das grosse sterben - wissenschaft.de
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Geschichte+Archäologie

das grosse sterben

Gegen Ende der Eiszeit sind Dutzende von Tierarten ausgestorben – auch das Wollhaar-Mammut. Waren sie die Opfer rücksichtsloser altsteinzeitlicher Jäger?

„VOR UNGEFÄHR ZEHN Jahren habe ich einen Dokumentarfilm gesehen“, verriet Roland Emmerich im Mai 2007 der Tageszeitung „ Die Welt“. „Es ging darum, wie die Jäger das Mammut ausgerottet haben. Da habe ich gedacht: Da muss ich etwas machen“, wird der Regisseur und Mit-Drehbuchautor des neuen Kinofilms „10 000 BC“ weiter zitiert. Sage noch einer, der Spielfilm sei heutzutage keine moralische Institution mehr. Aber Dokumentarfilme dokumentieren anscheinend manchmal ganz schön falsch – zumindest der von Emmerich gesehene. Denn dass die Mammuts und all die anderen eiszeitlichen Großsäuger von Steinzeitmenschen ausgerottet worden seien, ist eine heute unglaubwürdige Hypothese aus den Sechzigerjahren.

Der US-Archäologe Paul Martin ist der Urheber dieser „Overkill Hypothesis“. Sie besagt: Als gegen Ende der Eiszeit vor zirka 13 000 Jahren ein eisfreier Korridor im nordamerikanischen Gletscherpanzer entstanden war, wanderten steinzeitliche Jäger und Sammler aus Sibirien in das damals noch menschenleere Nord- und Südamerika ein. Diese Vorfahren der indianischen Völker („ Paläo-Indianer“) trafen auf eine Fauna aus Großsäugern, die keine Zeit bekam, ihr Verhalten auf die Jäger einzustellen. In einer wahren Schlacht-Orgie hätten die Einwanderer die Mastodonten, Wollhaar-Mammuts, Riesenfaultiere, Säbelzahntiger und all die anderen großen Fleischlieferanten niedergemacht. Die Datierung der Tierknochenfunde, so die Overkill-Hypothese weiter, dokumentiere das: Denn just vor rund 13 000 Jahren seien diese amerikanischen Großsäuger ausgestorben – das könne doch kein Zufall sein.

kein genereller overkill

„Es ist wirklich schade“, rief kürzlich der US-Archäologe David Meltzer von der Southern Methodist University in Dallas auf einer Tagung ins Publikum, „es passt zeitlich so wundervoll zusammen. Aber die Overkill-Hypothese ist trotzdem nicht mehr zu halten.“ Erstens ist, wie neue Datierungen zeigen, ein Teil der amerikanischen Eiszeitriesen bereits vor dem Eintreffen der Einwanderer in ihrem Lebensraum ausgestorben. Zweitens hat Meltzer in den Vereinigten Staaten zahlreiche Fundstellen von Großsäugerknochen genau untersucht. Er bekräftigt, die Paläo-Indianer hätten durchaus einzelne dieser Riesen gejagt, wie zurückgelassenes Feuersteingerät zeige. Doch an den meisten Fundstellen fehle jeder Hinweis auf menschliche Aktivität. „Diese Leute haben keineswegs systematisch Großwild getötet und es auch gewiss nicht ausgerottet“, betont der Archäologe.

Die Menschheit habe in punkto Umweltsünden wahrlich genug Dreck am Stecken, aber „dies ist ein Fall, in dem der Mensch nicht verantwortlich ist“. Was also hat die Tiere tatsächlich verschwinden lassen? Derzeit ist die „Hyperdisease Hypothesis“ die Favoritin. Die Paläo-Indianer hätten eine „Hyperkrankheit“ nach Amerika eingeschleppt, postuliert Ross MacPhee vom American Museum of Natural History in New York. Damit meint er einen in der Neuen Welt bis dahin unbekannten Erreger, der für die Einwanderer selbst ungefährlich gewesen sei, aber gegen den die Immunsysteme der amerikanischen Großsäuger wehrlos waren. Neue Epidemien können sich tatsächlich schneller ausbreiten als ihre ursprünglichen Träger, indem sie auf tierische Zwischenwirte wie Nager oder Vögel überspringen – das würde erklären, warum einige amerikanische Großsäugerarten bereits ausgestorben waren, bevor die Menschen auf ihrem langen Weg nach Süden ihre Region erreichten. Für ein solches Szenario gibt es etliche Parallelen aus der jüngeren Geschichte.

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war der klimawandel schuld?

So haben die spanischen Konquistadoren des 15. Jahrhunderts die Erreger von Masern und Pocken aus Europa nach Amerika eingeschleppt. Nicht stählerne Schwerter waren die effektivsten Waffen der Invasoren, sondern ihre Krankheiten, die die indianische Bevölkerung rasch drastisch dezimierten. In gleicher Weise, vermutet MacPhee, könnten auch die Wollhaar-Mammuts in Nordamerika einem von den Einwanderern mitgebrachten Erreger zum Opfer gefallen sein. Was diese Hypothese allerdings offen lässt: Wie beziehungsweise woran sind in Europa und Asien die Eiszeitriesen ausgestorben, dem Herkunftskontinent der vermuteten Seuche? Hier müsste die Tierwelt doch an das bestehende Erregerspektrum angepasst gewesen sein.

