DER GRABENKAMPF - wissenschaft.de
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DER GRABENKAMPF

Die letzte Schlacht um Troja ist noch nicht geschlagen: Die Archäologen kämpfen gegen Kritiker und Geldnot um den Fortbestand eines Mythos.

Die Hoffnung der Archäologen auf den Sieg misst etwa einen Meter. Nur wenn das Bohrloch A tiefer in den Boden reicht als die benachbarte Sonde B, können die Wissenschaftler hoffen, dort ein Stück eines Grabens um die mythische Stadt angestochen zu haben. Der ist bis zu zwei Meter tief in den gewachsenen Felsen gemeißelt. Die Ausgräber deklarieren ihn als Verteidigungsgraben um die Unterstadt. Von diesem Bauwerk hängt derzeit die Zukunft Trojas ab, denn nur wenn sich damit ein neues Forschungsprojekt definieren lässt, winkt weitere finanzielle Unterstützung von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG).

Die jüngsten Erfolge: Bohrloch A ist tatsächlich in der Vertiefung gelandet, Sonde B auf dem gewachsenen Fels daneben. Zur Überprüfung wurde gegraben, in den Arealen H26 und HI26 (siehe Karte auf S. 64). Das „schöne Ergebnis 2008″, so Ernst Pernicka: „Es kam ein Stück Verteidigungsgraben zum Vorschein.“ Und nicht nur das. Der Chefausgräber des Troja-Projekts hat Indizien vorzuweisen, die ihn kühn behaupten lassen: „Wir haben das Südosttor gefunden.“ Das allerdings wäre tatsächlich ein Durchbruch, würde es doch belegen, dass Unterstadt und Zitadelle nach einem städtebaulichen Konzept entstanden waren.

Im Süden der Siedlung wurde bereits 1995 ein Tor ausgegraben, im Südwesten eines geophysikalisch nachgewiesen. Das Südtor rekonstruierten die Ausgräber als fortlaufende Furche im Fels mit einer geplanten Unterbrechung. Den Raum zwischen den beiden Grabenabschlüssen definieren sie als ebenerdigen Durchlass für Mensch, Tier und Waren, der durch seitliche und dahinterliegende Palisaden geschützt war. Der neue, südöstliche Einlass steht vorerst nur auf dem Papier, man will ihm ab dem Sommer 2009 auf den Fels rücken. In der Dokumentationszeichnung der Grabung wirkt die Interpretation Pernickas geradezu verwegen: Kleine rote Flächen geben ausgegrabene Areale an, schraffierte Bereiche sind Ergänzungen der Archäologen, lange gestrichelte Linien kennzeichnen den möglichen, bislang jedoch rein theoretischen Verlauf des verborgenen Grabens. Mitten in der Karte haben die Archäologen der Tübinger Universität eine Lücke gelassen: Hier soll – analog zum Südtor – die Unterbrechung des Grabens für die Toranlage sein. Weitere Bohrungen und gezielte Grabungen in diesem Jahr sollen Klarheit bringen. „So viel Geld ist gerade noch da“, sagt Peter Jablonka. Damit spricht der stellvertretende Projektleiter, der seit gut 20 Jahren in Troja gräbt, das momentan drängendste Problem an: Die Langzeitförderung durch die DFG läuft programmgemäß aus, und es gibt keine Verlängerung. Troja – der unerreichte Mythos europäischer Literatur-, Geistes-, Kultur- und Archäologiegeschichte – steht vor dem Aus. Ein Anfang des Jahres eingesprungener privater Sponsor verschafft nur kurzfristig Luft.

