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Geschichte+Archäologie

Dem Erbe der Paläo-Eskimos auf der Spur

Alte DNA beleuchtet die Bevölkerungsentwicklungen in Nordamerika vor etwa 5000 Jahren. (Bild: Kerttu Majander, Design by Michelle O'Reilly)

Über Jahrtausende hinweg beherrschten sie das arktische Nordamerika – doch vor etwa 800 Jahren wurden die sogenannten Paläo-Eskimos dann von Einwanderern ersetzt. Licht in die Geschichte und das Schicksal dieser urzeitlichen Bevölkerungsgruppe bringt nun eine Untersuchung alter DNA. In den Ergebnissen zeichnen sich interessante interkontinentale Verknüpfungen im Rahmen der prähistorischen Entwicklungsgeschichte der Menschen Nordamerikas ab. Vor allem wurde aber klar: Paläo-Eskimos sind nicht wirklich verschwunden. Sie haben mehr genetisches Erbe hinterlassen als bisher gedacht.

Wie lief die prähistorische Besiedlungsgeschichte Amerikas ab? Diese Frage beschäftigt Wissenschaftler schon lange. Nach aktuellem Stand der Forschung geht man davon aus, dass die heutigen amerikanischen Ureinwohner auf Menschen zurückgehen, die unterschiedlichen Migrationsbewegungen entstammten. Vor etwa 14.500 Jahren kamen demnach erstmals Menschen aus Asien über die damals trockene Beringstraße nach Nordamerika und breiteten sich dann bis nach Südamerika aus. Die Geschichte der Paläo-Eskimos geht wiederum auf eine Einwanderungswelle zurück, die vor etwa 5000 Jahren Nordamerika von Sibirien aus erreichte.

Diese Bevölkerungsgruppe prägte dann den hohen Norden Amerikas, bis sie vor etwa 800 Jahren „scheinbar“ ersetzt wurde: Die sogenannten Neo-Eskimos – die Vorfahren der heutigen Inuit und Yupik – breiteten sich in der arktischen Region aus. Sie brachten die sogenannte Thule-Kultur mit und verdrängten die ältere Kultur der Paläo-Eskimos, wie archäologische Funde belegen. Was mit dieser Bevölkerungsgruppe dabei geschah und inwieweit sie zu den Ahnen heutiger indigener Populationen gehören, ist unklar. Bisher vermutete man, dass der genetische Beitrag der Paläo-Eskimos gering war.

Alte DNA gewährt Einblicke

Um mehr Licht in die Abstammungsgeschichte zu bringen, haben die Forscher um Stephan Schiffels vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena Erbgut untersucht, das aus Überresten von 48 prähistorischen Menschen stammt, die einst in Sibirien, Alaska, den Aleuten und Nordamerika gelebt haben. Die Ergebnisse haben sie mit genetischen Informationen von 93 heute lebenden Menschen dieser Regionen verglichen, sowie mit bereits veröffentlichten Daten. So konnten sie ein umfassendes Modell der Bevölkerungsgeschichte der Region entwickeln. „Unsere Studie ist einzigartig, nicht nur, weil sie die Anzahl der alten Genome aus dieser Region deutlich erhöht, sondern auch, weil sie die erste Studie ist, welche die Geschichte der Bevölkerungsgruppen in einem einzigen Modell umfassend beschreibt“, sagt Schiffels.

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Das Forscherteam konnte zeigen, dass ein wesentlicher Anteil des Erbguts aller ehemaligen und heute lebenden Populationen des arktischen Amerikas und der nordost-sibirischen Halbinsel Tschukotka auf die Paläo-Eskimos zurückgeht. Dazu gehören Menschen, die eskimo-aleutische Sprachen wie Yupik, Inuit und Aleutisch sprechen, und Gruppen, die Na-Dené-Sprachen wie Tlingit oder eine athapaskische Sprache sprechen. Diese Gruppen leben in Kanada, Alaska sowie in einigen weiteren Staaten der USA.

Interkontinentale Verknüpfungen

Was die entwicklungsgeschichtlichen Prozesse betrifft, geht aus den Modellen nun hervor: Zuerst kamen die Menschen vor etwa 5000 Jahren als Paläo-Eskimos von Sibirien nach Alaska und verbreiteten sich von dort aus weiter. Dabei vermischten sie sich mit bereits in Amerika ansässigen Menschen, deren Erbgut dem der südlicheren indigenen Gruppen ähnelt. Anschließend bildeten die Paläo-Eskimos dann die Vorläufer der archäologischen Kultur im Bereich des alten Beringmeeres und gelangten dadurch auch wieder zurück ins sibirische Tschukotka. Während ihres wahrscheinlich mehr als 1000 Jahre andauernden Aufenthaltes in Nordasien vermischten sich diese Menschen mit den Vorfahren der heutigen Tschuktschen und den Bewohnern Kamtschatkas. So entstand die Ursprungspopulation der Neo-Eskimos, die dann schließlich als Träger der Thule-Kultur ins arktische Nordamerika einwanderten und dort die Kultur der Paläo-Eskimos ersetzten.

„In den letzten sieben Jahren wurde viel darüber diskutiert, ob Paläo-Eskimos genetisch zu den heutigen Ureinwohnern Nordamerikas beigetragen haben. Unsere Studie beendet diese Debatte“, sagt Co-Autor David Reich von der Harvard University. Sein Kollege Pavel Flegontov von der Universität Ostrava ergänzt: „Allein anhand der archäologischen Funde war es nicht möglich zu klären, was mit dieser Population geschehen ist. Indem wir genetische Daten von früheren und heutigen Menschen kombinieren und in Verbindung mit den archäologischen Daten analysieren, können wir die Bevölkerungsgeschichte dieser Region nun besser und umfassender verstehen“, resümiert der Wissenschaftler.

Quelle: Max Planck Institute for the Science of Human History, Nature, doi: 10.1038/s41586-019-1251-y

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