Das große Beben - wissenschaft.de
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Geschichte+Archäologie

Das große Beben

Barbarische „Seevölker“ wurden lange Zeit für die Verwüstungen im östlichen Mittelmeerraum um 1200 v.Chr. verantwortlich gemacht. Jetzt wissen die Archäologen mehr – und sehen Parallelen zu heute.

Die ausgehende Bronzezeit muss ein Goldenes Zeitalter gewesen sein – eine Hochkonjunktur der Frühgeschichte. Die Mykener in Griechenland, die Hethiter in Anatolien, die Ägypter in Nordafrika waren die Säulen, auf denen viele kleinere Reiche ihren Wohlstand aufbauten. Es herrschte Globalisierung im 14. und 15. Jahrhundert v.Chr. Auf Fresken im nordägyptischen Avaris, heute Tell el-Dab’a, hinterließen Künstler aus Kreta ihre Handschrift. Siegel aus Mesopotamien und Vorratsgefäße aus Kanaan gelangten in die ägyptische Metropole, wo sie Archäologen gut drei Jahrtausende später aus der Erde schabten. Minoische Keramik tauchte in Ausgrabungen in Israel auf, in Jordanien, Zypern, Syrien und Ägypten. Schrifttafeln aus Mari, im heutigen Syrien, dokumentieren den Austausch von Ärzten, Handwerkern, Webern, Musikern und Sängern zwischen den damaligen Reichen. Korn, Wein, Gewürze, Holz, Textilien und Sklaven haben keine Spuren hinterlassen, waren aber vermutlich Verkaufsschlager dieser buch- stäblich goldenen Zeit.

Dann kam der Kollaps. Um 1200 v.Chr. verschwanden ganze Städte. In Anatolien gaben die Hethiter ihre Hauptstadt Hattuscha auf, das Großreich verlor seine Zentralgewalt und zerbrach. Etwa gleichzeitig versanken die hethitischen Städte Alaca Höyük, Masat Höyük, Mersin, Tarsus, Kayalipinar und Kusakli. Dasselbe geschah in Griechenland. Dort ging das mächtige Mykene ebenso unter wie Tyrins, Pylos, Theben, Katsingri, Korakou, Iria und Messenia. „ Überall hingen Rauchwolken in der Luft“, beschreibt der britische Ägyptologe Toby Wilkinson das Szenario. Andere Orte wurden verlassen, darunter Berbati, Zygouries, Gonia und Eutresis. Allerorten fanden Archäologen des 19. und 20. Jahrhunderts eindeutige Spuren in den Trümmern der alten Städte: zerstörte Mauern, Brandhorizonte, Pfeilspitzen und menschliche Knochen mit fatalen Brüchen. Die Indizien sprachen für die Wissenschaftler jener Tage eine klare Sprache: Hier war Gewalt am Werk gewesen. Doch die Frage war: Von wem ging sie aus?

Auf der Suche nach den Schuldigen fanden Ägyptologen einen Hinweis im Totentempel Ramses III. von Medinet Habu im oberägyptischen Theben. Dort hatte der Pharao eine Wand mit einem Relief schmücken lassen, das ihn als Verteidiger Ägyptens zeigt. Es ist das achte Jahr seiner Regierung, vermutlich 1177 v.Chr. Ramses, überlebensgroß mit Pfeil und Bogen dargestellt, wehrt den Angriff einer chaotischen Horde ab. Im dazugehörigen Hieroglyphentext werden die Aggressoren als Konföderation von sechs Stämmen bezeichnet. Die Fremdländer kämpfen auf Schiffen, was ihnen bei modernen Historikern den Namen „Seevölker“ eingetragen hat. Sie selbst hinterließen keine Spuren, und ihre Herkunft bleibt Spekulation.