SCHLIEMANN, HOMER UND SCHROTT

Ist der Kampf um Troja damit endgültig beendet? Vor 139 Jahren hatte Heinrich Schliemann (siehe „Irrtum 4 – Schliemann hob den Priamos-Schatz“), der millionenschwere Hobbyarchäologe aus Mecklenburg, den Siedlungshügel Hisarlik an der türkischen Nordwestküste ausgegraben und als das homerische Troja (Ilion) identifiziert. Gegen diese reiche und mächtige Stadt sollen die vereinigten Griechen zehn Jahre lang gekämpft haben, so berichten es die ersten europäischen Großdichtungen Ilias und Odyssee. Kaum ein Wissenschaftler bezweifelt inzwischen noch, dass Hisarlik der Ort von Homers Heldengesängen ist, auch wenn der österreichische Dichter und Vergleichende Literaturwissenschaftler Raoul Schrott die sagenumwobene Stätte jüngst ins 800 Kilometer entfernte südliche Kilikien verlegte (siehe „Irrtum 5 – Troja lag ganz woanders“). Über Größe und Bedeutung der Burg an den windumtosten Dardanellen zwischen Mittelmeer und Schwarzem Meer aber wird von den Gelehrten weiter – und teilweise erbittert – gestritten.

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Dabei geht es hauptsächlich um die Siedlungsepochen Troja VI und Troja VII mit ihren jeweiligen Unterschichten. Diese bergen die archäologischen Zeugnisse der Spätbronzezeit – eine überaus spannende Epoche, nämlich die Blüte einer ausgreifenden kulturellen Entwicklung im gesamten östlichen Mittelmeerraum. Die begann um 2500 und endete gegen 1200 v.Chr. in einem zivilisatorischen und ökonomischen Crash: Ägypten schwankte, das Hethiterreich zerbrach, die mykenischen Paläste zerfielen, der internationale Handel erstarb, Lebensart, Kunst und Schrift verschwanden. Troja ging unter – womöglich in einem Trojanischen Krieg?

Heinrich Schliemann war überzeugt davon und versuchte Homers Ilias zu beweisen. Mit einem Parforceschnitt durch die Jahrtausende drang er quer durch den Hügel bis auf den felsigen Untergrund. Diese brachiale Untersuchungsmethode ist als „ Schliemann-Graben“ unrühmlich in die Archäologiegeschichte eingegangen. So mancher moderner Archäologe wünscht sich, ebenso vorgehen zu können, um überhaupt an Ergebnisse heranzukommen – aber nur ganz heimlich, denn heutiges Ausgräber-Ethos verbietet solch zerstörerisches Werk. Nach Schliemann bemächtigten sich hauptsächlich die Philologen des Ortes und des Mythos und stritten um die Geschichtlichkeit von Homer und Trojanischem Krieg. Nach langer Grabungspause begann 1988 der Tübinger Archäologe Manfred Korfmann erneut in der Troas-Ebene zu forschen und zu graben und verhalf so dem Mythos zu neuem Leben. Bis zu seinem plötzlichen Tod 2005 hat der monomanische Ausgräber unendlich viel für die archäologische Stätte, ihre wissenschaftliche Erschließung und ihren Erhalt getan. Durch seine schroffe Art im Umgang mit Mitarbeitern und Kollegen verschaffte er sich allerdings so manchen Gegner (bild der wissenschaft 12/1997, „Neuer Streit um die Wiege unserer Kultur“ ). Mit seinen schnellen und oft zu weitreichenden Interpretationen von Grabungsbefunden handelte er sich den Vorwurf der Unwissenschaftlichkeit ein, der in einem großen öffentlichen Disput in der Tübinger Universität 2002 gipfelte. Eine Annäherung der kontroversen Standpunkte gab es dabei nicht.

WAR TROJA ÜBERHAUPT EINE STADT?

Beim Grabungsbeginn 1988 war Korfmann davon ausgegangen, dass er ein bronzezeitliches „Piratennest“ untersuchen würde. Im Laufe der Grabungsjahre mutierte die Stätte bei ihm zu einer glänzenden Königsmetropole und Drehscheibe des internationalen Handels im östlichen Mittelmeerraum während der Bronzezeit. Daran entzündete sich der wissenschaftliche Streit. Vor allem vom Tübinger Althistoriker Frank Kolb und vom Kölner Archäologen Dieter Hertel wurde und wird vehement bestritten, dass Troja zu dieser Zeit überhaupt eine Stadt war. Kurz vor seinem Tod modifizierte Korfmann seine Meinung in Maßen und attestierte seinem Grabungsort nun: „Troja war nie der Nabel der bronzezeitlichen Welt oder gar deren Metropole.“

