Der Anfang aller Kriege - wissenschaft.de
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Geschichte+Archäologie

Der Anfang aller Kriege

An die Ressourcen eines bestimmten Fleckchens Erde gebunden zu sein, bescherte den Menschen die Geißel des Krieges – immer wieder angeheizt von eskalierender Rache.

Der Überfall muss im ersten Frühlicht stattgefunden haben. Tagsüber hätten die Angreifer in der Siedlung nur ein oder zwei Alte und ein paar Kleinkinder angetroffen: Der Großteil der Einwohner wäre draußen unterwegs gewesen – bei den weidenden Tieren und auf den Feldern. Bei Nacht wiederum, im ungewissen Flackerschein der Fackeln, wäre ein Teil der Dörfler entkommen.

Aber genau das wollte der Kriegstrupp offenbar vermeiden. Die Angreifer planten die völlige Vernichtung der Bewohner, wahrscheinlich, um mit einem Schlag ihr gesamtes Hab und Gut zu übernehmen. Und genau so geschah es um das Jahr 5000 vor Christus – dort, wo heute die süddeutsche Weinbaugemeinde Talheim bei Heilbronn ist.

Die Überraschung muss perfekt gewesen sein. Die noch schlaftrunkenen Überfallenen stürzten kopflos aus ihren Häusern – leichte Beute für die Angreifer, die die Fliehenden abschlachteten: „Die überwiegende Zahl der Opfer wurde von hinten angegriffen beziehungsweise erschlagen“, registriert der Anthropologe Joachim Wahl vom Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart. „Das Fehlen typischer Kampf- und Abwehrverletzungen an Schultern und Armen lässt ebenfalls vermuten, dass keine nennenswerte Gegenwehr stattgefunden hat.“

Wahl, der auch an gerichtsmedizinischen Gutachten mitwirkt, hat die Skelettreste der 34 Menschen untersucht und anhand der an den Knochen sichtbaren Verletzungen in vielen Fällen die Täter-Opfer-Geometrie rekonstruieren können: drei Pfeilwunden – auch sie von hinten zugefügt –, spaltförmige Löcher in den Hinterköpfen durch wuchtige Hiebe mit steinernen Hacken, ferner stumpfe Verletzungen durch Keulen, Schleudersteine oder Ähnliches. Der älteste Tote war ein etwa 60-jähriger Mann, der jüngste ein zirka 2-jähriges Kleinkind.

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1983 war der Talheimer Weinbauer Erhart Schoch in seinem Schrebergarten auf die Toten gestoßen. Nur drei Meter lang und bis zu anderthalb Meter breit war das Massengrab aus der Bandkeramik-Epoche der Jungsteinzeit. Die Aggressoren hatten die 18 Männer und Frauen sowie 16 Kinder – anscheinend vier Familien – achtlos übereinander in die Grube geworfen.

Nicht genug damit: Es fehlen jeglicher Schmuck und andere persönliche Gegenstände. Die Leichen sind vor dem Verscharren bis aufs Letzte ausgeplündert worden. Die gesamten Ressourcen der Getöteten gehörten nun den Angreifern: Felder, Saatgut, Vorräte, Werkzeug, Vieh, wahrscheinlich auch ein Brunnen.

Der bedrückende Fund passt nur zu gut in jene Zeit, meint Joachim Wahl: „Mit dem Beginn der Sesshaftigkeit dürfte es häufiger zu gewalttätigen Begegnungen zwischen Gruppen gekommen sein.“ Pionier-Landwirte hatten Feldbau und Viehzucht – wohl zwischen 9000 und 8000 vor Christus im Nahen Osten erfunden – über Anatolien und den Balkan donauaufwärts ins von Jägern und Sammlern dünn besiedelte Europa gebracht. Um 5600 vor Christus hatte diese „neolithische Revolution“ das heutige Ungarn erreicht, nur 150 Jahre danach bereits das Rheinland. Eine rasche Bevölkerungszunahme fällt genau in diese Zeit.

„Dass Ackerbauern mehr Gründe haben, einen Krieg zu führen, als Jäger und Sammler, ist plausibel“, so Wahl. „Sie müssen ihre Infrastruktur sowie Land und Ernte verteidigen.“ Oder eben einer Nachbargruppe diese Lebensgrundlagen entreißen, wenn sie selbst – beispielsweise nach Missernten – vor dem Verhungern stehen.

Talheim ist in dieser Epoche um etwa 5000 vor Christus kein Einzelfall. Die Jungsteinzeitler zogen überall in Zentraleuropa Palisaden um ihre Siedlungen oder legten neue Behausungen auf leicht zu verteidigenden Bergnasen oder in Flusskrümmungen an. Es gibt keine logischere Deutung als die: Nach Hunderttausenden von Jahren einer Gesellschaft von Jägern und Sammlern war in Europa mit der neuen Sesshaftigkeit eine düstere Innovation in die Welt getreten – der Krieg.