Apokalyptisches Szenario

„Wir wissen weder, woher sie kamen, noch wohin sie gingen. Sie sind ein Mysterium“, sagt Eric H. Cline. Zwar glaubt der Archäologe aus Washington D.C. an die Existenz der Seevölker. Die alleinige Schuld am Zusammenbruch der bronzezeitlichen Hochkulturen schiebt er ihnen jedoch nicht in die Sandalen. Stattdessen verweist Cline auf die Forschungsergebnisse vieler Kollegen aus den vergangenen 15 Jahren und fügt daraus ein apokalyptisches Szenario zusammen. Demnach fegte keine Barbarenhorde die Zivilisation vom Tisch, sondern Erdbeben, Klimawandel, Revolten, Migrationsströme und das Versagen einer privatisierten und globalisierten Wirtschaft. Cline betont: „Der Vergleich mit heutigen Zuständen drängt sich auf.“

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Alles geschah recht schnell. Wie jüngste Datierungen nahelegen, genügten rund 50 Jahre zwischen etwa 1230 und 1170 v.Chr., um das Goldene Zeitalter in eine Krise zu stürzen. Erdbeben erschüttern noch heute die Ägäis und den östlichen Mittelmeerraum, zuletzt im Mai 2014 in Griechenland und der Türkei. Gleich drei tektonische Platten treffen in der Region aufeinander: die eurasische, die afrikanische und die arabische. Entlang der Risse kommt es zu Erdstößen – und zwar mindestens seit Menschengedenken. Eines dieser Beben hat der bronzezeitlichen Stadt Lachisch, südwestlich von Jerusalem, seinen Stempel aufgedrückt. Dort fand der israelische Archäologe David Ussishkin 2004 die Skelette von vier Menschen in einem Gebäude der späten Bronzezeit. „Sie versuchten wohl zu entkommen, als sie von herunterfallendem Gestein zerschmettert wurden“, deutet Ussishkin den Fund. Er hält ein Erdbeben für die Ursache der Tragödie, denn in der Zerstörungsschicht sind keine Waffen, nicht einmal Pfeilspitzen zu finden. Weitere Indizien für Erdbebenschäden sind verrückte Wände und nach außen gestürzte Wehrmauern. Beim Ansturm eines feindlichen Heeres wären die Steine nach innen gefallen.

Schon ein einziges Beben kann verheerende Schäden anrichten, doch das, was sich zwischen 1230 und 1170 v.Chr. in der Region ereignete, muss eine beispiellose Serie von Katastrophen gewesen sein. In dieser Zeit wurden die Ägäis und der östliche Mittelmeerraum von immer neuen Erschütterungen verwüstet. „Die seismischen Spalten öffneten sich Stück für Stück wie Reißverschlüsse“, erklärt Cline. „Erdbebensturm“ nennt die jüngere Forschung dieses Phänomen, dem große und kleine Reiche zum Opfer fielen, darunter Midea, Tiryns, Theben und Pylos in Griechenland, Hattuscha in Anatolien, Ugarit, Megiddo und Akko in der Levante sowie Enkomi auf Zypern.

Einige Städte boten den Naturgewalten die Stirn. Mykene, tonangebende Macht in der Ägäis, wurde bereits um 1250 v.Chr. von einem starken Erdbeben durchgerüttelt, verkraftete die Katastrophe jedoch und kam glimpflich davon. Viele Mauern der Burg zeigen Flickwerk, doch das Leben über der Ebene von Argos ging zunächst weiter. Etwas hatte sich allerdings verändert. Beim Wiederaufbau erhielt die Stadt stärkere Befestigungsanlagen als jemals zuvor. Aufschlussreich ist ein neu angelegter Tunnel, der auf unterirdischem Weg zu einer Wasserquelle führt – die Mykener rechneten mit Belagerungen. „Es gibt Hinweise darauf, dass ihre wirtschaftliche Macht bröckelte“, erklärt Oliver Dickinson. Der Archäologe an der britischen Universität Durham erkennt in den ausgebesserten Mauern „gefährliche Spannungen in einer Periode wirtschaftlichen Niedergangs“. Der Geheimgang zum Wasserreservoir war Mykenes Tunnel am Ende des Lichts.

Rechneten die Mykener mit Angriffen, weil sie durch das Erdbeben geschwächt waren? Offenbar waren sie zu Recht besorgt: Mykene ging um 1190 v.Chr. unter. In den Fundschichten dieser Zeit haben Brände ihre Spuren hinterlassen. Ob ein weiteres Erdbeben, eine Revolte oder der Angriff eines Feindes das Ende brachten, ist nicht geklärt. Fest steht, dass das einst mächtige Reich schon wankte, als es den Todesstoß erhielt.

