“ Götterbildes seine Dynastie. Drei Tage später, so entzifferten jetzt Schriftforscher eine weitere gemeißelte Nachricht, wiederholte Yax K‘ uk‘ Mo die Feier in Quirigua.

Copan – von den Archäologen als das „Paris der Maya“ bezeichnet, Tikal gilt als „New York“ – lag in einem seit Jahrhunderten von Maisbauern besiedelten fruchtbaren Flußtal. Die schnell ausufernde Königsstadt war ein Grenzposten zu den wirtschaftlich interessanten Völkern Zentralamerikas; wie Spuren von ausländischen „Gastarbeitern“ belegen.

Zudem kontrollierte die Stadt ein wichtiges Jade-Vorkommen im Motagua-Tal. Jade war den Maya wertvoller als Gold; sie haben es in mannigfachen Formen zu hinreißenden Masken und Schmuck verarbeitet. Noch direkter aber kontrollierte die Neugründung Quirigua diesen Habenposten machtpolitischer Geschäfte und wichtigen Fernhandelsweg zum Pazifik. Da half es Copan wenig, daß die Statthalter aus der eigenen Familie gewählt und über rund 300 Jahre stramm in einem Vasallenverhältnis gehalten wurden. Denn in Mayaland gab es noch eine übergeordnete Machtkonstellation, die das politische Leben bestimmte: Im Tiefland des heutigen Guatemala, dem Petén, hielten sich zwei Supermächte in Schach – Tikal und Calakmul.

Mit einer Schar von halbsouveränen „Brudervölkern“ tarierten die beiden das Gleichgewicht des Schreckens immer wieder aus, so daß es über rund 400 Jahre relativ ruhig blieb in Mayaland. Copan gehörte zur Gefolgschaft von Tikal. Folgerichtig wechselte Quirigua die Fronten, als es sich von Copan emanziperte, und suchte Absicherung beim großen Bruder in Calakmul. Quirigua strich seinen Sieg mit Stelen und Altären heraus. In Copan geriet nach der Niederlage alles eine Nummer kleiner. Der 15. König von Copan, Butz‘ Yip („Rauch ist seine Kraft“), protzte noch einmal mit dem Bau der „Hieroglyphentreppe“: Auf 56 Stufen wurde die gesamte Königsgeschichte Copans mit über 2000 einzelnen Hieroglyphenzeichen in Stein gehauen.

Doch schon der 16. Herrscher, Yax Pas, hatte erhebliche innenpolitische Schwierigkeiten: Die Zeit der Alleinherrschaft war in Copan offenbar vorbei. Nach dem Motto „geteilte Macht ist besser als gar keine Macht“, mußte Yax Pas seine Brüder und andere Adlige an den einst ausschließlich königlichen Privilegien teilhaben lassen. Zwar legte er noch einmal ein großes Bauprogramm auf, unter anderem ließ er den bombastischen „Tempel 11“ errichten, aber selbst Angehörige der Schreiberzunft durften eigene Stelen aufstellen.

Dies waren nicht mehr die Anzeichen einer Krise, sondern des galoppierenden Zerfalls. Die Bebauung des Flußtales mit Tempeln und Palästen hatte die Maisbauern mit ihren Feldern die schon lange entwaldeten Berghänge hinaufgetrieben. Die Erosion war nicht mehr aufzuhalten, die spezialisierte Landwirtschaft brach zusammen. Die stetig gewachsene Bevölkerung konnte nicht mehr ausreichend ernährt werden, zumal die Maßlosigkeit des ausufernden Adels sie schwer drückte. Schließlich zerbrach vermutlich auch die religiöse Übereinstimmung zwischen Volk und Herrscher.

Das Ende ist klar dokumentiert: Ein steinerner Yax Pas sitzt auf Altar L dem letzten Copan-Herrscher, U Kit Tok‘, gegenüber. Das Inthronisations-Monument trägt das Datum 6. Februar 822 n. Chr. Es ist das letzte Datum, das in Copan geschrieben wurde. Auf der Rückseite hat der Künstler begonnen, ein Relief einzuritzen – er hat es nie fertiggestellt.

„Das plötzliche Abbrechen“, diagnostiziert Nikolai Grube, „spricht gegen Epidemien, sondern eher für soziale Unruhe, vielleicht eine Revolution. Es muß etwas Schnelles, Gewaltsames gewesen sein, das die Königsdynastie von Copan zu einem Ende brachte.“

Neugierig versuchen die Forscher von heute, an die Geschichte anzuknüpfen. Das beginnt mit den banal erscheinenden Fragen: Wie taten die Maya das, was sie taten? Und – natürlich: Warum taten sie es? Unter „Rosalila“ zum Beispiel haben die archäologischen Maulwürfe inzwischen den allerersten Tempel Copans angegraben. Er enthält das Grab des Dynastiegründers Yax K‘ uk‘ Mo: Kein Archäologe hat es bislang betreten – es ist randvoll mit hochgiftigem Quecksilber.

So war die Nachrichtenlage bis vor wenigen Tagen. Jetzt erreicht uns die Meldung vom neuesten Stand: Die Forscher sind mit Schutzanzügen in die quecksilbergefüllte Gruft gestiegen. Und wieder ist alles ganz anders: Es ist darin kein Mann, sondern eine Frau beigesetzt. Die Archäologen spekulieren, daß sie die Gattin des Dynastiegründers ist, denn wiederum unter dieser Beisetzung stießen sie auf ein weiteres Grab. Sie haben es noch nicht geöffnet, aber Fotos durch einen Lehmmauerspalt zeigen ein „männliches“ Grab mit hochwertigen Beigaben – nun tatsächlich die letzte Ruhestätte des ersten Königs?

Michael Zick
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