Die wissenschaftlichen Gegner attackierten vor allem Korfmanns Interpretationen zur Unterstadt von Troja. Der Burgberg, die Akropolis, ist zu 80 Prozent wissenschaftlich erschlossen, von der Siedlung vor den Mauern sind allenfalls 3 Prozent archäologisch bearbeitet. Viel Platz also für Deutungen und Disput, denn die Ausdehnung einer Unterstadt beschreibt natürlich die Größe – und Mächtigkeit – eines Fürstensitzes. In 20 Jahren Troja-Grabung ist es nicht zweifelsfrei gelungen, eine dicht bebaute bronzezeitliche Unterstadt flächendeckend nachzuweisen. Lediglich nahe der westlichen Akropolis-Mauer wurden bronzezeitliche Häuser ausgegraben. Ansonsten gibt es nur vereinzelte Ruinenreste und Wohnrelikte aus der Troja-VI-Zeit. Dieter Hertel meint: „Die ganze Theorie mit der Unterstadt ist weiterhin nicht beweisbar.“ Hertel hatte mehrere Jahre archäologisch in Troja gearbeitet, bevor er sich mit Korfmann überwarf. Auch danach war er fast jedes Jahr einmal dort.

WEG MIT DEm RÖMISCHEN KREMPEL

Die Schwierigkeit der Ausgräber, die Besiedlung aus dem 2. Jahrtausend v.Chr. nachzuweisen, lag und liegt immer noch in der Schuttschicht aus 800 Jahren hellenistischen, römischen und byzantinischen Lebens darüber. „Eine richtige Flächengrabung hat keinen Sinn“, meint Peter Jablonka, „weil wir dann erst einmal den ganzen römischen Krempel kriegen, der inzwischen auch klassische Archäologen nicht mehr interessiert. Außerdem würde das einen wahnwitzigen Aufwand bedeuten, weil wir das ja nicht einfach wegbaggern können, wie man das früher gemacht hat.“

Und dann zählt Jablonka leicht genervt auf, was die Archäologen schon alles unternommen haben: „Wir haben geophysikalische Messungen gemacht, wir haben die gesamte Oberfläche nach Scherben abgesucht, wir haben – schön verteilt über das ganze Gelände – gegraben und gebohrt, wir haben die bronzezeitlichen Quellhöhlen untersucht. Es gibt also einen ganzen Haufen Befunde zur Bronzezeit. Vieles ist dabei sehr fragmentarisch. Deshalb wird es immer irgendjemanden geben, dem das alles zu wenig ist.“ Einer davon ist Dieter Hertel, der inzwischen drei Bücher zu Troja geschrieben hat und die Schliemann-Schätze im Berliner Museum untersucht. Er hält dagegen: „Bei den Oberflächenuntersuchungen haben die Ausgräber diese graue Allerwelts-Keramik gefunden, die von etwa 1700 bis 300 v.Chr. im Gebrauch war, also keine genaue zeitliche Einordnung zulässt. Und bei den Grabungen in der sogenannten Unterstadt, unter den hellenistisch-römischen Schichten, wurde oft nichts gefunden, was auf Troja VI hindeutet.“ Hieb- und stichfeste Beweise für eine dicht besiedelte und ausgedehnte bronzezeitliche Unterstadt stehen bislang in der Tat aus. Vermutlich wird es weiterhin bei Indizien bleiben, weil natürliche Erosion und der Mensch den Boden vielfach und massiv umgepflügt haben. Ernst Pernicka seufzt: „Wenn ich erst einmal ein komplettes bronzezeitliches Haus in der Unterstadt gefunden habe, ist alles geklärt.“