Im Sog von Unruhen und Revolten

Als eine der Ursachen nennen Forscher meist das Ende der sogenannten Palast-Eliten. Über Hazor, eine Metropole in Kanaan nördlich des Sees Genezareth, bricht die Katastrophe im Jahr 1230 v.Chr. herein. Aber in den Fundschichten gibt es weder Spuren eines Erdbebens noch solche einer Invasion. Sharon Zuckermann von der Universität Jerusalem hat dafür eine Erklärung: „Interne Konflikte, die sich letztlich auch auf die großen politischen und religiösen Zentren der Stadt-Elite entluden, stellen die plausibelste Erklärung dafür dar, warum Hazor zerstört und aufgegeben wurde.“

Nicht alle Städte teilten das Schicksal Hazors. In vielen Metropolen des ausgehenden 13. Jahrhunderts v.Chr. lagen zwar die herausragenden Gebäude in Schutt und Asche, aber die benachbarten Wohnviertel blieben intakt. Archäologen lesen daraus: Zwar mussten die zentralen Herrscher den Hut nehmen, ihre Luxushäuser wurden niedergebrannt und abgerissen. Aber das Leben ging auch ohne sie weiter. „Die Palastkultur wurde einfach ausgelöscht“, sagt Susan Sherratt, Spezialistin für die Archäologie des östlichen Mittelmeerraums an der Universität Sheffield. Sie verweist auf jene Städte, in denen niemals Paläste standen, die aber gegen Ende des 13. Jahrhunderts v.Chr. aufblühten. Sherratt: „Entlang der Handelsrouten an den Küsten entstanden wie von selbst Städte wie Nadelpunkte, zum Beispiel auf Zypern. Paläste, die nicht an diesen Punkten, sondern mehr im Inland lagen, wurden schlichtweg unbedeutend.“

Wirtschaftsbosse traten an die Stelle von Regenten. „Handel wurde mehr und mehr Grundlage der politischen Macht“, meint auch Eric Cline. Archäologische Funde zu Land und unter Wasser legen nahe: Wo zuvor prall beladene Schiffe im Auftrag von Königen und Pharaonen das Meer von Kreta nach Ägypten, von Ugarit nach The- ben kreuzten, schipperten gegen Ende des 13. Jahrhun- derts v.Chr. Kleinunternehmer auf eigene Rechnung Kurzstrecken ab. Die Mittelmeerwelt probte die Privatisierung.

Zwei Schiffswracks gelten als Zeugen für den Wandel zur „New Economy“. Bis zum Rand beladen mit Handelsgütern erlitten beide Frachter Schiffbruch. Das Wrack von Uluburun vor der Südwestküste der Türkei sank um 1300 v.Chr. – zu einer Zeit, als die Palastkultur noch in voller Blüte stand. Im Laderaum des Wracks lagen Waren, die das Schiff unterwegs aufgenommen hatte. Demnach war der Kapitän im östlichen Ägypten oder in Kanaan gestartet, hatte Ugarit im heutigen nördlichen Syrien angesteuert, war in einem Hafen auf Zypern eingelaufen und anschließend der Küste Anatoliens gefolgt, wo das Schiff aus unbekannten Gründen sank. Die Überreste lassen darauf schließen, dass zwei Mykener an Bord waren, das Schiff selbst aber aus Kanaan stammte. Cline: „Dieses Schiff gehörte nicht zu einer Welt isolierter Zivilisationen und Königreiche, sondern zu einer Welt des Handels, der Migration, der Diplomatie und des Krieges. Es war das erste Zeitalter der Globalisierung.“

Von den Schiffen, die man aus der Bronzezeit kennt, war das von Uluburun das größte und am reichsten beladene. Vor allem die großen Mengen an Zinn und Kupfer sprechen für die Herkunft des Frachters. Denn die Legierung beider Metalle ergibt Bronze. „Das war genug Rohmaterial, um ein Heer von 300 Mann mit Bronzeschwertern, Schilden, Helmen und Brustpanzern auszurüsten“, schätzt Eric Cline. Ganz klar: „Als das Schiff sank, hat jemand ein Vermögen verloren.“ Dieser jemand, und darauf lassen auch die vielen Luxusgüter an Bord schließen, raufte sich vermutlich in einem der zu dieser Zeit noch existierenden Paläste die Haare.