Natürlich gibt es seit Langem auch die Klima-Hypothese: Demnach waren das Mammut und seine Zeitgenossen Opfer des Klimawandels. Gleichzeitig mit dem Abebben der letzten Kältephase der Eiszeit vor 12 000 bis 13 000 Jahren verschwand die bis dahin in Nordamerika und im nördlichen Eurasien typische Vegetation der trocken-kalten, offenen Steppenlandschaft („Mammutsteppe“) – und mit ihr ein Großteil der für sie typischen Tierwelt, die in und von ihr lebte. Doch die Klima-Hypothese hat einen unübersehbaren Makel: Während der letzten Eiszeit gab es immer wieder abrupte Wechsel zwischen Kalt- und Warmzeiten (siehe „Gut zu wissen: Eiszeit“), die Verschiebungen der Vegetationszonen auslösten.

Schon vor etwa 6,7 Millionen Jahren hat sich in Afrika die Gattung der Mammuts entwickelt. Sie breitete sich vor 4 Millionen Jahren erfolgreich nach Eurasien und Amerika aus und hat jeden der dann folgenden eiszeitlichen Klimawechsel überlebt. Warum nicht auch den letzten? Hier gehen den Befürwortern der Klima-Hypothese die Argumente aus, und Ross MacPhee kann mit seiner Idee der Hyperkrankheit auftrumpfen. Die Steinzeitmenschen jedenfalls, die – in Kleingruppen weit über das Land verstreut – selber um ihr Überleben rangen, kommen nach dem Stand des Wissens als Ausrotter des Mammuts und auch der anderen Großsäuger jener Epoche nicht infrage.

ausrottungs-kandidat höhlenbär

Mit einer möglichen Ausnahme allerdings, wie es sich für jede Regel gehört: der Höhlenbär. Dieses bis zu 3,5 Meter lange und 1,7 Meter hohe Tier – größer als ein Grizzly, aber ein Pflanzenfresser – war keineswegs ein reiner Höhlenbewohner, wie der historische Name suggeriert. Es hielt lediglich seinen mehrmonatigen Winterschlaf in Höhlen, und trächtige Bärinnen brachten dort während der Winterruhe ihre Jungen zur Welt. Der Höhlenbär ist eines der zentralen Forschungsthemen der Archäozoologin Susanne Münzel am Institut für Ur- und Frühgeschichte der Universität Tübingen. Sie hat akribisch das Knochen-Inventar aus den Sedimenten der Geißenklösterle- und der Hohle-Fels-Höhle untersucht.

Beide Höhlen liegen im Ach-Tal am Südrand der Schwäbischen Alb, unweit von Ulm. Dicke Schichten aus Knochenasche in den Sedimenten beweisen: Hier qualmten in der Zeit der Gravettien-Kultur – vor 26 000 bis 30 000 Jahren – in vielen Wintern von Tierknochen gespeiste Feuer, an denen sicher getratscht und ganz offenkundig geschmaust wurde, wie die zurückgelassenen Knochen verraten. Münzel fand unter anderem Zähne und Knochen von Mammutkälbern (siehe „Lehm statt Mut“ vor diesem Beitrag) und Pferde-Föten – Belege für ein saisonales Muster der Jagd: Im Dezember/Januar stellten die Gravettien-Leute in den Galeriewäldern des Flüsschens Ach erfolgreich den trächtigen Wildpferdstuten nach, die infolge ihrer körperlichen Fülle nicht flink genug flüchten konnten. Im Frühsommer, etwa von Mai bis Juni, hatten sie es auf die dann ein bis zwei Monate alten Mammut-Babys abgesehen.

nur während sie schliefen

Aber auch in der Zeit zwischen Pferde- und Mammutsaison hatten die Jäger nicht vor, zu darben: Da stand der Höhlenbär auf dem Speiseplan. Dass er wirklich gejagt wurde, beweist ein Wirbelknochen eines ausgewachsenen Tieres aus der Hohle-Fels-Höhle, in dem eine Feuersteinspitze steckt. An den anderen Höhlenbärenknochen aus den untersuchten Sedimenten wies Münzel charakteristische Schnitt- und Schlagspuren nach, die alle Stadien der Zerlegung der Tierkörper dokumentieren.

Ob die Pelzriesen überhaupt von Menschen der Altsteinzeit gejagt wurden, war jahrzehntelang unter den Archäologen umstritten. Das ist jetzt geklärt. Und dass es gerade im Winter geschah, findet Susanne Münzel sofort einleuchtend: „Diesen gefährlichen Riesen konnten sie sich nur während der Winterruhe nähern.“ Heroische Alleingänge waren das nicht, wie der gefundene Bärenwirbel mit der Feuersteinspitze zeigt. Dieser Lanzenstoß oder Pfeilschuss war mit Sicherheit nicht tödlich für das Tier gewesen, weil die Spitze in der Wirbelsäule stecken blieb und kein inneres Organ oder Blutgefäß erreichte. Der erwachte Bär hätte den Angreifer sofort zerrissen.

