Demokratie: Gewohnheit macht Unterstützer - wissenschaft.de
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Demokratie: Gewohnheit macht Unterstützer

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Credit: Thinkstock
Der Mensch ist ein Gewohnheitstier – auch in politischen Fragen. Das zeigt eine großangelegte internationale Studie von Frankfurter Wissenschaftlern mit folgendem Ergebnis: Je länger Menschen in einer Demokratie leben, desto eher befürworten sie auch diese Staatsform. Und zwar unabhängig davon, ob es ihnen dabei zum Beispiel besonders gut geht oder nicht. Unterstützung für ein politisches System entsteht demnach durch die Erfahrung mit dem System – und sie braucht Zeit, sich zu entwickeln.

Damit Demokratien funktionieren, braucht es die Unterstützung der breiten Bevölkerung. Schließlich sollen politische Entscheidungen in einem demokratisch regierten Land auf Zustimmung und Mitwirkung der Mehrheit der Bürger beruhen. Besonders wichtig ist diese Unterstützung für neu entstehende Demokratien. Doch was beeinflusst eigentlich, ob Menschen der demokratischen Staatsform zugetan sind oder nicht? Entsteht Unterstützung mit der Zeit, wenn die Bevölkerung mehr und mehr Erfahrung mit dem System sammelt? Oder sind politische Auffassungen so stark im Individuum verankert, dass sie sich durch äußere Veränderungen kaum beeinflussen lassen? Fragen wie diese gewinnen immer wieder an Aktualität – zuletzt etwa während des Arabischen Frühlings, als Menschen in etlichen arabischen Staaten gegen autoritäre Regierungen protestierten. Eindeutige Antworten darauf hatte die Wissenschaft bislang jedoch nicht.

Zwei Frankfurter Wirtschaftswissenschaftler leisten nun einen Beitrag dazu, diese Lücke zu schließen. Nicola Fuchs-Schündeln und Matthias Schündeln von der Goethe Universität haben untersucht, ob es einen kausalen Zusammenhang gibt zwischen persönlicher Demokratie-Unterstützung und der Länge der Zeit, die ein Individuum in einer Demokratie lebt. Anders gesagt: Ob also politische Vorlieben durch das vorherrschende System selbst beeinflusst werden. Ähnliche Zusammenhänge konnten zum Beispiel schon bei Präferenzen für Wirtschaftssysteme nachgewiesen werden.

Die positive Macht der Zeit

Für ihre Untersuchung haben die Forscher Aussagen von über 380.000 Menschen aus 104 Ländern ausgewertet. Die Datensätze stammen aus dem Zeitraum von 1994 bis 2013 und  sind im Rahmen der World Values Surveys und den Afrobarometer Surveys entstanden. Beides sind umfangreiche Umfrage-Projekte, die sowohl wirtschaftliche als auch politische und soziale Werte und Meinungen abfragen. Die Daten der Afrobarometer Surveys waren für die Studie besonders interessant. Denn sie decken afrikanische Länder ab, die sich in den frühen Phasen des Umbruchs von autokratischer zu demokratischer Herrschaft befinden.

Die Auswertung dieser Daten zeigt: Je länger jemand in einer Demokratie lebt, desto mehr befürwortet er oder sie diese Staatsform. Fuchs-Schündeln und Schündeln konnten zeigen, dass der Faktor Zeit die politische Vorliebe für das aktuelle System signifikant positiv beeinflusst – und zwar nachdem andere Einflussfaktoren wie zum Beispiel Veränderungen der wirtschaftlichen Lage herausgerechnet wurden. Wie stark der Effekt ist, beschreiben die Wissenschaftler mit einem Vergleich: „Der Grad der Unterstützung steigt bei jemandem mit einer hohen Schulbildung im Vergleich zu einer Grundschulausbildung. 8,5 Jahre länger kontinuierlich in einer Demokratie gelebt zu haben, verursacht ungefähr den gleichen Sprung wie ein solcher Bildungsunterschied.“

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Hoffnung für junge Demokratien

Für das Team bedeuten diese Beobachtungen, dass politische Präferenzen endogen sind, also aus den gegebenen Umständen heraus entstehen. Persönliche Erfahrungen mit einer Staatsform sind demnach entscheidend, um sie zu befürworten – auch wenn es natürlich noch viele weitere Variablen gibt, die die persönliche Auffassung mitbeeinflussen.

Große politische Umbrüche herbeizuführen sei aus diesem Grund eine schwierige Aufgabe, schreiben die Forscher. Notwendig für solche Prozesse sei vor allem viel Zeit. Die aktuelle Studie veranschaulicht deutlich: Politische Unterstützung aus der Bevölkerung ist in jungen Demokratien oft noch ein zartes Pflänzchen, das von Jahr zu Jahr ganz langsam, aber beständig wächst.

Originalarbeit der Forscher:

© wissenschaft.de – Daniela Albat
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