Zeugen des Umschwungs

Bald darauf wurde alles anders. „Der Handel ging weiter, veränderte aber seinen Charakter“, meint Susan Sherratt. Das belegt ein Blick in das Schiffswrack vom Kap Gelidonya. Der kleine Frachter sank in der Nähe des Uluburun-Schiffes, allerdings 100 Jahre später. Er war ungefähr fünf Meter kürzer als sein Vorgänger. Im Laderaum entdeckten die Ausgräber Scherben von ägäischer Keramik, geringe Mengen an Zinn und Kupfer und bezeichnenderweise keinerlei Luxusgüter. Stattdessen transportierte das Schiff Handwerksgerät. „Kleine Kaufleute waren darin unterwegs, unabhängig von den Palästen. Es gab sie schon zuvor, aber jetzt konnten sie auf eigene Faust mit Bronze handeln“ , kommentiert Sherratt die Funde.

Der Umschwung war folgenreich. Ohne den von der Aristokratie gesteuerten Fernhandel versiegte der Fluss vieler Waren. Für einige Städte war das eine Katastrophe. Das zeigt ein Text aus Hattuscha, der Hauptstadt der Hethiter in Anatolien: In einem Bündnisvertrag fordern die Hethiter von ihren Partnern, dass sie „ keine Schiffe der Ahhiyawa empfangen“ dürften. Hinter den Ahhiyawa verbergen sich die Mykener, damals noch groß im Geschäft. Der Text gilt heute als das weltweit älteste Dokument eines Wirtschaftsembargos. Schon damals zielten Sanktionen auf dasselbe ab wie heute: Der Fernhandel war für die Reiche so wichtig, dass seine Kontrolle einen Gegner schwächen oder sogar in die Knie zwingen konnte. Was geschah, als das Fernhandelssystem zugunsten von Privatiers zusammenbrach, lässt sich kaum ermessen. Christopher Monroe von der Cornell-Universität im US-Bundesstaat New York ist überzeugt: „ Die Städte und Stadtstaaten, die am meisten vom Fernhandel abhingen, haben auch am meisten zu der Instabilität dieser Zeit beigetragen.“

Das war der Beginn einer buchstäblich heißen Phase. Dürren verwüsteten die Ägäis, Anatolien und die Levante. Sie hinterließen deutliche Spuren, zum Beispiel im Voulkaria-See auf dem griechischen Festland. In den Bodensedimenten der späten Bronzezeit fanden Archäologen Pollenkörner, aus deren Kohlenstoff-Isotopen die Wissenschaftler ablesen konnten, dass sich die Pflanzen an ein trockeneres Klima angepasst hatten. In den Forschern keimte der Verdacht: Neben vielen Veränderungen und Krisen mussten die Menschen der Bronzezeit auch noch mit einem Klimawandel fertig werden.

Belege dafür lieferten auch Bohrkerne aus Meeresbodensedimenten. An den Proben ist zu erkennen, dass sich das Meer allmählich abgekühlt hatte. Da kühles Wasser langsamer verdunstet, gelangte weniger Feuchtigkeit in den Wasserkreislauf der Region. Die Folge: Der Regen blieb aus. Anthropologen von der Universität New Mexiko datieren diese Veränderungen auf die Zeit zwischen 1250 und 1197 v.Chr. Damit rastet der Klimawandel in die kritische Phase des bronzezeitlichen Kollapses ein.

Hilferufe schallten über das Mittelmeer. In den Ruinen Ugarits an der Ostmittelmeerküste blieb eine Tontafel mit folgendem Text erhalten: „Wir alle sterben an Hunger. Wenn du nicht schnell kommst, werden auch wir verhungern und du wirst keine lebende Seele mehr vorfinden.“ Adressat des Notappells war der Vasallenfürst von Ugarit. Absender war sein Lehnsherr, der Hetitherkönig. Eine ähnliche Tafel fand sich auch in Hattuscha: „ Weißt du denn nicht, dass es eine Hungersnot in meinem Land gab?“ In einer Inschrift um 1200 v.Chr. rühmt sich der ägyptische Pharao Merenptah, „Korn in Schiffe verladen zu haben, um das Land Hatti am Leben zu erhalten“.