Zwischen Jäger-Sammler-Gruppen fanden keine Kriege statt (siehe „Totschlag im Garten Eden“, vor diesem Beitrag). Das lohnte sich für Wildbeuter einfach nicht, argumentiert der Züricher Ethnologe Jürg Helbling und nennt die vier zentralen Gründe:

• Die Territorien von Wildbeuter-Gruppen waren meist sehr groß (Bevölkerungsdichte typischerweise 0,01 bis 0,2 Menschen pro Quadratkilometer). Man konnte einander ohne wirtschaftliche Verluste leicht ausweichen.

• Weil die Territorien der Wildbeuter so groß und die Ressourcen – Jagdwild, wild wachsende Pflanzen – so weiträumig verstreut waren, wäre der Versuch, sie zu verteidigen, sowieso aussichtslos gewesen.

• Das Leben in und aus der an Ressourcen armen Wildnis machte die Kooperation zwischen den Gruppen einer regionalen Ethnie unabdingbar: Jede Gruppe konnte jederzeit in Not geraten, man war aufeinander angewiesen.

• Wildbeuter wechselten häufig zu einer anderen Gruppe, was problemlos ging, weil es weit verzweigte Verwandtschaftsbeziehungen gab. Daher kam kein Gefühl von „wir“ und „die anderen“ zustande – folglich auch keine Kollektivhaftung für das Vergehen eines Einzelnen. Eine Familie rächte sich für ein Vergehen ausschließlich am Täter, nie an dessen Familie oder Gruppe.

Anders in sesshaften Kulturen: Jedes Dorf entwickelte über kurz oder lang seine eigene Identität und grenzte sich gegen die als Konkurrenz empfundenen Nachbarn ab. Man verteidigte die eigenen Ressourcen – fruchtbaren Boden, einen fischreichen See, Quellen mit gutem Wasser. Und die Bereitschaft zur kollektiven Gewalt, um all dies nicht preiszugeben, stieg.

Mehr noch: Krieg wurde zum prägenden Faktor in Stammesgesellschaften, betont Paul Roscoe – mit Blick auf die ständigen gegenseitigen Überfälle der Stämme im Inneren der Insel Neuguinea bis in die Fünfzigerjahre des 20. Jahrhunderts. Für ihn ist Neuguinea ein Abbild im Kleinen, wie es vor wenigen Jahrtausenden auf der ganzen Welt zugegangen sein muss. Roscoe, Anthropologie-Professor an der University of Maine in Orono, führt aus: „Sich bei Tag und Nacht gegen Angriffe schützen zu müssen, hatte starke Auswirkungen auf die Siedlungsstruktur, die Bildung von Gruppen, auf die Zeremonien und Rituale. Dieser Einfluss der immer währenden endemischen Kriege ist von der Wissenschaft bislang weitgehend übersehen worden.“

Der amerikanische Anthropologe stieß beim Studium von Berichten aus der Zeit der ersten Kontakte mit den Stämmen Neuguineas etliche Male auf dasselbe Motiv als Kriegsauslöser: kollektive Rache. Roscoes Landsmann Stephen Beckerman, Associate Professor für Kulturanthropologie an der Penn State University, geht sogar einen Schritt weiter: „Rache ist vermutlich das häufigste singuläre Kriegsmotiv überhaupt in Stammesgesellschaften.“

Doch warum? Der häufigste Grund für kollektive Racheakte unter den Neuguineern war, seltsam genug: Abschreckung. Der Überfall der eigenen Kriegsmannschaft auf die Nachbarn – ein Anlass fand sich immer – sollte die potenziellen Gegner schwächen und ihnen als blutiges Lehrstück die Botschaft einbläuen: Legt euch bloß nicht mit uns an. Worauf die anderen in gleicher Weise reagierten – Generation für Generation.

„Für mich ist das ein Beispiel für entgleiste evolutionäre Anpassung“, sagt Roscoe. „Es hat überhaupt keinen Sinn, sich so zu verhalten, dass nicht nur man selbst vielleicht ums Leben kommt, sondern auch weitere Angehörige des eigenen Clans oder Stammes.“ Auch unter Tieren gibt es Rachehandlungen, doch sie eskalieren fast nie.

Roscoe macht die hoch entwickelte menschliche Großhirnrinde für den Widersinn verantwortlich: „Durch unseren Neocortex können wir Menschen vieles vorausdenken, noch bevor es ausgeführt wird – leider auch kollektive Gewalt.“ Menschen nutzen sie nicht anders als ein Werkzeug, sogar bis zur wohl überlegten, geplanten Tötung anderer Gruppen. Vor allem, wenn man sich davon einen Vorteil verspricht.