Doch da das Eintrittsloch im Knochen rund um die Feuersteinspitze scharfkantig und nicht durch späteres Verheilen abgerundet ist, hat das Tier die Attacke offensichtlich nicht überlebt. Also muss mindestens ein zweiter Jäger zugegen gewesen sein – wenn nicht mehrere, die den Höhlenbären koordiniert und gleichzeitig angriffen. Susanne Münzel ist angesichts der Fundlage überzeugt: „Die Jäger sind gezielt zwischen Dezember und April in die umliegenden Höhlen gegangen. Es gab nur eine begrenzte Anzahl, die überhaupt als Winterquartiere für Höhlenbären infrage kamen – dort haben sie routinemäßig nachgesehen, ob sie schlafende Tiere finden.“ Das kann man sich vorstellen wie ein regelmäßiges „Abernten“ der pelzigen Beute durch die Gravettien-Menschen, als festen Bestandteil ihrer winterlichen Jagdpartien im Ach-Tal – etwa nach der Devise: „ Kommt, lasst uns wieder Bären pflücken gehen!“

Die schlafenden Giganten haben es ihnen allzu leicht gemacht. Vor etwa 25 000 Jahren verschwand der Höhlenbär in dieser Region der Schwäbischen Alb – also lange vor der maximalen Vereisung vor 20 000 Jahren, die Mitteleuropa in eine lebensfeindliche Eiswüste verwandelte. Das Wollhaar-Mammut hat erheblich länger durchgehalten als Höhlenbär, Höhlenlöwe, Wollnashorn und viele andere Eiszeitsäuger: Auf der Wrangel-Insel im Eismeer vor der sibirischen Küste überlebten Zwergformen der Rüsseltiere – gerade mal so groß wie ein Mensch – bis 1700 vor Christus. Da lag Ötzi, der gemeuchelte Steinzeitler vom Tisenjoch, bereits seit 16 Jahrhunderten im eisigen Grab. ■

Thorwald Ewe

kompakt

· Die „Overkill-Hypothese“ deutet das Verschwinden vieler Großsäuger am Ende der Eiszeit als Ausrottung durch Jäger.

· Laut „Klima-Hypothese“ starben Mammut und Co durch die Verschiebung von Klima- und Vegetationszonen.

· Die „Hyperkrankheit-Hypothese“ setzt auf eingeschleppte Krankheitserreger als Auslöser großer Tierseuchen.

GUT ZU WISSEN: EISZEIT

Umgangssprachlich wird der Begriff „Eiszeit“ verwendet, wenn man eine der erdgeschichtlichen Kaltzeiten meint. Fachleute sprechen stattdessen der Klarheit zuliebe von „Eiszeitalter“. Denn:

• Eiszeitalter (es gab mehrere seit Bestehen unseres Planeten) sind Abschnitte der Erdgeschichte, in denen beide Pole mit Eis bedeckt sind. Innerhalb eines Eiszeitalters wechseln – teils sehr abrupt – sowohl Kaltzeiten (Glaziale) als auch Warmzeiten (Interglaziale) einander ab.

• Vor 2,6 bis 2,7 Millionen Jahren begann das letzte Eiszeitalter (Quartär). Es dauert bis heute an. Wir befinden uns seit rund 11 500 Jahren in einer Warmzeit, die sehr wahrscheinlich wieder in eine Kaltzeit übergehen wird.

• Die Kaltzeiten des gegenwärtigen Eiszeitalters dauerten in der hinter uns liegenden Million Jahre jeweils rund 90 000 bis 100 000 Jahre, die Warmzeiten waren mit 10 000 bis 15 000 Jahren viel kürzer.

• Die letzte Kaltzeit, die vor 115 000 Jahren begann und vor 11 500 Jahren endete, wird für Norddeutschland „Weichsel-Kaltzeit“ genannt, für Süddeutschland „Würm-Kaltzeit“. Die gegenwärtige Warmzeit heißt „Holozän“.

• Der Ausbruch von Eiszeitaltern hat irdische und außerirdische Ursachen:

• Irdische Ursachen sind erstens tektonische Prozesse – etwa die Öffnung und Schließung von Meeresstraßen (dadurch Umlenkung von globalen Meeresströmungen) sowie die Auffaltung von Hochgebirgen (Umlenkung von Luftströmungen). Hinzu kommt zweitens der Ausstoß von Kohlendioxid (CO2 ) durch Vulkanismus in die Atmosphäre.

• Außerirdische Ursachen sind erstens Änderungen der Sonnenaktivität und zweitens periodische Änderungen der Erdumlaufbahn sowie der Neigung der Erdachse – verursacht durch Wechselwirkungen mit anderen Himmelskörpern.

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