Auch Ugarit sandte Korn an die Hethiter, die in einem weiteren Text von einer Sache „auf Leben und Tod“ sprechen. Ob das Getreide je ankam, ist zu bezweifeln. „Hunderte Kilometer durch das anatolische Hochland per Karawane zurückzulegen, ist völlig undenkbar. Es ist viel zu gebirgig“, wendet Andreas Schachner ein. Der Archäologe erforscht seit 2006 die Hethiterhauptstadt Hattuscha.

Humanitäre Hilfe für Notleidende

Die Schlussfolgerung liegt nahe, dass der Klimawandel zu Missernten führte. Aber die alleinige Schuld am Untergang der Kulturen mag niemand dem Klima geben. Guy Middleton von der Universität Tokio erklärt: „Hungersnöte entstehen dort, wo es eine dichte Bevölkerung gibt. Dafür haben wir aber nirgendwo Hinweise.“ Zudem glaubt der Archäologe, dass „landwirtschaftlich orientierte Gesellschaften Strategien kannten, um mit Dürreperioden fertig zu werden“. Die Hilferufe aber gab es. Sie zeigen vor allem eines: Die Zivilisationen der damaligen Zeit kannten nicht nur Krieg, Handel und Eroberung, sondern auch humanitäre Hilfe für Reiche in Not.

Der österreichische Ägyptologe Manfred Bietak blickt über den Tellerrand der Ägäis hinaus: „Der Klimawandel war ein Phänomen, das nicht auf den Vorderen Orient und das Mittelmeer beschränkt war. Der Palermo-Stein dokumentiert schon für die Zeit vor 2300 v.Chr., dass der Pegel der Nilschwemme immer mehr sank.“ Die frühägyptischen Annalen des Palermo-Steins listen Herrscher, Schlachten, religiöse Feste und den Nilstand auf. Die Höhe des Nilhochwassers hängt von der Stärke des Monsuns ab, der wiederum vom Klima in der Himalaya-Region beeinflusst wird. „Das Phänomen Klimawandel war also noch viel globaler. Darauf deuten auch die Wanderungen während der Urnenfelder-Zeit in Mitteleuropa und Veränderungen in Spanien und Italien hin“, so Bietak. „So breitete sich um 1200 v.Chr. ein Problem aus, das den Zusammenbruch sehr vieler Systeme hervorbrachte.“

Kein Entkommen vor dem Klima

Die Welt der späten Bronzezeit war schon immer in Bewegung, aber jetzt geriet sie ins Schleudern. Naturkatastrophen, Klimawandel und Wirtschaftskrisen „riefen sozioökonomische Krisen hervor und lösten regionale Migration aus oder beschleunigten sie“ , beurteilt David Kaniewski von der Universität Toulouse die damalige Situation. Der Geowissenschaftler hat die Klimaveränderungen im östlichen Mittelmeerraum untersucht. Zeugen einer Migration fanden sich in harmloser Form in Mykene. Dort verschwand ein Großteil der Bevölkerung aus der ehemaligen Metropole, tauchte aber andernorts in der Region wieder auf. Die Mykener siedelten da, wo es sich besser leben ließ. Aber das funktionierte nicht immer.

Nicht viel anders scheint es den Hethitern in Anatolien ergangen zu sein. Auch dort trieb eine Verkettung verhängnisvoller Umstände das Großreich in den Kollaps. Missernten setzten die Herrscher wirtschaftlich unter Druck, Unruhen und Thronstreitigkeiten brachten das Reich in seinem Innersten zum Wanken. Darauf deuten die Textquellen hin. „Alles spricht für eine schleichende Auflösung des hethitischen Wirtschafts- und Sozialgefüges – verursacht durch verschiedene Faktoren“, erklärt Andreas Schachner vom Deutschen Archäologischen Institut in Istanbul. Wie seine Grabungen in Hattuscha ergaben, hatten nicht Feinde die Stadt überrannt, da die wenigen zerstörten Bauten bereits leer standen, als sie niederbrannten. „Sondern die missliche Lage zwang die Hethiter, ihre Stadt zu verlassen.“ Zudem ging durch den Angriff der Seevölker Ugarit verloren, ein wichtiger Vasall und Handelspartner in der Levante.

