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Geschichte+Archäologie

Den geheimnisvollen Philistern auf der Spur

Forscher legen menschliche Überresste auf einem Friedhof in Ashkelon frei. (Bild: Melissa Aja, Leon Levy Expedition to Ashkelon)

Die biblische Geschichte von David und Goliath hat sie berühmt gemacht – doch darüber hinaus ist nur wenig über das Volk der Philister bekannt. Nun haben Forscher Einblicke in den Ursprung der legendären Erzfeinde der Israeliten gewonnen: Die Analyse alter Genome aus der Stadt Ashkelon deutet darauf hin, dass sie teilweise von Menschen abstammten, die zu Beginn der Eisenzeit aus Europa über das Mittelmeer ins heutige Palästina eingewandert waren.

Es war eine Zeit des Wandels und der Brüche: In der Übergangsphase von der Bronzezeit zur Eisenzeit änderten sich die politischen und kulturellen Strukturen im östlichen Mittelmeerraum stark. In dieser Zeit tauchten auch die sogenannten Philister erstmals in den Überlieferungen auf. Dem Alten Testament zufolge bildeten fünf Städte in Palästina die Zentren dieses Volkes. Was die ursprüngliche Herkunft der Philister betrifft, gibt es nur im Buch Amos, Kapitel 9, Vers 7 einen interessanten Hinweis. Dort heißt es, die Philister seien aus „Kaphtor“ gekommen – eine Bezeichnung, die mit der Insel Kreta in Verbindung gebracht wird.

Dies passt wiederum zu Hinweisen aus dem alten Ägypten: Die Philister könnten demnach mit den „Peleset“ identisch gewesen sein, die Hieroglyphen-Texten zufolge einst von „Inseln“ aufgebrochen waren. Die Peleset werden den sogenannten Seevölkern zugerechnet, die einst das östliche Mittelmeer und Ägypten durch Überfälle heimgesucht haben. Diese Hinweise führten dazu, dass sich der Fokus der Erforschung des Ursprungs der Philister auf das späte 2. Jahrtausend v. Chr. richtete. Einen Hotspot bildet dabei Ashkelon – dem Alten Testament zufolge handelte es sich bei dieser Hafenstadt um eine der fünf Zentren der Philister. Seit 1985 sucht dort ein archäologisches Team nach den Spuren des mysteriösen Volkes.

Nur kulturelle oder auch Bevölkerungsveränderungen?

Die Archäologen konnten anhand der Funde aus Ashkelon bereits deutliche Veränderungen in der Lebensweise im 12. Jahrhundert v. Chr. dokumentieren. Sie deuten auf den Beginn der Ära der Philister in dieser Region hin. Allerdings schien es bisher möglich, dass die Veränderungen nur durch kulturellen Austausch und eine Nachahmung fremder Kulturen entstanden sind und nicht durch eine Zuwanderung. Mit der Klärung dieser Frage haben sich nun die Forscher um Michal Feldman vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena (MPI-SHH) befasst. Im Rahmen der Studie gelang es dem Team, Erbgut aus menschlichen Überresten von zehn Menschen zu rekonstruieren, die in der Bronze- sowie in der Eisenzeit in Ashkelon gelebt haben.

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Wie die Forscher berichten, ging aus Vergleichen der genetischen Daten hervor: Der größte Teil der genetischen Abstammung passte über den gesamten Zeitraum hinweg zu dem lokalen levantinischen Genpool. Doch in der frühen Eisenzeit zeichnet sich eine auffällige Einmischung ab: In dieser Zeit taucht im Erbgut der Menschen Ashkelons eine deutlich europäische Abstammungskomponente auf, die bei ihren bronzezeitlichen Vorfahren nicht vorhanden war. „Dieser genetische Unterschied ist auf einen Genfluss zurückzuführen, der am Ende der Bronzezeit oder zu Beginn der Eisenzeit von Westen aus über das Mittelmeer nach Ashkelon gelangte“, erklärt Feldman. Johannes Krause, Co-Autor und Leiter des MPI-SHH sagt dazu: „Durch die vergleichende Analyse der menschlichen Überreste von Ashkelon konnten wir nun zeigen, dass sich die einzigartigen kulturellen Merkmale der frühen Philister in einer spezifischen genetischen Signatur widerspiegeln.“

Schnell im Genpool aufgegangen

Wie die Forscher weiter berichten, blieb das genetische Unterscheidungsmerkmal aber offenbar nur vergleichsweise kurz in der Bevölkerung erhalten: „Innerhalb von nicht mehr als zwei Jahrhunderten ist die genetische Komponente, die in der frühen Eisenzeit eingeführt wurde, nicht mehr nachweisbar – sie scheint im lokalen Genpool aufgegangen zu sein“, sagt Co-Autor Choongwon Jeong vom MPI-SHH. Sein Kollege Daniel Master von der Harvard University in Cambridge erklärt dazu: „Während den alten Texten zufolge die Menschen von Ashkelon im 1. Jahrtausend v. Chr. für ihre Nachbarn Philister blieben, war eine Unterscheidung aufgrund ihrer genetischen Ausstattung nicht mehr gegeben, vielleicht aufgrund von Mischehen mit den lokalen Bevölkerungsgruppen um sie herum“, so der Wissenschaftler.

Die Forscher wollen sich nun auch weiterhin den genetischen Spuren der Bevölkerungsentwicklung im östlichen Mittelmeerraum widmen. Wie sie betonen, bleiben auch Fragen offen, was die Details der Geschichte der Philister angeht: „Während unsere Modellierung einen südeuropäischen Genpool als plausible Quelle für die genetische Komponente vorschlägt, könnten zukünftige Stichproben helfen, genauer die Populationen zu bestimmen, welche ihr Erbgut in Ashkelon eingeführt haben“, sagt Feldman dazu abschließend.

Quelle: Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte, Science Advances, 2019; doi: 10.1126/sciadv.aax0061

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