DER INFIZIERTE

Pernicka gehört inzwischen zu den Troja-Infizierten. Als ihm 2005 nach dem plötzlichen Tod von Manfred Korfmann Auftrag und Lizenz für den „Schicksalsberg“ der deutschen Archäologie übertragen wurden, wollte er eigentlich nur „aus Verantwortung gegenüber meinem Freund und Kollegen Korfmann die Grabung abschließen und die Endpublikation edieren“. Denn der Professor für Archäometallurgie an der Universität Tübingen und wissenschaftliche Direktor des Curt-Engelhorn-Zentrums Archäometrie in Mannheim hatte „auch schon vor Troja einen ziemlich vollen Arbeitstag“ mit Aufgaben, die ihm wichtig waren. „ Doch nun werde ich von den Kollegen gedrängt, das Projekt weiterzuführen. Troja könne man nicht einfach aufgeben, bekomme ich gesagt.“

Außerdem ist Pernicka neugierig geworden und findet es nach den Vor-Ort-Erfahrungen der letzten drei Jahre „sehr verlockend, diese neue Situation um den Troja-VI-Verteidigungsgraben und die Toranlage zu klären“. Diese „neue Situation“ begann im Jahr 1989. „Damals“, erzählt Peter Jablonka, „wurde in der Unterstadt alle 20 Meter eine Sondagebohrung niedergebracht. Eines der Bohrlöcher konnte man damals nicht interpretieren: Es reichte tiefer in den Untergrund als das Loch in der Reihe davor und das danach.“ Man wusste noch nichts vom Unterstadtgraben, der erst 1994 prospektiert wurde. Der Befund von 1989 wanderte ins Archiv und wäre dort wohl in Vergessenheit geraten, wenn nicht ein Mitarbeiter des Troja-Projekts 1994 das Protokoll „ausgegraben“ und auf die Grabenstruktur bezogen hätte. Mit diesem 20 Jahre alten und damals unerklärlichen Messergebnis spürten die Troja-Forscher nun im Südosten der Unterstadt der Felsvertiefung nach, die sie „Verteidigungsgraben“ nannten. Denn die sonst so hilfreichen naturwissenschaftlichen Methoden – Geomagnetik, Geoelektrik, Bodenradar – erbrachten nur undefinierbares Rauschen. Jablonka sagt bedauernd: „Die physikalischen Bedingungen des Geländes sind einfach schlecht.“ Das aus der Reihe tanzende Bohrloch animierte die Ausgräber zu inzwischen drei gezielten Suchschnitten von zehn mal zwei Metern, mit denen sie tatsächlich eine in den Fels gegrabene Struktur über eine Länge von 200 Metern nachweisen können. Pernicka meint: „Es handelt sich um die Fortsetzung des bekannten Verteidigungsgrabens um die Unterstadt.“ Dieter Hertel hält – wie andere Kritiker – dagegen: „Es ist mit Sicherheit kein Verteidigungsgraben, dafür ist das Ganze zu mickrig. Ich bin ja an verschiedenen Stellen drübergesprungen!“ Vergleichbare Grabenanlagen orientalischer Städte, weiß Hertel, waren 8 Meter tief und 13 bis 14 Meter breit. Unbeeindruckt von derlei Einwänden fasst Ernst Pernicka die Erkenntnisse nach der letztjährigen Grabungskampagne so zusammen: Der Unterstadtgraben, ausgehoben in der Zeit um 1500 v.Chr. (Troja VI), ist im Schnitt vier Meter breit und zwei Meter tief in den Felsuntergrund eingemeißelt, wie verschiedene Suchschnitte ergaben. Mit einem Meter – inzwischen erodiertem – Erdboden über dem nackten Fels ergäbe sich ein drei Meter tiefer Graben.

Mit dem Aushub wurde wohl ein Schutzwall aufgeschüttet, der in den Jahrtausenden zerfallen ist. „Mit der jetzt erkennbaren Tendenz, weiter in Richtung Zitadelle zu laufen, schließt der Graben endgültig die Interpretation etlicher Kritiker als Wasser- oder Abwassergraben aus“, beharrt Pernicka auf seiner Interpretation. Durch die letztjährigen Suchschnitte wurde das Wehrwerk von den bereits bekannten 1,2 auf knapp 1,5 Kilometer verlängert, insgesamt könnte es 2,5 Kilometer messen.