Die gefürchteten Seevölker könnten ebenfalls Opfer einer Wirtschaftskrise oder des Klimawandels geworden sein und sich auf die Suche nach einer neuen Heimat gemacht haben. Das Schlachtenbild in Medinet Habu enthält entsprechende Hinweise. Denn neben Kriegern, die miteinander ringen, sterben oder in Fesseln abgeführt werden, zeigt das Relief auch Frauen und Kinder in der Tracht der Invasoren. Assaf Yasur-Landau von der Universität Haifa deutet diese Darstellung so: „Eine ganzes Volk von Fami-lien zog durch die Welt und suchte ein neues Zuhause.“ Andere Forscher sprechen deshalb nicht von Invasoren, sondern von Seenomaden. Eric Cline vermutet: „Sie könnten beim Zivilisationszusammenbruch Aggressoren und Opfer zugleich gewesen sein.“

Vergleiche mit der Gegenwart drängen sich auf. Aber kann der Bogen über einen zeitlichen Abgrund von 3200 Jahren überhaupt geschlagen werden? Manfred Bietak ist davon überzeugt: „Es gibt Parallelen zu moderner Migration, zum Beispiel aus der Sahelzone. Auch die Bootsflüchtlinge, die auf Lampedusa und Sizilien landen, sind Teil einer ähnlichen Migration, diesmal aber nicht auf Nordafrika zu, sondern von dort in Richtung Europa. Die Ursachen sind ähnlich.“ Susan Sherratt verweist auf die wirtschaftlichen Parallelen beim Zusammenbruch der Sowjetunion: „Dabei haben die Menschen alles verkauft, was sie in die Finger bekamen: Uniformen, Panzer, Raketen. Ich glaube, in der Bronzezeit ist etwas Ähnliches geschehen. Für manche war es eine Zeit günstiger Gelegenheiten, für viele aber wohl eher eine Zeit des Elends.“

Dank der Forschung der vergangenen zehn Jahre sind die wichtigsten Ursachen für den Kollaps der Kulturen bekannt. Offen ist nach wie vor die Frage nach dem Zusammenspiel dieser Faktoren. „Man kann nicht einfach aus Dürren und Hungersnöten auf den Zusammenbruch einer Zivilisation schließen. Man muss die Schritte dazwischen kennen“, lenkt Susan Sherratt ein. Auch Eric Cline warnt davor, voreilige Schlüsse zu ziehen: „Zu behaupten, eine Dürre habe eine Hungersnot verursacht, in deren Folge die Seevölker ihre Heimatländer verließen und Chaos verbreiteten, das zum Kollaps der Hochkulturen führte, ist schlicht zu kurz gefasst. Die Reihenfolge der Ereignisse war nicht linear, sondern sie griffen ineinander – es war ein großes Durcheinander.“

Von einem ist Cline überzeugt: „Die Kulturen des Nahen Ostens, Ägyptens und Griechenlands scheinen so stark voneinander abhängig gewesen zu sein, dass der Untergang der einen auch die anderen erfasste.“ In einer globalisierten Welt wirkt sich der Zusammenbruch eines Staats ungemindert auf die Wirtschaft der abhängigen Handelspartner aus – auch wenn sie Tausende von Meilen entfernt liegen. Solche Systeme, schließt Eric Cline, seien so instabil, dass manchmal nur wenige Menschen genügen, um das Kartenhaus zum Einsturz zu bringen. „Die schöne Helena löste der Legende nach einen zehnjährigen Krieg um Troja aus“, sagt Cline, „ und der Tod von Erzherzog Franz Ferdinand den Ersten Weltkrieg. Wer weiß, was am Ende der Bronzezeit wirklich passiert ist?“