Letzteres ist ein ganz wesentlicher Punkt, findet Jürg Helbling: „Rache in Stammesgesellschaften ist etwas sehr Komplexes. Eine Gruppe rächt sich nur, sofern sie sich für überlegen hält.“ In solchen Fällen werde auch das Argument „ gerechter Ausgleich“ elastisch gehandhabt, hat der Ethnologe festgestellt: „Die Opferbilanz wird sofort zu den eigenen Gunsten überzogen, wenn sich die Gelegenheit bietet.“

Ist das Motiv „Rache“ noch in der Gegenwart Ursprung von kriegerischen Auseinandersetzungen? „Diese Mechanismen greifen nach wie vor, auch zwischen staatlichen Organisationen“, sagt Helbling, „wobei das Wort ,Rache‘ offiziell fast nie benutzt wird.“ Er verweist als Beispiel auf den Dauerkonflikt zwischen Israel und den Palästinensern: „Man lässt offenbar keine Provokation unbeantwortet. Die Kontrahenten fürchten wohl, ihre Glaubwürdigkeit könnte sonst Schaden nehmen.“

Paul Roscoe sieht direkte Parallelen zwischen der archaischen Welt der Stammeskriege Neuguineas und der Welt von heute: „Die Stammesführer in Neuguinea pflegten oft zu betonen, es sei erforderlich, präventive Schläge gegen die Nachbarn zu führen. Das war nichts anderes als die Argumentation amerikanischer Regierungsvertreter, man müsse Saddam Hussein zuvorkommen, bevor er Massenvernichtungsmittel einsetzt.“

Die US-Invasion des Irak – eine nur vorgeschobene Abschreckungsreaktion, um erhoffte Vorteile zu erlangen? Paul Roscoe kommentiert finster: „Wir haben heute zwar thermonukleare Waffentechnik – aber immer noch Steinzeitgehirne.“

Thorwald Ewe■

Ohne Titel

Dass es fast immer Männer sind, die Kriege führen, ist von Feministinnen als Indiz für einen typisch männlichen Hang zu aggressivem Verhalten gedeutet worden. David Adams sieht das anders. Der amerikanische Psychologie-professor und Aggressionsforscher ist überzeugt: Dass Krieg bis weit ins 20. Jahrhundert fast ausschließlich Männersache gewesen ist, liegt an der seit Urzeiten tradierten „patrilokalen Exogamie“ in Stammesgesellschaften.

Schon vor Jahrtausenden heirateten die Männer einer Siedlung meistens Frauen aus Nachbardörfern (Exogamie), doch die von ihnen gegründeten Familien blieben stets in der Gemeinschaft des Mannes (Patrilokalität). „Patrilokale Exogamie“, so Adams, „ist das verbreitetste Muster in allen Kulturen, die interne Kriege führen“ – Kriege zwischen benachbarten Gruppen derselben Ethnie. Das hat einen pragmatischen Grund. Da die Frauen einer Gruppe via Exogamie aus Nachbargruppen stammen, gegen die man möglicherweise irgend- wann Krieg führen wird, gehen die Männer auf Nummer Sicher: Es ist am besten, man schließt die Frauen vom Kriegführen von vornherein aus, ja verbietet ihnen sogar, Kriegswaffen überhaupt zu berühren. Denn zu wem werden sie halten, wenn es ernst wird? Zu ihrer neuen Gruppe, der ihres Mannes – oder doch zu ihrer alten Heimatgruppe? Ein solcher Loyalitätskonflikt wäre riskant.

Die Patrilokalität wiederum – das Verbleiben der Männer bei ihrer Stammgruppe – sorgt dafür, dass die von den Vätern im Kriegshandwerk ausgebildeten, männlichen Heranwachsenden weiterhin in der Gruppe leben und die Kriegsmannschaft verstärken. Würden sie dagegen in eine Nachbargruppe einheiraten, könnte dies einem möglichen künftigen Kriegsgegner zugute kommen.

Ohne Titel

• Für sesshafte Kulturen wäre es zu verlustreich, durch Wegzug auf ihre Ressourcen zu verzichten: Sie verteidigen sie – das ist die Ursache der Kriege.

• Kollektive Rache war und ist in Stammesgesellschaften das meistbemühte Kriegsmotiv.

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♦ Den|drit  〈m. 16〉 1 〈Anat.〉 baumartig verzweigter Plasmafortsatz an der Oberfläche von Nervenzellen 2 〈Geol.〉 durch Mangan– od. Eisenlösungen in Gesteinen hervorgerufene, pflanzenähnliche Zeichnung ... mehr

abtas|ten  〈V. t.; hat〉 1 tastend absuchen 2 〈IT〉 eine Vorlage erfassen, Daten von einem Datenträger einlesen ... mehr

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