Denisova-Höhle: Aufschlussreiches Dreck-Profil - wissenschaft.de
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Geschichte+Archäologie

Denisova-Höhle: Aufschlussreiches Dreck-Profil

Mike Morley entnimmt Proben aus den Ablagerungen in der Denisova-Höhle. (Bild: Dr. Paul Goldbert, University of Wollongong)

Die geheimnisvollen Denisova-Menschen, Neandertaler und der frühe Homo sapiens – diese Bewohner haben die Denisova-Höhle im russischen Altaigebirge berühmt gemacht. Doch offenbar waren solche menschliche Höhlengäste eher untypisch, geht aus einer Sediment-Analyse hervor. Meistens war die Höhle demnach in den letzten 300.000 Jahren von Wesen mit Reißzähnen und Klauen besetzt: Große Raubtiere wie Bären, Wölfe und Höhlenhyänen nutzten sie als Unterschlupf.

Es gab noch eine weitere Urmenschen-Art! Dieser Befund sorgte im Jahr 2010 für Schlagzeilen. Anthropologen war es gelungen, einem Knochenfragment aus der Denisova-Höhle Erbgut zu entlocken. Vergleiche ergaben anschließend, dass die Überreste von einer bis dahin unbekannten archaischen Menschenform stammen, die offenbar parallel zum Neandertaler und dem frühen modernen Menschen existierte. Die Forscher nannten sie nach dem ersten Fundort Denisova-Mensch. Man nimmt an, dass die Denisovaner und Neandertaler auf einen gemeinsamen Vorfahren mit dem modernen Menschen zurückgehen, der vor etwa 520.000 bis 630.000 Jahren existiert hat. Studien der letzten Jahre haben verdeutlicht, dass sich die drei Menschenformen später wieder kreuzten.

„Dreckschichten“ unter der Lupe

In diesem Zusammenhang lieferte die Denisova-Höhle 2018 erneut einen interessanten Befund: DNA-Analysen von Knochenfragmenten eines vor mehr als 50.000 Jahren verstorbenen Mädchens ergaben, dass sie das Kind einer Neandertalerin und eines Denisova-Mannes war. Funde bestätigen zudem, dass in den letzten 300.000 Jahren Denisovaner, Neandertaler und am Ende auch frühe moderne Menschen die Höhle bewohnten. Dabei handelt es sich neben Knochenresten und Werkzeugen auch erneut um genetische Funde: Eine Untersuchung der Sedimentschichten des Höhlenbodens förderte fossile DNA zutage, die sich Denisovanern und Neandertalern zuordnen ließ. Allerdings stießen die Forscher dabei auch auf die genetischen Spuren von verschiedenen Raubtieren der Eiszeit.

Allerdings blieb dabei unklar: Wer hat wann in der Höhle gelebt? War sie mehr oder weniger kontinuierlich von menschlichen Wesen bewohnt? „Unsere Ergebnisse ergänzen nun die Untersuchungen der DNA-Spuren im Höhlenboden“, sagt Mike Morley von der Flinders University in Adelaide. Er und seine Kollegen haben die drei bis vier Meter dicke Sedimentschicht nun erneut unter die Lupe genommen. „Die menschlichen Bewohner und die Raubtiere haben eine Fülle von mikroskopischen Spuren hinterlassen, die die Nutzung der Höhle während der letzten drei glazial-interglazialen Zyklen beleuchten“, erklärt Morley. Konkret können demnach Spuren von Holzkohle aus Feuerstellen von der menschlichen Besiedlung künden und die tierischen Bewohner machen sich durch Kotschichten bemerkbar.

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Nur sporadisch eine menschliche Behausung

Wie die Forscher berichten, zeichnete sich in ihren mikroskopischen Untersuchungen ab: Die Höhle war nicht etwa kontinuierlich das Domizil der Menschen – ihre eigentlichen Herrscher waren die Raubtiere. Es dominieren demnach die Schichten fossilen Kots von Raubtieren wie Wölfen, Bären und Höhlenhyänen, die es damals noch in dieser Region gegeben hat. „Aus den Spuren der Verwendung von Feuer geht hervor, dass sich die menschlichen Wesen nur sporadisch in der Höhle aufgehalten haben“, sagt Co-Autor Richard Roberts von der australischen University of Wollongong. Offenbar kamen und gingen die Gruppen – in der Regel war die Höhle aber von den großen Raubtieren besetzt. Klar scheint: Mensch und Tier haben wohl kaum gemeinsam die Höhle bewohnt, so Roberts. Was geschah, wenn sie sich begegneten, bleibt in diesem Zusammenhang allerdings der Vorstellungskraft überlassen.

Den Forschern zufolge zeigt die Studie, dass auch im Zeitalter der genetischen Anthropologie andere Untersuchungsmethoden weiterhin ihre Bedeutung behalten. Im aktuellen Fall waren es die fortschrittlichen Mikroskopiertechniken, die Einblicke in die Chronologie der menschlichen und nicht menschlichen Nutzung einer der berühmtesten Fundorte der Welt ermöglicht haben – der Denisova-Höhle.

Quelle: Flinders University, Fachartikel: Scientific Reports, doi: 10.1038/s41598-019-49930-3

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