Sind derlei Ereignisse vorhersehbar? Kann die Krise der damaligen Welt darauf hindeuten, was den Menschen der Gegenwart blüht? Cline schüttelt den Kopf und verweist auf ein Zitat des Physikers Neil Johnson: „In einer überfüllten Bar alle Gäste zu kennen, genügt nicht, um eine Kneipenschlägerei vorauszusagen.“ •

DIRK HUSEMANN könnte sich gut vorstellen, dass das Schlachtenbild von Medinet Habu nicht den Angriff der Seevölker darstellt, sondern eine Konferenz von Geschichtsschreibern.

von Dirk Husemann

Gut zu wissen: Die Seevölker

Pfeile schwirren von Schiff zu Schiff, Speere bohren sich in die Körper der Krieger, im Wasser treiben die Leichen der Gefallenen. Nach dem Bericht und den Bildern zu urteilen, die Ramses III. an seinem Totentempel in Medinet Habu anbringen ließ, entledigte sich der Pharao in einer schweren Schlacht seiner Feinde – einer wilden Barbarenhorde, die mit Kind und Kegel Ägypten überfiel. Die Invasoren gingen als „Seevölker“ in die Geschichtsbücher ein, allerdings haben nicht die Ägypter diesen Begriff geschaffen, sondern neuzeitliche Historiker. In seinem Schlachtenprotokoll erwähnt Ramses fünf Volksgruppen: Peleset, Tjeker, Schekelesch, Danuna und Weschesch.

Lange Zeit galten sie auch als Urheber des Zusammenbruchs um 1200 v.Chr. Doch Herkunft und Identität der Seevölker sind unter Forschern umstritten und ihre Rolle als Vertilger der Zivilisation ebenso. Historiker werten den Seevölkersturm heute in vielerlei Hinsicht als geschichtswissenschaftliches Konstrukt, genährt von den Ideen des frühen 20. Jahrhunderts, etwa gewaltsamer Expansion und Kolonialismus.

Die Seevölker selbst hinterließen keinerlei Zeugnisse. Einzig die ägyptische Inschrift am Totentempel von Medinet Habu nennt die Eindringlinge sowie vereinzelte Quellen aus der Regierungszeit von Merenptah, dem Sohn Ramses II. Schon um 1207 v.Chr. waren offenbar Gruppen „aus Ländern des Meeres“ gekommen. Von den Volksnamen haben Forscher nur die Peleset recht sicher als Philister identifiziert, alle anderen Namen sind Mutmaßungen. Die Schekelesch etwa werden mit Sardinien oder Sizilien in Verbindung gebracht. Aber es ist fraglich, ob sie aus dem Westen kamen oder dorthin gingen und dem Ort ihren Namen verliehen.

Kompakt

· Im 14. und 15. Jahrhundert v.Chr. herrschte eine goldene Zeit der Globalisierung – danach brach alles zusammen.

· Klimawandel, Erdbeben, Revolten und Migrationsströme stürzten die Gesellschaft ins politische und wirtschaftliche Chaos.

· Die berüchtigten „Seevölker“ waren vielleicht Aggressoren und Opfer zugleich.

Ein Erdbebensturm fegte übers Mittelmeer

In den Jahrzehnten um 1200 v.Chr. erfasste eine Serie von Beben die Levante, Anatolien und den Ägäisraum. Die Erschütterungen entluden sich vor allem entlang der Plattengrenzen und sorgten für den Anfang vom Ende der globalisierten Welt der späten Bronzezeit. Noch heute sind viele Orte in dieser Region in ständiger Gefahr, von Beben und sogar von Tsunamis getroffen zu werden.

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♦ Elek|tro|che|mie  〈[–çe–] f. 19; unz.〉 Teil der physikalischen Chemie, der sich mit den Zusammenhängen u. Wechselwirkungen zw. chemischen u. elektrischen Erscheinungen befasst

♦ Die Buchstabenfolge elek|tr… kann in Fremdwörtern auch elekt|r… getrennt werden.

Ar|chi|trav  auch:  Ar|chit|rav  〈[–çitraf] m. 1; antike Baukunst〉 auf Säulen ruhender, den Oberbau tragender Querbalken; ... mehr

Kunst|his|to|rie  〈[–ri] f. 19; unz.; selten〉 = Kunstgeschichte (1)

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