MANGEL AN BEWEISEN

Um das zu belegen, müssten die Archäologen den weiteren Verlauf des Grabens kennen. Und da gibt es ein massives Problem: Im Osten – wo das Gelände sanft zur Burg hin ansteigt, also geradezu eine Einladung für anstürmende Feinde ist – gibt es bislang nicht die geringste Spur eines Grabens. Alle bisherigen Versuche, ihn dort mit geophysikalischen Mitteln nachzuweisen, gebaren ein Null-Ergebnis. Daraus zu schließen, „dass sich der Graben nachweislich nicht auf der Ostseite der Untersiedlung fortsetzt“, wie Dieter Hertel den Befund interpretiert, wäre vorschnell. Auch Geoelektrik, Geomagnetik und Bodenradar haben ihre Grenzen. Jablonka zeichnet den mühsamen Weg zur Erkenntnis vor: „Wir wollen weiter bohren und dann – bei einiger Sicherheit, dass da der Graben ist – einen Suchschnitt machen, so wie in den letzten beiden Jahren.“ Das ist aufwendig und zeitraubend, aber mit ein bisschen Glück, meint der Ausgräber, doch ein vielversprechender Ansatz, um den Verteidigungsgraben der Unterstadt zu komplettieren. Und da toppt Pernicka eine Aussage seines Vorgängers Manfred Korfmann zur Größe der Unterstadt, die heftig attackiert wurde: „Wenn der Graben da weitergeht, kommen wir für die Troja-VI-Unterstadt auf 35 bis 40 Hektar – statt wie bisher auf 25 Hektar.“ Das böte Platz für 5000 bis 10 000 Einwohner. Und das Südosttor mache die Überraschung schon jetzt perfekt: „Wir sehen nun, dass es sich tatsächlich um eine planmäßig angelegte Unterstadt handelt, nicht um eine Kuhweide.“

INTELLIGENT SPEKULIERT

Die Grabenanlage um die Troja-VI-Unterstadt diente rund 200 Jahre als „Annäherungshindernis“. Dann wurde sie zugeschüttet und durch einen neuen Graben ersetzt, der rund 150 Meter davor angelegt wurde und die Grenze von Troja VII markierte. Dadurch, so Pernicka, vergrößerte sich die Unterstadt von Troja VII noch einmal um 10 Hektar. Von diesem äußeren Verteidigungsgraben sind bislang nur etwa 200 Meter erfasst. „Man kann intelligent spekulieren“, so der Tübinger Archäologe, „dass die Ausdehnung notwendig war, weil die gesamte Region ab 1300 v.Chr. unsicherer wurde.“ Aus den archäologischen Erkundungen der weiteren Umgebung wissen die Forscher in der Tat, dass in Troja VII, also etwa ab 1300 v.Chr., die Zahl der Dörfer in der Troas zurückging. Das könnte darauf hindeuten, dass die Dorfbewohner Schutz in oder bei einer befestigten Stadt suchten. Vielleicht musste Troja VI deshalb erweitert werden. Viele Konjunktive also in Troja und noch mehr Fragen, aber dennoch große Gewissheit bei den Ausgräbern – sie müssen nur noch die Indizien durch Beweise ersetzen und die jahrelangen Versäumnisse ausbügeln.

Das will Pernicka mit seinem Team gerne tun, denn „wir haben natürlich bislang nur einen winzigen Bildausschnitt, und es wäre ein sinnvolles und neues Forschungsprojekt, den Troja-VI-Graben in seiner vollen Länge zu erforschen.“ Interesse haben die Ausgräber auch am Verteidigungsgraben von Troja VII: Wenn sie dessen Verlauf kennen, rechnen sie sich eine Chance aus, endlich den bronzezeitlichen Friedhof von Troja zu finden. Die dort zu erwartenden Grabbeigaben könnten Aufschluss geben über die Sozialstruktur und die Lebensbedingungen der Troja-Bewohner zur Zeit des Trojanischen Krieges – so es ihn gegeben hat.

Und so hofft Pernicka auf eine neue Finanzierung durch die DFG und Sponsoren. Institutionelle Unterstützung wäre ebenfalls willkommen. „Das Deutsche Archäologische Institut in Berlin wäre dafür ein logischer Partner“, meint Pernicka. Es gäbe Ansatzpunkte genug, um Troja nicht untergehen zu lassen. „Wir bekommen von überall sehr, sehr viel moralische Unterstützung“, sagt Jablonka sarkastisch. Geld wäre wohl wichtiger. Ebenso wichtig wäre der wissenschaftliche Schlussbericht über 20 Jahre Grabung. Jablonka verspricht: „Nach der ausführlichen Endpublikation wird es keine Diskussion mehr geben.“ ■

von Michael Zick

Ohne Titel

STein AUF STEIn – Der RUINENHÜGEL VON HISARLIK

Im Querschnitt werden die verschiedenen Besiedlungsphasen von Troja I (ab 2900 v.Chr.) bis Troja IX (ab 85 v.Chr.) sichtbar. Für die bessere Darstellung ist der Aufbau in die Höhe gestreckt. Das Problem für die Archäologen: Wollen sie die tiefer liegenden Schichten – wie etwa Troja VI und VII – erforschen, müssen sie zuvor erst die oberen, weniger interessanten Schichten abtragen.

BUrG UND UNTERSTADT – Beweise und Spekulationen

Gab es um 1500 v.Chr. tatsächlich eine Unterstadt zu Füßen der Burg? Die Grabung 2008 brachte nur einen Bruchteil des Verteidigungsgrabens und vermutlich das Südosttor zum Vorschein (Kasten oben links). Die übrige Begrenzung von Troja VI sowie Abschnitte anderer Epochen orteten die Forscher bisher nur anhand geomagnetischer Untersuchungen – ein Gutteil davon ist Deutung.

KOMPAKT

· Bei der Grabung 2008 in Troja haben die Forscher neue Hinweise auf die Größe und Bedeutung der Stadt gefunden.

· Doch die Kritiker des Langzeitprojekts sind damit nicht zum Schweigen gebracht.

· Eine Schicht römischer Reste versperrt den Ausgräbern an vielen Stellen den Durchbruch zum bronzezeitlichen Troja.

Ernst Pernicka

Der 59-jährige Wiener (Bild: mit Schliemann-Büste) wurde 2006 ungewollt zum Chefausgräber von Deutschlands bekanntester archäologischer Stätte – Troja in der Türkei. Seit dem Fund eines neuen Grabenstücks gehört der studierte Chemiker zu den Troja-Infizierten. Vom Altertum war er allerdings schon davor begeistert: In seiner Doktorarbeit beschäftigte sich Pernicka mit antiker Keramik aus Ostpersien. Der wissenschaftliche Direktor des Curt-Engelhorn-Zentrums Archäometrie in Mannheim und Professor für Archäometallurgie an der Universität Tübingen hat die Archäologie mit seinem naturwissenschaftlichen Instrumentarium erheblich bereichert.

Ohne Titel

TROJAS SCHICKSALSWEG DURCH DIE JAHRTausende

ca. 2400 v.Chr.:

„Schatz des Priamos“

1300 v.Chr.: Zerstörung

durch Brand oder Erdbeben

und Wiederaufbau

1180 v.Chr.: Zerstörung durch Brandkatastrophe oder („den“ Trojanischen?) Krieg

1180–900 v.Chr.: Einflüsse aus dem Balkan

ab 750 v.Chr.:

griechisches „Ilion“

720 v.Chr.: Homers „Ilias“

334 v.Chr.: Alexander

der Große besucht Troja

ab 85 v.Chr.:

römisch besiedeltes „Ilium“

ab 950: byzantinische Siedlung

1870: Heinrich Schliemann

beginnt, Troja auszugraben

1988–2005: Grabungen in Troja durch Manfred Korfmann

seit 2006: Grabungen

durch Ernst Pernicka

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